Das Lied »Neue Liebe, neues Leben« wurde, laut »Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde«, für Bettina von Arnim geschrieben, die im Frühling 1810 mit Beethoven verkehrte und ihn durch die Originalität ihres Geistes zu fesseln wußte. Natürlich bekennt auch sie, gleich allen bedeutenderen Frauen, die in seine Nähe kamen, sich, trotz seiner äußeren Unschönheit, in der alle Schilderungen übereinstimmen, völlig bezwungen von der Macht dieser überwältigenden Natur. »Er schreitet weit der Bildung der ganzen Menschheit voran, und ob wir ihn je einholen? – ich zweifle«, schreibt sie von ihm. Sie veröffentlichte später (1857) drei von ihm empfangene Briefe, deren Echtheit jedoch viel bezweifelt und bis heute nur zum Theil (bezüglich zweier) erwiesen ist. Der dritte derselben erwähnt eines Zusammentreffens mit Goethe, das im August 1812 in Teplitz herbeigeführt wurde. Die Verehrung, die der Musiker dem Dichter entgegenbrachte, dessen »Egmont« er in Musik gesetzt, und zwar, wie er geäußert: »blos aus Liebe zu seinen Dichtungen, die ihn glücklich machten«, blieb nur leider ziemlich einseitiger Natur, und die wahre Größe seines Zeitgenossen von Jenem unverstanden. »Sein Talent«, schreibt er an Zelter, »hat mich in Erstaunen gesetzt; allein es ist leider eine ganz ungebändigte Persönlichkeit, die zwar gar nicht Unrecht hat, wenn sie die Welt detestabel findet, aber sie freilich dadurch weder für sich noch für Andere genußreicher macht.«

Sein leidender Gesundheitszustand, der wol hauptsächlich durch seine angestrengte Beschäftigung mit der A-dur-Symphonie verursacht und verschlimmert worden, war die Veranlassung, die ihn zum Gebrauch der Badecur nach Teplitz und auf Geheiß seines Arztes noch nach Carlsbad trieb. Auch in Linz, wo sein Bruder Johann inzwischen seinen Wohnsitz aufgeschlagen, nahm er einen längeren Aufenthalt und brachte daselbst die achte Symphonie (F-dur) zur Vollendung. Wie trüb und entsagungsvoll seine Stimmung selbst inmitten der Thätigkeit an jener sonnenhellen Schöpfung war, das bekundet eine Stelle aus seinem Tagebuch. »Du darfst nicht Mensch sein, für dich nicht, nur für Andre, für dich giebt's kein Glück mehr als in dir selbst, in deiner Kunst – o Gott! gieb mir Kraft, mich zu besiegen, mich darf ja nichts an das Leben fesseln.«

Im Mai 1813, als seine Leiden wieder den Gebrauch einer Cur in Baden bei Wien nöthig machen, schreibt er in sein Tagebuch: »O Gott, Gott, sieh auf den unglücklichen Beethoven herab, laß es nicht länger so dauern.«Herbe Klagen erpreßt ihm der verwahrloste Zustand seines Hauswesens, bis eine Freundin, die Gattin des bekannten Pianofortebauers Streicher, es endlich unternimmt, einige Ordnung und Behaglichkeit in dasselbe zu bringen, indem sie ihm, dem auf die Vermittelung Anderer Angewiesenen, wenigstens einen zuverlässigen Diener verschafft. Die zarte Fürsorge und Pflege einer weiblichen Hand gehörte leider zu den Gütern, die ihm versagt blieben, seines heißen Begehrens ungeachtet. Darum berührt uns der Ausbruch seiner Sehnsucht so ergreifend, der sich in seinem Tagebuch findet: »Nur Liebe – ja nur sie vermag dir ein glückliches Leben zu geben! O Gott – laß mich sie, jene endlich finden, die mich in Tugend bestärkt – die erlaubt mein ist!« Er fand sie nimmer, und tröstet sich an anderer Stelle mit dem Trost der Resignation: »Nur in der idealen Welt findest du Freude« – »Nichts als Wunden hat die Freundschaft oder ihr ähnliche Gefühle für mich.«

