Die Veröffentlichung der ersten, Lichnowsky gewidmeten Trios, die nach dem Zeugniß des Verlegers »mit so vielem Beifall aufgenommen worden«, blieb nicht das einzige wichtige Ereigniß des Jahres 1795; am 29. März desselben Jahres erschien Beethoven, den man bisher nur in den Privatconcerten des Adels bewundert hatte, zum ersten Male in einer Academie der Tonkünstler-Gesellschaft als Virtuos und Componist vor dem großen Wiener Publicum. Er spielte sein erstes Pianoforteconcert in C-dur (op. 15), das frisch aus seiner Feder kam und dessen Hauptpartie er, wie er dies auch später zu thun pflegte, aus leeren Stimmblättern vortrug. Von dem Erfolg dieses ersten Auftretens wird uns nichts berichtet. Auf die wachsende Verbreitung seines Namens aber deutet eine Anzeige der »Wiener Zeitung« hin, darin die Gesellschaft der bildenden Künstler zu ihrem alljährlich stattfindenden Maskenball mit der Bemerkung einladet, daß »die Musik zu den Menuetten und deutschen Tänzen für den kleinen Redoutensaal von der Meisterhand des Herrn Ludwig van Beethoven, aus Liebe zur Kunstverwandtschaft, verfertigt« sei. So mußte, nach dem Vorgange Haydn's, Mozart's und anderer berühmter Namen, nun auch der ernstere Beethoven dem tanzlustigen, lebensfrohen Wien seinen heiteren Zoll entrichten. Wunderbar mag ihn, den »leisegestimmten«, in sich gekehrten Mann, die Art der Lebensführung angemuthet haben, wie sie der Wiener liebt. Unterhaltung, flüchtige Sinneserregung nur forderte man von der Musik; nur als die gefällige Muse, mit lächelndem Angesicht wollte man sie sehen, nicht ernst beschaulich oder gar schmerzenkündend, mit gedankenvoller Stirn und thränendem Auge. Genuß war das Losungswort im Leben wie in der Kunst. Vermochte doch selbst Mozart, das echte Oesterreicher Kind, voll unbewölkter Seelenheiterkeit und Lebensfreudigkeit, nicht rasch und allseitig durchzudringen mit seinen Werken, die doch dem Verständniß freundlich entgegenkommen und deutsche Gemüthstiefe mit italienischem Liebreiz vermitteln. Um wie viel schwerer mußte es Beethoven, dem der realen Welt fast Entfremdeten, ganz dem Idealen Zugeneigten, gelingen, Boden zu fassen. Gleichwol eroberte er sich binnen wenigen Jahren eine Stellung in der Gesellschaft, wie sie die zu europäischem Ruf gelangten Gluck und Haydn vor ihm nicht bevorzugter einnahmen. Den Erben Mozart's ahnte man in ihm, und trotz aller Widersacher und Neider, die ihm sein überragender Genius und wol auch seine stolze, nicht eben nachsichtige Art erweckte, schritt er immer unaufhaltsamer zur Höhe seiner Meisterschaft empor.

Eine Kunstreise, die er im Jahre 1796 nach Prag und Berlin unternahm – die erste und einzige seines Lebens, wenn wir von der Reise des Knaben nach Holland und einem späteren kurzen Auftreten in Prag absehen –, war nicht eben glänzend an Erfolgen; obschon Schindler erzählt, daß er durch sein Clavierspiel und besonders »seine geistvollen Improvisationen Theilnahme und Aufsehen« erregt habe. Während seines Prager Aufenthaltes entstand die Scene und Arie für Sopran und Orchester »Ah perfido!« (op. 65), seine erste große, noch sehr im Mozart'schen Geiste gehaltene Gesangcomposition, die von der Sängerin, für die er sie schrieb, Madame Duschek, bereits im November desselben Jahres in einem Leipziger Concert gesungen ward. In Berlin, wo er mit Fasch und Hummel, Zelter und dem genialen Prinzen Louis Ferdinand bekannt wurde, empfing er durch Duport, den berühmten Cellisten und Günstling König Friedrich Wilhelm's II., die Anregung zu den schönen zwei Sonaten für Piano und Violoncell op. 5, die er gemeinsam mit diesem bei Hofe vortrug und dem König dedicirte. Eine goldne Dose mit Louisdoren gefüllt, sprach ihm dafür den Dank des Letzteren aus. Im Ganzen fühlte sich Beethoven von der preußischen Hauptstadt wenig angezogen und hielt diesen Eindruck, wie es scheint, sein ganzes Leben hindurch fest. Auch wenn ihm der ernstere norddeutsche Charakter mehr zusagen mochte als die leichtlebige südliche Weise, so floß doch, von den Meistern der Classicität geweckt, der Strom des musikalischen Lebens hier um vieles reicher und voller. Genug, er kehrte nach Wien zurück, dahin die beiden Brüder, die er in Bonn zurückgelassen, ihm inzwischen nachgefolgt waren. Brüderlich nahm er sich auch jetzt wieder ihrer an, ob sie ihm seine Güte auch nur mit Undank lohnen sollten. Glücklicherweise wenigstens verbesserten sich indeß seine äußeren Verhältnisse in einem Grade, daß er im Juni 1800 an Wegeler schreiben konnte: »Meine Compositionen tragen mir viel ein, und ich kann sagen, daß ich mehr Bestellungen habe, als fast möglich ist, daß ich befriedigen kann. Auch habe ich auf jede Sache sechs, sieben Verleger, und noch mehr, wenn ich mir's angelegen sein lassen will; man accordirt nicht mehr mit mir, ich fordere und man zahlt.«

