Herbst

Zwischen Abschied und Neuanfang

Wenn am 22. Oder 23. September der Herbst mit der Tag- und Nachtgleiche beginnt, nehmen wir langsam Abschied vom Sommer, auch wenn sich noch so manche warme Tage in den September hineinziehen. Mit dieser neuen Jahreszeit verspüren viele Menschen auch eine andere Stimmung in sich selbst aufkommen, die sich von der Lockerheit des heißen Sommers unterscheidet. Alles ist in Veränderung um uns herum. Wer genau beobachtet, was sich bei den Vögeln, den Tieren des Waldes, den Bäumen, Wiesen und Äckern alles verwandelt, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Auch die Temperaturen spielen oftmals noch eine ganze Zeit verrückt. Ist es an einigen Tagen noch sommerlich, so kann der nächste Morgen uns schon an das Volkslied gemahnen: “Es grauet schon der kühle Morgen”. Da heisst es dann plötzlich: warm anziehen, bevor man sich die nächste Erkältung ins Haus holt.

Doch bevor die Kälte tatsächlich für längere Zeit in unseren Gefilden Einzug hält, begrüßen wir zunächst den beginnenden Herbst mit: Sei mir gegrüßt, du Herbstesluft. In dieser Frische fühlen sich auch die Tiere, die nun zur Brunft versammeln, ihre Kämpfe austragen und nicht Kraft, Mut und Ehrgeiz scheuen, ihre neue Herde aufzubauen oder ihre alte zu verteidigen.

Schlaue Füchse, hetzende Hunde, das Jagdgeschrei von Treibern und Jägern, fliehende Hirsche, scheue Rehe,sich duckende Hasen und Wildschweine in Aufruhr– alles ist im ewigen Tanz von Werden und Vergehen. Der Heilige Hubertus bekommt viel zu tun und wird mit Bitten und Dank in dieser Jahreszeit überschüttet.

Doch auch die Pflanzen bieten Spekatuläres. Wenn im Purpurschein blinkt der wilde Wein wissen wir: die Farben rasten bald aus. Sie überlagern unsere Sinne mit schier endlosen Facetten von braun, gelb, rot und allen Schattierngen von grün. Kaum ein menschliches Auge ist in der Lage, all diese Schönheit aufzunehmen und differenziert in Augenschein zu nehmen. Doch wir wissen auch um die Zeitbedingtheit dieser Pracht: “Auf grünen Bergen wird geboren” ... und entflammt zum Feuerfinale in der Abendsonne, bevor es sich auch dem Gesetz der Endlichkeit wieder beugt.

Nicht nur die Pilze locken

»Zum Wald, zum Wald, da steht mein Sinn« wird ein jeder Naturliebhaber rufen, wenn nicht nur die Pilze locken, sondern vor allem der Duft und die Pracht der fallenden Blätter. Wie wundersame Teppiche aus fließendem Gold schimmert so manch ein Waldboden, wenn die schräg gestellte Sonne ihre Strahlen auf die vergehende Buntheit zaubert. Ein Biologe oder Chemiker wird dabei vielleicht an den Rückzug der Pflanzensäfte denken und das abgebaute Chlorophyll. Ein Kind mag sich an eine Märchenstunde erinnern und ein Greis vielleicht an sein verflossenes Leben, dass sinnbildlich in den fallenden Blättern in ihm noch einmal aufleuchtet. Ja, »Zum Wald da steht mein Sinn« mag auch ich ausrufen, wenn mir wieder einmal danach ist, diese besonderen Augenblicke der sich wandelnden Natur zu genießen. Und schon kommen eigene Worte in mir hoch, die zu meiner Stimmung passen:

Das Wasser im Bach, so kalt, so klar
Die Blätter - sie färben sich kunter und bunt
Was ist doch der Herbst für ein bunter Hund!
Zerzaust das Gefieder der Bäume
Verändert die tristen Räume
Schmeisst mit Fülle Farben zur Erde
Schickt uns Sonne und Wind mit wilder Gebärde