Wol schien es, als ob das Schicksal ihm an Ruhm und äußeren Ehren wenigstens vergelten wolle, was es ihm im Uebrigen schuldig blieb: denn noch am Ende dieses leidenvollen Jahres 1813 war ihm ein hoher Triumph beschieden. Als nämlich Mälzel, der Erfinder des Metronoms, »zum Besten der in der Schlacht bei Hanau invalid gewordenen österreichischen und bayrischen Krieger« am 8. und 12. December 1813 zwei große Academien im Universitätssaal veranstaltete, da producirte auch Beethoven zwei seiner neuesten Arbeiten: die A-dur-Symphonie und das symphonische Orchestergemälde: »Wellington's Sieg, oder die Schlacht bei Vittoria«, welches Letztere zunächst für Mälzel's Panharmonicon, einen mechanischen Trompeter, componirt worden war. Die vorzüglichsten Künstler Wiens, wie Schuppanzigh, Spohr, Mayseder, Salieri, Siboni, Giuliani, Meyerbeer, Romberg, Hummel, Moscheles, vereinigten sich, um, zum Theil in ganz untergeordneten Partien, unter seiner Leitung mitzuwirken. Die Theilnahme des Publicums war eine außerordentliche und das Resultat ein glänzendes. Die Opposition, die seinen bisherigen symphonischen Arbeiten gegenüber ihr Wesengetrieben und selbst seine Concerte erst spät zu rechter Würdigung gelangen ließ: sie verstummte vor diesen neuesten Werken, und die Schlacht bei Vittoria, eins seiner untergeordnetsten Producte, ward für ihn zum glorreichen Sieg über das Heer von Zweiflern und Gegnern, das um ihn her seine Stimme erhoben hatte. Selbst für die tiefe Bedeutung der A-dur-Symphonie, der sammt der Eroica und C-moll der nächste Platz neben der neunten gebührt, schien, trotz der harmonischen Kühnheiten des letzten Satzes insbesondere, der Zuhörerschaft das Verständniß aufzugehen. Wenigstens berichtet die Kritik, daß das zart elegische Allegretto »wiederholt werden mußte und Kenner und Nichtkenner entzückte.«

Jenen ersten Aufführungen beider symphonischer Werke mußten bald – schon im Januar und Februar 1814 – Wiederholungen folgen, die einen nur noch gesteigerten Enthusiasmus und Jubelausbrüche hervorriefen, wie man sie bis dahin im Concertsaal noch nicht erlebt haben wollte. Bei dieser Gelegenheit brachte er auch seine lebensfrohe achte Symphonie zum ersten Mal zu Gehör, deren reizend graziösesAlegretto scherzando seinen ersten Keim in einem Canon, das Beethoven für Mälzel schrieb, fand.

Im April desselben Jahres wirkte er wieder in einem Wohlthätigkeitsconcerte mit. Er spielte mit Schuppanzigh und Linke gemeinsam sein großesB-dur-Trio und wiederholte dies noch einmal bald darauf in einer Matinée im Prater. Das war sein letztes öffentliches Auftreten als Clavierspieler. Sein zunehmendes Gehörübelverbot ihm fortan die öffentliche Ausübung seiner Virtuosität, wiewol er noch 1819 im Stande war, den Claviermeister Carl Czerny, der drei Winter hindurch einen Kreis von Künstlern und Kunstfreunden zum Vortrag Beethoven'scher Compositionen um sich versammelte, mit Rath und Anleitung zu unterstützen, und noch im Jahre 1822 in geselligen Kreisen meisterlich phantasirt haben soll.

Einen höchsten Ehrentag noch feierte er, ehe dies weltgeschichtliche Jahr 1814, das glanzvollste seines Lebens, zur Rüste ging. Es sollte die Sonne seines Glücks im Zenith sehen. Das bei Gelegenheit des Wiener Congresses, am 29. November von ihm veranstaltete Concert vereinigte in den beiden Redoutensälen das glänzendste Publicum Europas. Nahe an sechstausend Zuhörer, sämmtliche Monarchen, die in Wien anwesend und von Beethoven persönlich eingeladen worden waren, befanden sich gegenwärtig. Ihnen widmete er auch die Festcantate: »Der glorreiche Augenblick«, die eigens für diesen Zweck von ihm componirt und sammt der A-dur-Symphonie und der »Schlacht bei Vittoria« aufgeführt wurde. Der Erfolg war bedeutend, und wenige Tage darauf schon fand eine Wiederholung statt. Für die Cantate, deren Werth den einer Gelegenheitscomposition nicht übersteigt, deren »barbarischer« Text aber später durch ein Gedicht von Rochlitz: »Preis der Tonkunst« ersetzt ward, ertheilte ihm der Magistrat das Wiener Ehrenbürgerrecht. Vielfache Auszeichnung auch erwiesen ihm die vornehmen Gäste, die zum Congreß zusammengeströmt waren; denn Jeder bemühte sich, ihm seine Huldigung darzubringen. Besonders in den Gesellschaften des russischen Gesandten, seines Gönners, des jetzt gefürsteten Rasumowsky, und beim Erzherzog Rudolph sah er sich den höchsten Häuptern gegenüber und von diesen – namentlich von der russischen Kaiserin – durch die schmeichelhaftesten Ausdrücke ihrer Bewunderung geehrt. Noch später pflegte er gern zu erzählen, wie er sich von all den fürstlichen Personen habe »die Cour machen« lassen.