Das mit seinem Pfunde Wuchern kam ihm dessen ungeachtet sauer an. »Ich wünschte«, schreibt er seinem Verleger Hofmeister, »daß es anders in der Welt sein könnte. Es sollte nur ein Magazin der Kunst in der Welt sein, wo der Künstler seine Kunstwerke nur hinzugeben hätte, um zu nehmen, was er brauchte: so muß man noch ein halber Handelsmann dabei sein.«

Der steigende Werth und die sich mehrende Zahl seiner Compositionen bestätigen thatsächlich, was er selber ausspricht: »Ich lebe nur in meinen Noten, und ist das Eine kaum da, so ist das Andere schon angefangen.« So sehen wir vom Jahre 1796 bis 1800 neben minder Bedeutendem seine »Adelaide«, die Claviersonaten op. 7, op. 10, 13 und 14, die Violinsonaten op. 12, die Trios op. 9 und 11 und das zweite Pianoforteconcert op. 19, B-dur, theils entstehen, theils vor die Oeffentlichkeit treten.

Das Letztgenannte, das, Beethoven's eigenen Mittheilungen zu Folge, noch vor dem ersten Concert geschrieben ward, führte er zuerst dem Prager Publicum vor, als er, »der Riese unter den Clavierspielern«, wie ihn der dortige Berichterstatter nennt, 1798 Prag besuchte. Nach Form und Tendenz schließt sich dasselbe, gleich dem ersten und dem darauffolgenden dritten Concert (C-moll, op. 37), Mozart'schen Vorbildern an; weit aber werden sie alle von seinen letzten beiden Werken dieser Gattung, dem G- und dem Es-dur-Concert, an Bedeutung überragt. War vorher die Passage im Concert eine losgerissene Phrase, die der Virtuosität des Spielers einen an Schwierigkeiten möglichst reich bedachten Tummelplatz bot, so tritt sie bei Beethoven in enger Beziehung zu den Hauptgedanken, als freiere Figurirung des Materials charakteristisch hervor. Statt der früher beliebten langen Tutti-Einleitung, bei denen der Solist ein müßiger Zuhörer blieb, erhält nun die Solostimme gleich von Anfang an das Wort, das Ganze gewinnt einen unendlich vertieften, mehr symphonischen Charakter.

