Im schönsten Wiesengrunde

Wilhelm Ganzhorn (1853)

Wilhelm Ganzhorn schrieb das Gedicht Das stille Tal 1851. 1876 erschien es erstmals in der "Schwäbischen Lieder-Chronik" und besitzt im Original 13 Strophen, die zusammen ein schönes Gesamtbild ergeben. Üblicherweise werden jedoch nur die Strophen 1, 12 und 13 gesungen.

Volksweise (um 1850)

Musiknoten zum Lied Im schönsten Wiesengrunde

Liedtext

Im schönsten Wiesengrunde
ist meiner Heimat Haus;
da zog ich manche Stunde
ins Tal hinaus.
Dich, mein stilles Tal,
grüß' ich tausendmal!
Da zog ich manche Stunde
ins Tal hinaus.

Wie Teppich reich gewoben,
Steht mir die Flur zur Schau;
O Wunderbild, und oben
Des Himmels Blau.
Dich mein stilles Tal
Grüß ich tausendmal!
O Wunderbild, und oben
Des Himmels Blau.

Herab von sonn'ger Halde
Ein frischer Odem zieht;
Es klingt aus nahem Walde
Der Vögel Lied.
Dich mein stilles Tal
Grüß ich tausendmal!
Es klingt aus nahem Walde
Der Vögel Lied.

Die Blume winkt dem Schäfer
Mit Farbenpracht und Duft;
Den Falter und den Käfer
Zu Tisch sie ruft.
Dich mein stilles Tal
Grüß ich tausendmal!
Den Falter und den Käfer
Zu Tisch sie ruft.

Das Bächlein will beleben
Den heimlich trauten Ort;
Da kommt's durch Wiesen eben
Und murmelt fort.
Dich mein stilles Tal
Grüß ich tausendmal!
Da kommt's durch Wiesen eben
Und murmelt fort.

Das blanke Fischlein munter
Schwimmt auf und ab im Tanz;
Rings strahlen tausend Wunder
Im Sonnenglanz.
Dich mein stilles Tal
Grüß ich tausendmal!
Rings strahlen tausend Wunder
Im Sonnenglanz.

Wie schön der Knospen Springen,
Des Tau's Kristall im Licht!
Wollt ich es alles singen -
Ich könnt es nicht!
Dich mein stilles Tal
Grüß ich tausendmal!
Wollt ich es alles singen -
Ich könnt es nicht!

Kommt, kommt der Tisch der Gnaden
Winkt reichlich überall;
Kommt, all' seid ihr geladen
Ins stille Tal!
Dich mein stilles Tal
Grüß ich tausendmal!
Kommt, all' seid ihr geladen
Ins stille Tal!

Wie froh sind da die Gäste!
Da ist nicht Leid noch Klag';
Da wird zum Friedensfeste
Ein jeder Tag!
Dich mein stilles Tal
Grüß ich tausendmal!
Da wird zum Friedensfeste
Ein jeder Tag!

Wie sieht das Aug so helle
Im Buche der Natur!
Der reinsten Freuden Quelle
Springt aus der Flur.
Dich mein stilles Tal
Grüß ich tausendmal!
Der reinsten Freuden Quelle
Springt aus der Flur.

Hier mag das Herz sich laben
Am ew'gen Festaltar;
Kommt, bringet Opfergaben
Mit Jubel dar!
Dich mein stilles Tal
Grüß ich tausendmal!
Kommt, bringet Opfergaben
Mit Jubel dar!

Müßt aus dem Tal ich scheiden,
Wo alles Lust und Klang,
Das wär mein herbstes Leiden,
Mein letzter Gang.
Dich, mein stilles Tal,
Grüß ich tausendmal!
Das wär mein herbstes Leiden,
Mein letzter Gang.

Sterb ich, in Tales Grunde
Will ich begraben sein,
Singt mir zur letzten Stunde
Beim Abendschein:
"Dir, o stilles Tal,
Gruß zum letztenmal!"
Singt mir zur letzten Stunde
Beim Abendschein.

Wilhelm Christian Ganzhorn (1818 - 1880) war Oberamtsrichter und Verfasser von über 350 Gedichten. Sein bekanntestes Werk Im schönsten Wiesengrunde hatte ursprünglich den Titel Das stille Tal. Als Gerichtsreferendar am Amtsgericht Neuenbürg hat er in dem (noch heute bestehenden) Gasthaus Roessle in Conweiler (heute Gemeinde Straubenhardt, Nähe Pforzheim) gewohnt und für die 14jährige Gastwirtstochter geschwärmt. Auf Spaziergängen in das unterhalb Conweiler gelegene Wiesental - so wird berichtet – seien sich die beiden näher gekommen. Bevor Ganzhorn an das Amtsgericht nach Aalen versetzt wurde, hinterließ er seiner Verlobten das 13 Verse umfassende Gedicht Das stille Tal (1852). 1855 heiratete Ganzhorn die 18jährige Wirtstochter Luise. Zum Abschluss der kirchlichen Trauung wurde Im schönsten Wiesengrunde gesungen. Das Lied erschien bereits 1852 mit der Melodie von Drei Lilien, drei Lilien, die pflanzt‘ ich auf mein Grab in der noch heute bekannten dreistrophigen Fassung in einer Liedersammlung für die Schule.