In grellem Widerspruch zu den ermuthigenden Ereignissen dieses Jahres standen leider schon die Erlebnisse der nächsten Zeit. Im November 1815 starb Beethoven's Bruder Carl, und dessen Testament übertrug ihm die Vormundschaft über seinen hinterlassenen Sohn. Er trat in der That eine Erbschaft an, die eine Quelle der bittersten Erfahrungen für ihn werden sollte. Nicht allein, daß dieses neue Amt ihm, dem von den praktischen Dingen des Lebens Abgekehrten, ganz nur seiner Kunst Dahingegebenen, vielfältige Opfer auferlegte, es verwickelte ihn auch – da er den ihm anvertrauten Knaben dem schädlichen Einfluß seiner verderbten Mutter zu entziehen genöthigt war – in unerquickliche Streitigkeiten und einen langwierigen Proceß, der erst nach vier Jahren zu seinen Gunsten entschieden ward. Aber auch der seiner Liebe und Großmuth sich wenig werth erweisende Neffe selber that das Seine, um Kummer und Aergerniß aller Art auf das Haupt seines Wohlthäters zu häufen und die letzten kostbaren Jahre seines Lebens zu umdüstern und abzukürzen. Dazu bedrängten körperliche Leiden, häusliche Widerwärtigkeiten, ja materielle Sorgen den Künstler von allen Seiten und entpreßten seinem gequälten Gemüth manche verzweifelte Klage. »Gott, helfe! Du siehst mich von der ganzen Mensch heit verlassen«, heißt es im Tagebuche von 1816, und in einem Briefe an Ries vom Mai 1819 schreibt er: »Ich war derweilen mit solchen Sorgen behaftet, wie noch mein Leben nicht, und zwar durch übertriebene Wohlthaten gegen andere Menschen.«

Im August 1820 geschieht es sogar, daß er »vier böse Tage« hindurch »mit einem Glas Bier und einigen Semmeln« als Mittagsmahl fürlieb nehmen muß, da ihm die Mittel fehlen, etwas Anderes zu genießen. Zwar ist er im Besitz eines kleinen Capitals, das er sich dank der Concerterträgnisse des Jahres 1814 zurückgelegt, allein er betrachtete dasselbe als Erbtheil seines Neffen und als solches als unangreifbar. Und auch das Componiren ging ihm gerade zu dieser Zeit langsamer denn sonst von der Hand; obgleich er bereits seine zwei gewaltigsten Schöpfungen: die Missa solemnis und die neunte Symphonie, im Geiste mit sich herumtrug und gestaltete. Von vollendeten Arbeiten aber umschließt der Zeitraum von 1815–1822, mit dem wir in die letzte Periode Beethoven's eintreten, als Werthvollstes nur die letzten Sonaten op. 101–111, die Ouverturen op. 115 und 124 (zur »Namensfeier« und zur »Weihe des Hauses«), den »elegischen Gesang«, »Meeresstille und glückliche Fahrt«, den Liederkreis: »An die entfernte Geliebte« und die Quartettfuge op. 133.

Die Sonate op. 101 war die einzige, die bei Lebzeiten des Componisten öffentlich vorgetragen ward. Immer tiefer in sich gekehrt giebt er sich in ihr und den letzten vier Sonaten; immer losgelöster von der Außenwelt. Ihre Stimmen erreichen nicht mehr seinen Sinn, berühren sein Ohr nicht mehr. Er lauscht nur noch nach innen und hält mit seiner Seele Zwiesprache und singt jene tiefsinnigen Dichtungen, die uns das Geheimniß eines höheren Daseins enthüllen. Oder kommt uns im Adagio der B-dur-Sonate, im ersten und dritten Satz der in As-dur nicht eine Vorempfindung der Verklärungswelt, wie sie die neunte Symphonie uns offenbart? Von diesen letzten Schöpfungen des Meisters und mit noch größerem Rechte ließe sich sagen, was Berlioz von der F-dur-Symphonie gemeint, sie sei ohne Vorbild vom Himmel gefallen.