Auch die Sonate ist bei ihm symphonisch gedacht; in ihrem engen Rahmen schließt sie eine ganze Tragödie ein. Sie entwickelt sich, wie Beethoven's gesammte Kunst, unmittelbar aus derjenigen Haydn's und Mozart's heraus; aber sie wird, kraft der Alles bezwingenden Uebermacht seines Genies, bald eine wesentlich andere. Das neue große Ideenleben, das seine Zeit ihm entgegenbringt, gewinnt in seinem Kunstschaffen Gestalt. Er vergeistigt die gesammte Instrumentalmusik und führt sie in ihren mannigfaltigen Formen zu ungeahnten Höhen empor. Beredter und bedeutsamer erscheinen die Motive. Die Formen dehnen sich, oder schließen sich auch enger aneinander, je nach dem Inhalt, den sie tönend zum Ausdruck bringen. Zunächst gesellt sich den üblichen drei Sätzen ein vierter, dann rücken sie wieder oft zu zweien zusammen und erweitern sich wiederum in der Riesensonate in B-dur, op. 106, bis zu den denkbarsten Grenzen. Mannigfaltiger, klang- und wirkungsreicher gestalten sich die Darstellungsmittel. Das Clavier ist mehr als irgend eines anderen Künstlers vor ihm das Instrument Beethovens. Wie weiß er seine verborgenen Kräfte zu entfesseln und seine Ausdrucksfähigkeit an's Licht zu bringen! Immer kühner greift er über die technischen Mittel seiner Zeit hinaus, um endlich mit der erhöhten Leistungskraft des Instrumentes eine völlig neue Musikepoche hervorzurufen. Dabei aber gilt es ihm einzig den Ausdruck der Idee. Denn die Idee, die Intention ist jetzt das Wesentliche, Bestimmende, dem die Form sich fügen muß. Bald macht der Tonsetzer in recitativisch freier Rede dem Drang, über unbestimmte Regungen hinaus zu bewußterem Ausdruck zu gelangen, Luft. Bestimmte Bilder und Vorstellungen füllen statt dunkler Gefühle sein Schaffen. Aus seiner Jugend schon wird uns erzählt, daß ihm die Begabung eigen gewesen, den Charakter bekannter Personen in Tönen zu schildern. Jetzt regt ihn Shakespeare's »Sturm« zu den Sonaten in D-moll (op. 31) und F-moll (op. 57), die Grabesscene aus »Romeo und Julie« zum Adagio des F-dur-Quartetts (op. 18), der Anblick des gestirnten Himmels zum Adagio des gleichartigen Werkes in E-moll (op. 59) an. Einen anderen Quartettsatz (op. 18, B-dur) bezeichnet er als »la malinconia«. So wird statt des bis herigen allgemeinen Inhalts allenthalben ein individuellerer erkennbar, obwol Beethoven's Absicht, bei der im Jahre 1816 in Frage kommenden Gesammtausgabe seiner Clavierwerke die verschiedenen derselben innewohnende »poetische Idee« anzugeben, unausgeführt blieb. Statt Haydn's naiven Frohmuths und Mozart's unbefangener Lebens- und Liebeslust spiegeln uns seine groß stilisirten, pathetischen Sonatendichtungen ernste Seelenerlebnisse wieder; das Gemüthsleben vertieft sich in seine innere Unendlichkeit. Schmerz und Kampf, das Unbefriedigtsein der Seele, ihr Ringen nach übersinnlichem Ausdruck begehren und finden nun ihr Recht in der reinen Instrumentalmusik. Innerstempfundenes, Eigenstdurchlebtes wird nun in plastischer Anschaulichkeit Inhalt und Gegenstand des Kunstwerks; aber daß es zugleich Empfindungen und Erlebnisse der ganzen Menschheit sind, die der Künstler in sich erfährt, giebt dem Subjectiven objective, dem Individuellen universale Bedeutung. Ihre letzte und höchste Bestimmung hat die Sonate mit Beethoven erreicht. Er ist ihr Vollender. Nach Berlioz' Worten lassen diese Clavierschöpfungen »Alles hinter sich, was unsere Kunst von hervorragendster Bedeutung aufzuweisen hat, und dienen als Maßstab für den Entwickelungsgrad unserer musikalischen Intelligenz.« Sollen wir diese letztere allerdings an den letzten fünf Sonaten messen, so ist das Resultat auch heute noch ein ziemlich niederschlagendes. Dem weltentrückten Tondichter in sein Allerheiligstes zu folgen, in das er sich, seine tiefsten Kunstgeheimnisse offenbarend, hier zurückzieht, sind trotz Hans von Bülow's verdienstvollen Bemühungen noch immer nicht Viele im Stande. Ein ungeheurer Weg ist es, der von op. 2, den ersten Sonaten, bis zu op. 101, 106, 109, 110, 111 führt. Nur ein Beethoven konnte eine solche Entwickelung in sich durchleben, und Wenige nur vermögen ihn bei derselben verständnißvoll zu begleiten. Zur Pathétique, der As-dur und Cis-moll, auch D-moll gehen wol alle unsere Dilettanten mit; auch zur großen C-dur (op. 53), der Appassionata (op. 57), der Fis-dur (op. 78) – beide Beethoven's Lieblinge – und der E-moll (op. 90) greifen Viele. Vor den über die Hundertzahl hinausgehenden opera aber hält man sich in scheuer Ferne. Selten erklangen sie im Concertsaal bis Bülow, Liszt's, des größten Beethoven-Interpreten, großer Schüler, mit Vorführung derselben die höchste aller dem Clavierspieler wol zu stellenden Aufgaben löste. Alltagsmusik kann das freilich nie werden – es ist das Höchste und Weihevollste, was je dem Clavier anvertraut ward.

