Hänsel und Gretel verirrten sich im Wald

Volkslied (19. Jh.)

Volksweise (19. Jh.)

Musiknoten zum Lied Hänsel und Gretel verirrten sich im Wald

Liedtext

Hänsel und Gretel verirrten sich im Wald,
es war schon finster und draußen bitterkalt.
Sie kamen an ein Häuschen
von Pfefferkuchen fein:
Wer mag der Herr wohl
von diesem Häuschen sein?

Sieh', da schaut eine garst'ge Hexe 'raus,
sie lockt die Kinder ins kleine Zuckerhaus.
Sie stellt sich so freundlich,
o Hänsel, welche Not!
Sie will dich braten
und backt dazwischen Brot!

Und als die Hexe ins Feuer schaut hinein,
wird sie gestoßen von unser'm Gretelein.
Die Hexe muß jetzt braten,
wir Kinder gehn nach Haus.
Nun ist das Märchen
von Hänsel, Gretel aus.

Märchen haben schon immer die Fantasie ihrer Leser und Hörer angeregt. Einzelne Märchen, wie z.B. Dornröschen (s. Dornröschen war ein schönes Kind) oder Hänsel und Gretel, haben dazu geführt, dass ihr Inhalt in Verse gesetzt und nach einer Volksweise auch gesungen wurde.

Vergleich Lied und Märchen

Auch das Lied Hänsel und Gretel gibt in stark geraffter Form den Inhalt des gleichnamigen Märchens der Brüder Grimm wieder. Der unbekannte Verfasser des Liedtextes schaffte es, die immerhin rund 10 Buchseiten lange grausame Geschichte mit gerade einmal 550 Zeichen zu erzählen.

Wer das Märchen kennt, weiß warum die Kinder sich im Wald verlaufen haben und auch wieso sie allein im Wald waren. Ihr Vater war ein armer Holzfäller, und als die Not zu groß wurde und nicht mehr für alle genug zu essen da war, kamen die Eltern überein, ihre Kinder im Wald auszusetzen. In der späteren Ausgabe der Grimmschen Haus- und Kindermärchen von 1840 ist es die Stiefmutter, die den Vater dazu veranlasst, die Kinder in den Wald zu führen, um sie dort, weit weg von zu Hause, allein zu lassen.

Im Lied erfährt man nicht, dass Hänsel den bösen Plan der Eltern belauscht hat und auf dem Weg im Wald heimlich vorher eingesteckte Kieselsteine ausstreut, so dass, als der Vater seine Kinder im Dunkeln verlässt, Hänsel und Gretel wieder nach Hause finden. Erst bei der zweiten Aussetzung, als Hänsel nur eine Scheibe Brot hat und die stückchenweise ausstreut, gelingt die böse Absicht, da die Vögel die Brösel inzwischen aufgepickt hatten.

Nachdem sie im Wald herumgeirrt sind, kommen sie am dritten Tag an ein kleines Haus, das aus Kuchen, Brot und Zucker hergestellt ist; im Lied heißt es: "ein Häuschen von Pfefferkuchen fein". Hänsel und Gretel fragen sich, wem das Häuschen wohl gehören mag und essen sich erst mal satt. Im Märchen hören sie plötzlich eine Stimme: "Knusper, knusper, knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen?" Die Kinder antworten: "Der Wind, der Wind, das himmlische Kind!". Und dann „schaut eine alte Hexe heraus und lockt die Kinder ins Pfefferkuchenhaus“. Die Hexe "stellt sich (anfangs) freundlich", sie bewirtet die Kinder mit Milch und Pfannkuchen mit Zucker, Äpfel und Nüssen, und sie bekommen - wie es im Märchen weiter heißt - "zwei schöne Bettlein".