Was der Componist selber von der B-dur-Sonate geäußert, daß sie in »drangvollen Umständen geschrieben« sei, das findet mehr oder weniger auf jedes seiner späteren Werke Anwendung. Herbes Leid brach nach den vorangegangenen Prüfungen noch im Jahre 1822 über unsern Meister herein. Es war nur die Vollendung dessen, was sich seit Langem vorbereitet, und dennoch traf es ihn mit so schwerer Gewalt, daß er sich, wie Schindler berichtet, nie wieder von diesem Schlage ganz erholte. Er sollte, so wünschte man, die Aufführung seines nach achtjähriger Pause, als Benefiz der Wilhelmine Schröder wiederaufgenommenen »Fidelio« leiten, und trotz der Warnungen seiner Freunde erklärte er sich dazu bereit. Die Erfahrungen bei einem Concert im Universitätssaale 1819 und bei der jüngst erlebten Eröffnungsfeier des Josephstädter Theaters – wo Beethoven seine Ouverture »im Händel'schen Style« (op. 124) und ein Festspiel mit der Musik zu den Ruinen von Athen dirigirte – hatten erwiesen, daß ihn sein Gehörleiden zur Leitung großer Massen unfähig machte. Er selber nur täuschte sich noch über den vollen Umfang seines Uebels. Die Hauptprobe begann; doch schon in der ersten Nummer nach der Ouverture zeigte es sich, daß der Dirigent von dem, was auf der Bühne vorging, nichts hörte. Das Orchester folgte ihm, während die Sänger ihre eigenen Wege gingen. Man brach ab und begann von Neuem. Derselbe Vorfall wiederholte sich, ohne daß Beethoven die Ursache dessen gewahr geworden wäre. Es ging nicht weiter, das sahen sie Alle; doch keiner wagte es dem Meister auszusprechen. Da bat ihn Schindler, der ihn begleitet hatte, schriftlich, nicht weiter fortzufahren: nun wußte er Alles. Unaufhaltsam eilte er in seine Wohnung zurück; dort warf er sich auf das Sopha und bedeckte sein Angesicht mit beiden Händen. Kein Laut kam über seine Lippen; aber »die ganze Gestalt war das Bild der tiefsten Schwermuth und Niedergeschlagenheit.« Endlich bat er Schindler, ihn am anderen Tag zu seinem Arzt zu begleiten. Das geschah. Doch geholfen werden konnte ihm nicht mehr: es war zu spät. Vielleicht wäre das Uebel früher zu heben gewesen, hätte er den Rathschlägen der Aerzte willigeres Gehör geschenkt. So aber dünkte ihn jede Vorschrift, jede Art von Beschränkung eine lästige Fessel, die er rücksichtslos von sich warf. So viele Aerzte er auch um Beistand anrief, keiner vermochte ihn dazu, sich seinen Verfügungen unterzuordnen. So wurde es schlimmer und schlimmer, bis das Uebel unheilbar ward. Er klagte nun nicht mehr; schweigend ertrug er sein hartes Geschick.

Als die unvergängliche Frucht still getragener Schmerzen, ernstester Selbsteinkehr und Weltentsagung aber brachte das Jahr 1823 seine Missa solemnis an's Licht. Ursprünglich für die Installation seines Schülers, des Erzherzogs Rudolph, als Erzbischof von Olmütz bestimmt, war diese seine zweite Messe in D bereits im Spätherbst 1818 von Beethoven begonnen worden. Schon beim ersten Satze indeß wuchs das Werk zu so mächtigen Verhältnissen an, daß die Vollendung desselben bis zu dem festgestellten Zeitpunkt (März 1820) sich als unmöglich herausstellte. Weit über jede äußerliche Rücksichtnahme, über das Bereich des für die Kirche praktisch Brauchbaren ward er vom Geist hinausgeführt, um ein Gebäude aufzurichten, wie es seinen innersten Bedürfnissen und Anschauungen entsprach. Wer nennt ein Menschenwerk, das mit größerer Freiheit auferbaut ward, das gleicherweise aller irdischen Fesseln spottet? Himmelweit steht diese zweite Messe über der ersten, die er für Esterhazy schrieb, über allen gleichartigen Erzeugnissen früherer Meister – die eine Bach'sche Messe nur ausgenommen – dem Geist und der Fassung nach. Mit gigantischer Hand rüttelt er, der sie schuf, an den alten, gewohnten Formen. Er dictirt sich selbst sein Gesetz; mag dasselbe immerhin die Grenzen des Möglichen hinsichtlich der Ausführbarkeit berühren. Mit gewaltigerer Stimme hat noch kein Sterblicher zu seinem Gott geredet und, von der Last unaussprechlichen Leides darniedergebeugt, ihm ein herrlicheres Preislied gesungen. Jedes einzelne Wort füllt sich ihm mit Geist und Leben, mit einer Art dramatischer Wahrheit. So fleht er im Staube liegend sein Kyrie eleison und jubelt weltüberwindend seinGloria. Fest und unerschütterlich ruht sein »Ich glaube!« und wie aus himmlischen Höhen trägt er im Benedictus die frohe Botschaft hernieder. Im Agnus zieht er das weltliche Element heran, von der Sphäre des Göttlichen steigt er zum Menschlichen herab. »Vom Herzen kam's, zum Herzen soll es dringen«, setzt er als Motto über sein Werk. Alles, was von Frömmigkeit und Andacht, von Glaube, Liebe und Hoffnung in ihm war, das legte er in diesem seinem Glaubensbekenntniß nieder. Nicht vom Standpunkte des Katholiken, des streng confessionellen Christen aus: das war er bei allem tief religiösen Empfinden nicht. Galten ihm doch die Inschriften eines ägyptischen Tempels, die er eigenhändig abgeschrieben, unter Glas und Rahmen auf seinem Schreibtisch verwahrte, als Inbegriff reinster Religion: »Ich bin, was da ist.« »Ich bin Alles, was ist, was war und was sein wird, kein sterblicher Mensch hat meinen Schleier aufgehoben.« »Er ist einzig von ihm selbst, und diesem Einzigen sind alle Dinge ihr Dasein schuldig.« Der Idee der zu einer Gemeinde verbrüderten Menschheit vielmehr giebt diese Messe Ausdruck. In diesem Sinne ist sie dem Werk verwandt, das der Meister nächst ihr geschrieben und das mit ihr gemeinsam die Spitze seines gesammten Schaffens bildet: der Symphonie mit Schlußchor über Schiller's Ode »an die Freude«; nur faßt diese weltlich, was jene kirchlich ausspricht.