Die beliebteste der Sonaten ist, wie schon Beethoven sich beklagte, auch heute noch die Cis-moll, die »Mondschein-Sonate«, geblieben; nicht zum geringsten Theil vielleicht weil sich an sie eine romantische Sage knüpfte. Gräfin Giulietta Guicciardi, der sie gewidmet ward, galt bis vor Kurzem für die Heldin einer Liebestragödie, die in Beethoven's Leben spielte; für die »unsterbliche Geliebte«, an die ein Brief gerichtet war, den man nach des Meisters Tode, sorgfältigst verwahrt, mit anderen wichtigen Papieren in einem geheimen Fach vorfand. Erst Thayer's Forschungen ergaben das Irrige der bisherigen Annahme. Beethoven, der, laut dem Zeugniß seiner Freunde, entzündlichen, feurigen Herzens und »nie ohne Liebe« war, liebte die schöne, begabte Giulia, »ein liebes zauberisches Mädchen, das mich liebt«, wie er schreibt. »Es ist das erste Mal, daß ich fühle, daß Heiraten glücklich machen könnte.« Einer Verbindung mit ihr aber stand, wie es scheint, der Wille des Vaters entgegen. Sie vermählte sich 1803 mit einem Grafen Gallenberg, einem Balletcomponisten, dem sie nach Neapel folgte, wo er lange Jahre als Bühnenleiter thätig war. Erst 1821 kehrte sie mit ihm nach Wien zurück, und Beethoven erzählte Schindler zwei Jahre später – wie wir noch heute in einem auf der Berliner Bibliothek von ihm aufbewahrten Conversationsheft lesen können –: »J'étais bien aimé d'elle et plus que jamais son époux. Arrivé à Vienne elle cherchait moi pleurant, mais je la méprisait. Und« – damit schloß der Künstler die schriftlich geführte Unterredung – »wenn ich hätte meine Lebenskraft mit dem Leben so hingeben wollen, was wäre für das Edle, Bessere geblieben?«

Das ist Alles, was wir von seinen Beziehungen zu Giulia wissen. Jener Brief vom Jahre 1806, das ist erwiesen, gehörte ihr nicht. Wem aber galt und wie lautet er?

Am 6. Juli Morgens.

 

»Mein Engel, mein Alles, mein Ich! – nur einige Worte heute, und zwar mit Bleistift (mit deinem) – erst bis morgen ist meine Wohnung sicher bestimmt, welcher nichtswürdige Zeitvertreib in d.g. – Warum dieser tiefe Gram, wo die Nothwendigkeit spricht – kann unsere Liebe anders bestehen als durch Aufopferungen, durch nicht Alles verlangen, kannst du es ändern, daß du nicht ganz mein, ich nicht ganz dein bin. – Ach Gott, blick in die schöne Natur und beruhige dein Gemüth über das Müssende – die Liebe fordert Alles und ganz mit Recht, so ist es mir mit dir, dir mit mir – nur vergißt du so leicht, daß ich für mich und für dich leben muß – wären wir ganz vereinigt, du würdest dieses Schmerzliche eben so wenig als ich empfinden. – Meine Reise war schrecklich. Ich kam erst Morgens vier Uhr gestern hier an; da es an Pferden mangelte, wählte die Post eine andere Reiseroute, aber welch schrecklicher Weg; auf der letzten Station warnte man mich, bei Nacht zu fahren – machte mich einen Wald fürchten, aber das reizte mich nur und ich hatte Unrecht; der Wagen mußte bei dem schrecklichen Wege brechen, grundlos, bloßer Landweg – ohne solche Postillone, wie ich hatte, wäre ich liegen geblieben unterwegs. Esterhazy hatte auf dem andern gewöhnlichen Wege hierhin dasselbe Schicksal mit acht Pferden, was ich mit vier, – jedoch hatte ich zum Theil wieder Vergnügen, wie immer, wenn ich was glücklich überstehe. – Nun geschwind zum innern vom äußern. Wir werden uns wohl bald sehen, auch heute kann ich dir meine Bemerkungen nicht mittheilen, welche ich während dieser einigen Tage über mein Leben machte – wären unsere Herzen immer dicht an einander, ich machte wohl keine d.g. Die Brust ist voll, dir viel zu sagen – ach – es gibt Momente, wo ich finde, daß die Sprache noch gar nichts ist. – Erheitere dich – bleibe mein treuer, einziger Schatz, mein Alles, wie ich dir; das Uebrige müssen die Götter schicken, was für uns sein muß und sein soll.