Obwohl das Lied einige Jahre nach der Epoche der Spätromantik verfasst worden ist, weist es doch romantische Züge aus. Es wird ein Naturbild entworfen, in dem die Welt noch in Ordnung ist. Der Himmel ist blau, die Vögel singen, die Fischlein schwimmen, die Blumen knospen und ziehen mit ihrem Duft Schmetterlinge und Käfer an. Im von Bergen umgebenen "stillem Tal" ist mit Wald, Wiesengrund und Bächlein alles vorhanden, an dem "das Herze sich laben" kann (11. Strophe). Von einem Haus oder einer Hütte, von einem Feld oder einem Acker, von weidenden Kühen oder grasenden Pferden, von arbeitenden Menschen ist nicht die Rede - es ist eine (noch) unberührte Natur.

Da üblicherweise nur die allgemein bekannten Strophen 1, 12 und 13 gesungen werden, sollen nur sie hier näher betrachtet werden.

Ganzhorn ist mit seiner Luise "im schönsten Wiesengrunde …manche Stunde" spazieren gegangen; doch sie wird im Lied weder namentlich noch indirekt erwähnt. Aber er hat ihr diese Verse zum (vorläufigen) Abschied hinterlassen, und so ist anzunehmen, dass seine Schwärmerei für die Natur im Grunde genommen ein Ausdruck seiner Liebe zu Luise ist. Im Laufe der Jahre in Conweiler ist er mit der Natur - und mit Luise - so vertraut geworden, dass sie ihm wie seiner "Heimat Haus" vorkommt. Und nun grüßt er zum Abschied sein "stilles Tal" - wie auch seine Luise - "tausendmal". Wie schwer ihm der Abschied fällt, kann man den Zeilen "Dich, mein stilles Tal, grüß ich tausendmal" entnehmen, die in allen Strophen mit Ausnahme der 13. vorkommen.

Ein Hauch von Abschied

Mit dem Abschied, der vorläufigen Trennung, denkt der Dichter auch daran, dass einst auch der Tod die beiden Liebenden scheiden wird. Und er erinnert sich noch einmal an sein Tal, wo die beiden ihre Liebe gefunden haben und „alles Lust und Klang war“. Bei allem Unangenehmen, was ihm in seinen 36 Jahre widerfahren sein mag und was ihm unter Umständen noch bevor steht, ein Scheiden wäre, so beklagt er, sein "herbstes Leiden". Noch einmal wird deutlich, dass er nicht an eine mögliche von Luise ausgehende Ehescheidung denkt, sondern an eine Trennung durch den Tod (hier sei kurz an die kirchliche Trauungsformel erinnert: "Willst du diese..., die Gott dir anvertraut, als deine Ehefrau lieben und ehren und die Ehe mit ihr nach Gottes Gebot führen – in guten wie in bösen Tagen –, bis dass der Tod euch scheidet, so antworte: Ja, mit Gottes Hilfe"). Die Traurigkeit mag ihm beim Schreiben dieser Zeilen überkommen sein und er betont es noch einmal "das wär mein herbstes Leiden" und er meint, dass nach dem Tod von Luise auch er nicht mehr weiterleben möchte: "Das wär mein herbstes Leiden, (das wäre) mein letzter Gang".

Aber der Dichter denkt auch an seinen Tod; es könnte ja durchaus sein, dass er früher stirbt als Luise, schließlich ist er fast 20 Jahre älter als sie. Dann möchte er in dem Tal begraben werden, in dem er und Luise sich näher kennen und lieben gelernt haben. Und er bittet die Trauernden, sie mögen ihm „zur letzten Stunde“ das Tal in seinem Namen noch einmal grüßen: "Dir o stilles Tal, Gruß zum letzten Mal".

Ganzhorn starb 1880, 29 Jahre früher als seine Luise.

Im schönsten Wiesengrunde ist ein bis heute populäres Lied. Das Deutsche Musikarchiv weist 325 Tonträger (von der Schellackplatte bis zur CD) mit dem Lied aus. Und die mehr als 200 Partituren weisen auf die große Beliebtheit hin, vor allem Männer- und gemischte Chöre haben es in ihr Repertoire aufgenommen, wie auch die Mehrheit der Videos bei youtube zeigen. Bei einer Befragung durch das christliche Magazin chrismon im Mai 2008, welches Volkslied seine Leser am liebsten singen oder hören, haben die Leser Im schönsten Wiesengrunde auf Rang 9 der Lieder gesetzt. 2012 wurde das Lied während einer Live Sendung der ARD zum beliebtesten deutschen Volkslied gekürt und mit der Krone der Volksmusik ausgezeichnet.

Georg Nagel, 17. May 2016