Höchste, göttliche Begeisterung, wunderbarste Seherkraft nur vermochte diesen beiden Werken den Ursprung zu geben. In der That erzählt uns Schindler, daß er den Meister niemals vor und nach jener Zeit in einem ähnlichen Zustande geistiger Aufgeregtheit und völliger Erden-Entrücktheit gesehen habe, als während der Beschäftigung mit dieser Messe. Beispielsweise erwähnt er eines Vorfalls in Mödling, wo Beethoven im Sommer 1819 seinen Aufenthalt genommen, wie folgt: »In einem der Wohnzimmer bei verschlossener Thür hörten wir den Meister über der Fuge zum Credo »Et vitam venturi« singen, heulen, stampfen. Nachdem wir dieser nahezu schauerlichen Scene lange schon zugehorcht und uns eben entfernen wollten, öffnete sich die Thür und Beethoven stand vor uns mit verstörten Gesichtszügen, die Beängstigung einflößen konnten. Er sah aus, als habe er soeben einen Kampf auf Tod und Leben mit der ganzen Schar der Contrapunktisten, seinen immer währenden Widersachern, bestanden. Seine ersten Aeußerungen waren confus« u.s.w. ... »Niemals wol«, fügt er hinzu, »dürfte ein so großes Kunstwerk unter widerwärtigeren Lebensverhältnissen entstanden sein als dieseMissa solemnis!« So ward dies Werk zum Triumph über die Noth des Lebens in der Hingebung an den »Allmächtigen, Ewigen, Unendlichen«, zu dessen Ehre zu schaffen ihn innerster Beruf getrieben.

Doch er that sich selbst nicht genug mit diesem einen Siege; nicht allein in der Hingabe an den Höchsten, sondern auch in der Liebe zur Menschheit, zu den Brüdern, wollte er das Schicksal überwinden. Das sagt die neunte Symphonie. Sie ist der eigenthümlichste Ausdruck seiner Individualität, das Resultat eines leidensvollen Lebens, in unablässigem Ringen nach dem Edelsten, Höchsten hingebracht: sie ist selbst ein höchstes Erlebniß. Den Kampf mit den Schicksalsmächten, den nicht eigene Kraft, nicht Humor, noch fromme Ergebung zu besiegen vermag, überwindet die Liebe, die sich selbst verliert, beseligt in der Menschheit heiliger Verbrüderung.

Die äußere Gestalt des colossalen Werkes schon überragt alle übrigen symphonischen Schöpfungen des Künstlers: er hatte mit Recht etwas völlig Anderes, Neues zu schaffen verheißen. Zu einem gigantischen Bau wuchs die Form empor, in unerhörter Weise entwickelt sich der polyphone Reichthum, der Wunder der Instrumentation, der rhythmischen und harmonischen Kühnheiten finden sich mehr denn sonst. Und wer will die Fülle himmlischen Gesanges im Adagio schildern, dieser Glorie der Instrumentalmusik? Der Schwerpunkt des Ganzen aber liegt in der Combination des Instrumentalen mit dem Vocalen, in der Herzuziehung der Menschenstimme und der damit erzielten überwältigenden Steigerung im Schlußsatz. Töne allein sagen es nicht mehr aus, was er zu sagen begehrt – er ruft das Wort zu Hülfe. Der Tonkunst vermählt sich in dithyrambischer Feier die Poesie. Was er uns hier gegeben, ist unerreicht geblieben und bleibt es wol auch. Ob er selber in jener zehnten Symphonie, die er bereits zu skizziren begann, darüber noch hinausgeschritten wäre, ob dies überhaupt möglich – wer sagt es? Wagner nennt die Neunte die »letzte Symphonie«.