Dein treuer Ludwig.

 

Abends Montags am 6. Juli.

 

Du leidest, Du mein theuerstes Wesen – eben jetzt nehme ich wahr, daß die Briefe in aller Frühe aufgegeben werden müssen. Montags – Donnerstags – die einzigen Tage, wo die Post von hier nach K. geht. – Du leidest – ach, wo ich bin, bist auch du mit mir, mit mir und dir werde ich machen, daß ich mit dir leben kann, welches Leben!!!! so!!!! ohne dich – verfolgt von der Güte der Menschen hier und da, die ich meine ebenso wenig verdienen zu wollen, als sie zu verdienen – Demuth des Menschen gegen den Menschen – sie schmerzt mich – und wenn ich mich im Zusammenhang des Universums betrachte, was bin ich und was ist der – den man den Größten nennt – und doch – ist wieder hierin das Göttliche des Menschen – ich weine, wenn ich denke, daß du erst wahrscheinlich Sonnabends die erste Nachricht von mir erhältst – wie du mich auch liebst – stärker liebe ich dich doch – doch nie verberge dich vor mir – gute Nacht – als Badender muß ich schlafen gehen. Ach Gott – so nah'! so weit! Ist es nicht ein wahres Himmelsgebäude, unsre Liebe – aber auch so fest, wie die Veste des Himmels. –

 

Guten Morgen am 7. Juli

 

Schon im Bette drängen sich die Ideen zu dir, meine unsterbliche Geliebte, hier und da freudig, dann wieder traurig, vom Schicksal abwartend, ob es uns erhört – Leben kann ich entweder nur ganz mit dir oder gar nicht, ja ich habe beschlossen, in der Ferne so lange herumzuirren, bis ich in deine Arme fliegen kann und mich ganz heimathlich bei dir nennen kann, meine Seele von dir umgeben in's Reich der Geister schicken kann. – Ja leider muß es sein – du wirst dich fassen, um so mehr, da du meine Treue gegen dich kennst, nie kann eine andre mein Herz besitzen, nie – nie – o Gott, warum sich entfernen müssen, was man so liebt, und doch ist mein Leben in W. so wie jetzt ein kümmerliches Leben – deine Liebe machte mich zum glücklichsten und zum unglücklichsten zugleich – in meinen Jahren jetzt bedürfte ich einiger Einförmigkeit, Gleichheit des Lebens – kann diese bei unserm Verhältnisse bestehn? – Engel, eben erfahre ich, daß die Post alle Tage abgeht – und ich muß daher schließen, damit du den B. gleich erhältst. – Sei ruhig, nur durch ruhiges Beschauen unsers Daseins können wir unsern Zweck zusammen zu leben erreichen – sei ruhig – liebe mich – heute – gestern – welche Sehnsucht mit Thränen nach dir – – dir – dir – mein Leben – mein alles – leb wol – o liebe mich fort – verkenne nie das treuste Herz deines geliebten L.

      ewig dein, ewig mein, ewig uns.«

 