Lässt flattern, lässt tanzen
lässt Nebel steigen
lässt uns vor dieser Schönheit verneigen.“ (Christa Schyboll)

Wie sagt ein altes Volkslied: »Im Herbst, da muss man trinken« Und wieder einmal wird der Wein beschworen, der im Herbst seine letzte Reifung erfährt. Denn der Trauben Blut, mundet uns nicht nur gut, sondern verwöhnt auch unseren Gaumen. Doch bevor die Sinne trunken werden, ist es das Herz, das hier überläuft und reimt:

Betörend das Licht,
verwunschen der Schatten,

was da da zu mir spricht
Will mir Abschied abstatten ...

So lass ich sie ziehen
und bin voller Hoffen
dass im nächsten Frühling
ein Keim eingetroffen
der neue Vielfalt und Blüten spendet
und sich in Schönheit zu mir wendet (Christa Schyboll)

Vom jüdischen Laubhüttenfest

Schaut man in die sprachgeschichtliche Wurzel des Herbstes, so hat es den gleichen Ursprung wie das englische Wort harvest (Ernte-Zeit) und kom vom lateinischen carpere pflücken und dem griechischen karpós, was soviel wie Frucht, Ertrag bedeutet. In der litauischen Sprache ähnelt es dem Kirpti, was schneiden heisst und auch dem griechischen krōpíon für Sichel. Alles in allem bedeutet es Entzeit. Mancherort nennt man es auch Zeit der Weinlese oder auch Spätjahr als Spiegelform des uns allen bekannten Frühjahrs (zur Frühlingszeit).

Das jüdische Laubhüttenfest, das man im Hebräischen Sukkot nennt, wird fünf Tage nach dem Versöhnungstag im September oder Oktober eines jeden Jahres gefeiert. Es dauert sieben Tage an und erfreut sich besonders außerhalb Israels als das Torafreudenfest vor allem bei Familien mit Kindern großer Beliebtheit. Es erinnert an den Auszug der Israeliten aus Ägypten, als diese in provisorischen Behausungen wohnten. Im Gedenken daran wird, wo immer es im Garten, Hof oder Balkon möglich ist, eine Sukka gebaut. Eine mit Ästen und Stroh oder Laub gedeckte kleine Hütte, die unter freiem Himmel stehen muss.in Ihr werden die Mahlzeiten während der sieben Tage des Festes eingenommen, sofern es das Wetter zulässt. So manch ein Jude nimmt diese Laubhütte auch zum Anlass, während dieser Zeit seine Nächte im Gedenken darin zu verbringen.

Die Stimmung des Herbstes hat sich auch in die Herzen der Dichter und Lyriker in ganz besonderer Weise eingeschrieben. Eines der schönsten Herbstgedichte ist wohl der „Herbst“ von Rainer Maria Rilke, dem besonders begnadeten Dichter deutscher Sprache. Sein inniges Erleben des Naturphänomens im Zusammenhang mit dem Himmlischen trägt seinen eigenen Zauber beim Lesen, wo man doch gern noch einmal im Gras der letzten warmen Sonnenstrahlen verweilen mag und sich auch selbst sinnlich der Natur überlässt und gleich auch eigene lyrische Gedanken empfindet:

Es wiegt sich, es wogt, es streichelt die Luft,
bunt ist das Gras, ganz herrlich sein Duft
Es tanzt anmutig zart und lässt Sonnen durchscheinen
Will sich im Spiel mit Wind und Wolken vereinen
Meine Finger lasse ich zärtlich darüber gleiten
Mein Herz will sich im Tanze der Halme weiten

Meine Sinne sind geöffnet für Rausch und Klang
Mein Auge schmaust am leisen Vogelgesang
Mein Ohr erlauscht leises Wogen bis an den Horizont
Meine Seele bleibt vom Moment besonnt

Dann geht die Sonne ihren täglichen Weg
Das Gras wird ruhig, nichts mehr, das bebt.
Ich geh meiner Wege ins Dunkel der Zeit
Weiß mich behütet, bin voller Dankbarkeit (Christa Schyboll)