Die beiden Werke wurden beendigt, während Wien in den Banden des Schwans von Pesaro und seineropera italiana lag. Im Wonnetaumel über Rossini's holde Melodien vergaß man Beethoven's und seiner ernsten Gedanken. Da wandte sich im Februar 1824 eine Anzahl seiner Verehrer an ihn mit der Bitte, seine jüngsten Schöpfungen nicht länger der Oeffentlichkeit vorzuenthalten. Eine große Academie im Kärthnerthor-Theater, deren Programm aus der letzten Ouverture, dem Kyrie, Credo, Agnus und Dona aus der Missa solemnis (unter dem Titel: Drei große Hymnen) und der neuen Symphonie bestand, war das endliche Resultat dieses Gesuchs. Der Meister selbst nahm an der Leitung des Ganzen Theil, wiewol er dieselbe natürlich nicht selbständig mehr übernehmen konnte.

Groß war der künstlerische Erfolg dieses Abends, der Neuheit der dargebotenen Werke ungeachtet. Nur blieben leider die Jubelausbrüche der begeisterten Menge dem Ohre dessen unvernehmbar, der sie hervorgerufen, und die Sängerin Unger mußte ihm ein Zeichen geben, damit er die Theilnahme desselben wenigstens sah. Dagegen blieb das materielle Ergebniß hinter den Erwartungen Beethoven's zurück und ein zweites Concert zeigte ein noch ungünstigeres Resultat. Wie sehr aber hätte er gerade damals eines besseren bedurft! Von drückender Schuldenlast umgeben, mit der Sorge für den Neffen beschwert, wußte er kaum aus noch ein. Auch die Hoffnung, durch seineMissa solemnis eine ansehnlichere Einnahme zu erzielen, erfüllte sich nicht, und von allen Höfen Europas, die er zur Subscription auf »sein gelungenstes Werk« eingeladen, hatten sich nur fünf dazu bereit gefunden. Zwar boten sich ihm mannigfache Anträge, die seine Lage wol zu verbessern im Stande gewesen wären, wie die Composition eines Oratoriums für die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, und ein Gleiches für die philharmonische Gesellschaft in Boston. Auch die Composition einer Messe für den Kaiser wurde angeregt; Opernpläne tauchten wieder auf, und das alte, schon seit Jahren gepflegte Lieblings-Project einer Reise nach England erhielt durch eine wiederholte Einladung der philharmonischen Gesellschaft in London neue Nahrung. Aber auch diese letzte lucrative Aussicht, die all seinen Nöthen mit einem Male ein Ende zu machen versprach, blieb unverwirklicht, aus Rücksicht für den Neffen, den Beethoven gerade zu dieser Zeit nicht verlassen zu dürfen meinte. Und ebenso seine eigenen Ideen einer zehnten Symphonie und einer Musik zum Faust, der ihm als »Höchstes« galt, sie kamen nimmer zur Ausführung.

Schon 1822 hatte er zu Rochlitz, der ihn besuchte, geäußert: »Seit einiger Zeit bring' ich mich nicht mehr leicht zum Schreiben. Ich sitze und sinne und sinne; ich hab's lange, aber es will nicht auf's Papier. Es grauet mir vor'm Anfang so großer Werke.« So fehlt ihm selbst Muth und Kraft zu Kleinerem, wie er noch unlängst die genialen 33 Variationen über einen Diabellischen Walzer (op. 120) veröffentlicht hatte: dies neue glänzende Zeugniß des Reichthums, der ihm an verändernder Kraft zu Gebote stand.

Nur eine Aufgabe noch vermochte ihm Theilnahme und Thätigkeit abzugewinnen: eine Reihe von Quartett-Compositionen, die er für den russischen Fürsten Galitzin liefern sollte. Ihr widmete er seine Kräfte in den Jahren 1824–26, und so entstanden denn jene wunderbaren fünf letzten Quartettdichtungen, mit denen er sein Tagewerk hienieden beschloß.