Am nächsten Tag aber, wird Gretel zur Arbeit gezwungen und Hänsel in einem Hühnerstall eingeschlossen. Dort bekommt er reichlich zu essen, denn die Hexe ist eine Menschenfresserin, sie will ihn "braten im Ofen" bis er "braun wie Brot" ist. Halbblind, wie die Hexe ist, befühlt sie jeden Tag seine Finger. Doch Hänsel hat die Hexe durchschaut und streckt ihr durch den Stallkäfig jedes Mal einen kleinen Hühnerknochen entgegen. Schließlich dauert es der Hexe zu lange, bis Hänsel fett genug ist, und sie fordert Gretel auf, in den Ofen zu sehen, ob er heiß genug ist. Gretel sagt, sie sei zu klein, und da sie nicht weiß, wie sie das anfangen soll, schlägt sie vor, dass ihr die Hexe dies zeigen soll. Die Hexe setzt sich auf den Brotschieber und mit aller Kraft schiebt Gretel ihn mit der Hexe in den Ofen und verriegelt die Ofentür. Die Hexe muss elendig verbrennen.

Dann befreit Hänsel ihren Bruder. Gemäß Grimms Märchen entdecken die Kinder im Hexenhaus Edelgesteine und Perlen, und reich beladen, auch mit Esssachen, finden sie den Weg zurück nach Hause. Die Mutter bzw. die Stiefmutter ist inzwischen gestorben. Der Vater freut sich, seine Kinder wieder bei sich zu haben. Er ist nun reich, und die kleine Familie ist glücklich und zufrieden. Und "nun ist das Märchen von Hans und Gretel aus".

Entstehung und Verbreitung

Jacob Grimm (1785–1863) und Wilhelm Grimm (1786–1859), beide Sprachwissenschaftler und Volkskundler, hatten nach dem Abschluss ihres Studiums 1806 begonnen, Märchen zu sammeln. Dazu ließen sie sich von alten Leuten Geschichten erzählen, die diese überwiegend aus mündlicher Überlieferung kannten. Nach und nach wurden diese Geschichten von ihnen aufgeschrieben und manchmal stark, manchmal weniger stark überarbeitet. Zum ersten Mal veröffentlicht wurde das Märchen Hänsel und Gretel 1812 in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm.

Aus welchem Jahr das Lied stammt, ist ebenso wenig bekannt wie sein Verfasser. Der Volksliedforscher Ernst Klusen hat in seinem 2. Band Deutsche Lieder angegeben: "Melodie und Text trad. 19. Jahrhundert".

Das Lied wurde mündlich weitergetragen bis es 1893 von Engelbert Humperdinck in seiner Oper Hänsel und Gretel verarbeitet wurde. In einschlägigen Liedersammlungen des 19. Jahrhunderts von Simrock, Erk, Böhme oder Erk/Böhme ist es nicht vertreten. Die erste mir bekannte Veröffentlichung mit dem Lied ist das vom Fröbelhaus herausgegebene Buch Lieder und Bewegungsspiele, das 1922 in der 7. Auflage erschienen ist.

Während andere Kinderlieder in zahlreiche Liedersammlungen aufgenommen wurden, z.B. Alle Vögel sind schon da, Ein Vogel wollte Hochzeit machen oder Ein Männlein steht im Walde ist Hänsel und Gretel nur in relativ wenigen Liederbüchern enthalten. Immerhin ist das Lied in die bedeutenden Liedersammlungen der Volksliedforscher Ernst Klusen Deutsches Lied (1980 und 2. Auflage 1981 49.-100. Tsd.) und Heinz Rölleke Das große Buch der Volkslieder (1993) aufgenommen worden, und sogar noch 2014 fand es Aufnahme in das Buch Alte und neue Kinderlieder.

Der Katalog des Deutschen Musikarchivs (Stand: 20.10.2017) weist fast 400 Schellackplatten, LPs oder CDs mit der Humperdinckschen Oper Hänsel und Gretel oder Auszügen aus. Hänsel und Gretel als Kinderlied ist mit rund 130 Tonträgern vertreten. Wie beliebt das Kinderlied noch heute ist, zeigen auch die mehr als 100 Videos bei YouTube.

Georg Nagel, 23.10.2017