Zu wem die Sprache seines Herzens so glühend geredet, wer sie war, deren Liebe er so »fest wie die Veste des Himmels« glaubte, das bleibt auch heute noch unserm Blick verborgen. Beethoven nahm sein Geheimniß mit ins Grab. Mannigfache Anzeichen aber lassen in Gräfin Therese Brunswick, der Schwester seines Freundes Franz, und der Cousine von Giulia Guicciardi, die Empfängerin des Briefes vermuthen. In seinem Nachlaß fand sich ihr Olbild mit der Inschrift: »Dem seltenen Genie, dem großen Künstler, dem guten Menschen von T.B.« Ihr wurde das Lied: »Ich denke dein« und die Beethoven besonders liebe Fis-dur-Sonate gewidmet. Die Appassionata componirte er in ihrem Hause und widmete sie ihrem Bruder, und unmittelbar nach seiner Trennung von ihr – sie gehörte einer ungarischen Familie an – schrieb er von einem ungarischen Badeort aus den leidenschaftlichen Liebesbrief. Jahrelang, so scheint es, hoffte und erstrebte er eine Verbindung mit der Geliebten. Im Mai 1810 giebt er Wegeler den Auftrag, ihm eilends seinen Taufschein zu besorgen. »Ich wäre vielleicht einer der glücklichsten Menschen, wenn nicht der Dämon in meinen Ohren seine Wohnung aufgeschlagen hätte«, schreibt er dem alten Freund. Bald darauf aber verräth Breuning: »Ich glaube seine Heiratspartie hat sich zerschlagen.« Fortan schweigt alles Hoffen still. Er entsagte. [1]

»Beethoven lebte für die Menschheit im Großen, nicht für den Einzelnen«, sagt Schlosser; auch nicht für sich selber, dürfen wir hinzufügen. Er lebte in ausschließlicher Hingabe an die Mission, die ihm auferlegt war und deren ganzer Größe und Verantwortlichkeit er beständig eingedenk blieb. Die Qualen des Zweifels an der Echtheit des inneren Berufs, wie sie die Künstlerbrust nicht selten beirren, haben seine Seele niemals belastet; fest und zuversichtlich glaubte er an sich, erfüllt von der Gewißheit der eigenen Größe. Was in den Entwickelungsgang geringerer Geister oft hindernd eingreift, die tausenderlei kleinen und großen Hemmnisse und Feindseligkeiten des äußeren Lebens, das hat seine Laufbahn nimmer zu stören vermocht, und zum Segen ist ihm geworden, was jenen zum Schaden gereicht. Aller Kampf stählte nur seine Kraft, und wo Andere unterliegen, ging er als Sieger hervor. Ein anderer Antäus, entriß er dem Riesen Schmerz seine Gewalt, indem er ihn emporhob über die Erde und sich selber, in eine reinere Region, wo er in eine läuternde und erlösende Macht sich wandelt. Nicht glücklich zu sein, war seine Aufgabe, auch nicht glücklich zu machen im menschlichen Sinne, das Beides hat er entbehren müssen. Er erfüllte die Welt mit reinstem Entzücken und dennoch ließ sie ihn einsam, er erschloß ihr ein erhöhtes Dasein – sie gab ihm nur kalten Ruhm dafür; liebespendend, liebedürstend, hat er gleichwol an Liebe gedarbt. Fragen wir noch, warum er sich endlich von ihr abwandte, immer noch spendend aus seiner unerschöpflichen Besitzesfülle, aber ein ernstes, verschlossenes Antlitz nach außen gekehrt, als ein Fremdling umherirrend unter den Menschen? Fragen wir, warum er sich immer tiefer hineinversenkte in die stille unsichtbare Welt seiner eigenen Gedanken, die sich immer wunderbarer belebte und vertiefte, je mehr er den Beziehungen zur Außenwelt entsagte und diese für ihn verstummte?

Auch er sang einst harmlos in die Welt hinaus. Die Erzeugnisse der Bonner Jugendzeit, heiter und unbefangen, ein absichtsloses Tonspiel, scheinen in sich selber Genüge zu finden; nirgend noch verräth sich ein Keim zu jenen großen Gestaltungen, die er später an's Licht rief. Erst in den Werken der Wiener Früh-Epoche, seit seinem opus 1, finden wir, wenn auch zuweilen mehr vorahnend als deutlich verfolgbar, die Spur Beethoven'schen Geistes. Aber auch sie zeigen noch vorwiegend ein helles Jugendgesicht, trotz einer unverkennbar ernsteren Richtung noch nichts von jenem Zug innerster Resignation und weltverachtenden Humors, nichts von dem tiefdunklen Grund tragischer Seelenstimmung, den überwältigenden Stürmen der Leidenschaft, des Kampfes und der Verzweiflung, die das Leben später in sie hineinbildete.

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Anmerkungen:

  1. Sie, die als eine edle, hochherzige, wenn auch excentrische Natur geschildert wird, starb unvermählt.