Ungleich schwerer noch als die zweite Messe und die neunte Symphonie haben sie den Weg zum allgemeinen Verständniß gefunden, und hartnäckiger als um diese ist der Kampf für und wider sie durchfochten worden. Des strahlenden Glanzes freilich, der überwältigenden Macht jener erhabensten Werke entbehren sie; sie führen uns in eine stille einsame Welt düsterer Gedanken und Phantasien ein. Nichts von der Plastik der Darstellung, die den früheren Ergüssen ihres Schöpfers eigen, lassen sie gewahren, mehr angedeutete als klar erkennbar ausgeführte Bilder, mehr Stimmungen und Träume als ausgeprägte Gedanken: Träume eines Riesengeistes freilich. Dazwischen Züge entschlossener Kraft und tiefsinnigen Gefühls, ein leises Echo verklungenen Humors. Es fallen auch Sonnenstrahlen mitunter und hellere Lichter; aber den Grundton bildet doch eine tief tragische Stimmung. Der Dichter, der solches schuf, schaut in sich selbst hinein. Wollen wir uns wundern, daß der Reflex dieses Spiegels so dunkel? Dabei spielt auch die Außenwelt mit ihren wechselnden Bildern in die Quartette hinein und läßt unbestimmte Empfindungen sich zu bestimmten Vorstellungen verdichten, worauf hier und dort ausdrücklich Worte hinweisen. So im A-moll-Quartett op. 132, das er nach schwerer Krankheit schrieb, der »Dankgesang« in lydischer Tonart, oder in dem in F-dur op. 135: »Der schwergefaßte Entschluß«, wo man das »Muß es sein?« – »Es muß sein!« mit der Deutlichkeit der Wortsprache zu vernehmen glaubt. Enger als vielleicht irgend ein anderes seiner Werke knüpft sich zumal das ergreifende Cis-moll-Quartett an die Persönlichkeit des Tondichters, das unter seinen Streichquartetten etwa den gleichen Rang behauptet, wie die große B-dur-Sonate unter den Pianoforte-Werken, die Neunte unter den Symphonien, die Missa solemnis unter seinen Chor-Compositionen, ja unter allen Werken ihrer Gattung überhaupt. Es ist wahr, die Hand des Componisten hat in diesen Quartetten über der üblichen Architectonik der Instrumentalform mit vollkommener Souveränetät geschaltet und in dem von Alters her geltenden Maß keine Schranke erblickt für den Reichthum seines Empfindens. Auch der Vorwurf harmonischer Härten, wie sie sich durch eine gewisse Rücksichtslosigkeit in selbständiger Führung der Stimmen ergeben, ist kein müßiger. Aber es ist eben das charakteristische Wahrzeichen der ltzeten Entwickelungsstufe Beethoven's, daß er die Idee ausbreitet über die Form, sie ihr überordnet, statt, wie bisher geschehen, beide einander nebenzuordnen. Das ist der geistige Standpunkt, den er seiner Kunst gewonnen. Mit ihm ging das Andere Hand in Hand, daß er Musik und Leben, Kunstwerk und künstlerische Persönlichkeit in ein bezügliches Verhältniß gebracht, daß er die Wirklichkeit in ihren Kreis aufgenommen und ihr gleicherweise die Unendlichkeit erschlossen; daß er das Ewige der Menschheit aussprach in einer allen Völkern und Zeiten verständlichen Sprache. Die Vergeistigung der Musik war sein Beruf; die Nachfolge auf dieser Bahn aber ist die große Erbschaft, die das ihm nachgeborene Kunstgeschlecht von ihm überkommen.

Ein trübes, freudloses Bild, im Gegensatze zu der verklärten Welt seines Schaffens, gewähren des Meisters letzte Lebensjahre. Schwere Kränkung brachten sie ihm gerade von Seiten dessen, für den er so treue Sorge getragen, so viele Opfer gebracht: von seinem Neffen. Denn all seine treue Fürsorge vermochte den auf Abwege Gerathenen vor den Folgen gewissenlosesten Leichtsinns nicht zu schützen. Kaum ein Jahr, nachdem der im Uebrigen talentvolle Jüngling, um Philologie zu studiren, die Universität bezogen, mußte er dieselbe wiederum verlassen. Nicht besser erging es, als er im polytechnischen Institute Aufnahme gefunden. Genug, er kam im August 1826 dahin, durch Selbstmord sein Leben enden zu wollen. Hierauf, den Landesgesetzen gemäß, behufs »religiöser Erziehung«, von Obrigkeits wegen in Gewahrsam gebracht, ward er zu Ende September der Obhut seines Pflegevaters mit der Weisung zurückgegeben, ihn nicht länger als 24 Stunden in Wien zu belassen. Indeß Stephan von Breuning es übernahm, für ein geeignetes Unterkommen im Militär Sorge zu tragen, fand Beethoven sich nun genöthigt, gemeinsam mit dem ungerathenen Neffen auf dem Landgute seines Bruders, Gneixendorf bei Krems, eine Zuflucht zu suchen.

Die Ungunst der Jahreszeit und die »unglaubliche Rücksichtslosigkeit«, die er daselbst namentlich in Bezug auf seine Gesundheit erdulden mußte, zwang ihn jedoch vor der beabsichtigten Zeit zur Rückkehr nach Wien. Er mußte, da sein Bruder ihm seinen geschlossenen Wagen verweigerte, die Reise im offenen Gefährt zurücklegen und langte in Folge dessen an einer Lungenentzündung, wie es heißt, erkrankt, am 2. December daheim an. Zwei Aerzte, die man herbeirief, versagten, da sie den Eigenwillen des Kranken kannten, ihren Beistand. So sollte der Neffe bei einem dritten Hülfe suchen. Er zog vor, sich mit Billardspiel zu unterhalten und die Sorge für den Arzt einem Kellner zu überlassen. Dieser vergaß es jedoch. Erst als er mehrere Tage später selber erkrankte und in die Klinik geschafft wurde, erinnerte er sich des empfangenen Auftrags und theilte ihn dem Arzte mit, der sofort zu dem verlassenen Meister eilte. Er tam zu spät. Die vernachlässigte Krankheit ging in Wassersucht über. Wiederholte Operationen wurden nöthig: doch verlor Beethoven nicht die Hoffnung und beschäftigte sich sogar auf's Neue mit Compositionsgedanken. Das Letzte, was er vollendete, blieb jedoch der in Gneixendorf geschriebene Schlußsatz des B-dur-Quartettsop. 130.

Nur die Sorge für den Neffen, der mittlerweile als Cadett in ein Regiment in Mähren eingetreten war, ließ ihn auch jetzt nicht ruhen. Er fürchtete, daß dieser, nun er selbst nichts mehr verdiene, gleichzeitig mit ihm Mangel leiden müsse, und so entschloß er sich endlich, wenn auch nach langem Bedenken, den ihm befreundeten Moscheles um Veranstaltung eines ihm von der philharmonischen Gesellschaft in London früher offerirten Benefiz-Concertes anzugehen.

Wirklich erhielt er alsbald hundert Pfund Sterling und die Versicherung, daß man zu weiteren Diensten gern bereit sei. Am Tage nach Empfang dieser Sendung, den 18. März 1827, dictirte er noch einen Brief voll warmer Dankesäußerungen. Es war sein letzter. Er fühlte nun selbst sein nahes Ende und sah mit Seelenruhe dem Tode in's Angesicht. In seinem letzten Willen setzte er den Neffen zum Universalerben ein. Am Mittag des 24. März wurden ihm auf sein Begehren die heiligen Sterbesacramente gereicht, die er mit tiefer Andacht entgegennahm. Den Freunden, die sein Lager umstanden, rief er sodann noch zu: »Plaudite amici! Comoedia finita est.« Darauf begann der Todeskampf. Er währte lange; erst in der sechsten Abendstunde des 26. März war er vollbracht. Unter Sturm und Gewitter schied Beethoven's große Seele.

Anselm Hüttenbrenner, ein Musiker und Verehrer des Meisters, der, um ihn noch einmal zu sehen, aus Gratz herbeigeeilt war, drückte ihm die Augen zu.

Auf dem Währinger Friedhofe ward ihm seine letzte Ruhestätte bereitet, und unermeßliche Theilnahme gab ihm, in dem man Unermeßliches verloren, am Nachmittag des 29. März dahin das Geleite.

Schlichte Denksteine bezeichnen sein Grab und eine Stelle im nahen Heiligenstadt, wo er vor anderen Orten gern geweilt. Ein stattlich Monument – zum vollen Dritttheil eine Stiftung Franz Liszt's – aber zeugt von ihm in Bonn am Rhein, der Stätte seiner Geburt, und auch in Wien, wo er gewirkt und vollendet, erhebt sich seit dem Mai 1880 das Standbild des Meisters aller Meister, dessen Besitz unser höchster Stolz. Denn wie uns Musik der Inbegriff allen Wohlklangs, so bleibt uns der Name Beethoven der Inbegriff von Musik. Was die Tonkunst vor ihm hervorgebracht, ist ein Hinstreben zu ihm, was sie nach ihm erzeugt, ein Hervorgehen aus ihm. Der universellste und der individuellste Tonmeister, der Vollender 'der Classicität und aller Thaten, welche die Größten vor ihm gewirkt, ward er zugleich das Fundament, der Mittel- und Ausgangspunkt der modernen romantischen Musikrichtung. So, einem Janus gleich, sein Doppelantlitz Vergangenheit und Gegenwart zukehrend, erfüllt und beherrscht er beide, als ein Prophet des Ewigen der Menschheit, der in Wahrheit sagen durfte: »Höheres giebt es nichts, als der Gottheit sich mehr als andere Menschen nähern und von hier aus die Strahlen der Gottheit unter das Menschengeschlecht verbreiten!«