An der Saale hellem Strande

Franz Kugler (1826)

Musiknoten zum Lied An der Saale hellem Strande

Liedtext

An der Saale hellem Strande
stehen Burgen stolz und kühn;
ihre Dächer sind zerfallen,
und der Wind streicht durch die Hallen,
Wolken ziehen drüber hin.

Zwar die Ritter sind verschwunden,
nimmer klingen Speer und Schild:
Doch dem Wandersmann erscheinen
in den altbemoosten Steinen
oft Gestalten zart und mild.

Droben winken holde Augen,
freundlich lacht manch roter Mund:
Wandrer schaut wohl in die Ferne,
schaut in holder Augen Sterne,
Herz ist heiter und gesund.

Und der Wandrer zieht von dannen,
denn die Trennungsstunde ruft;
und er singt Abschiedslieder,
Lebewohl tönt ihm hernieder,
Tücher wehen in der Luft.

In der Zeit der Spätromantik waren außer Beschreibungen der Natur oder der Naturereignisse (Im schönsten Wiesengrunde, Guter Mond, du gehst so stille) auch Burgen (Es freit ein wilder Wassermann in der Burg wohl über dem See), Brunnen (Wenn alle Brünnlein fließen, Am Brunnen vor dem Tore) und auch Flüsse (Bald gras ich am Neckar) beliebte Motive für Dichter und Sänger. So inspirierte die Saale den Dichter Joseph von Eichendorff 1841 zu dem Gedicht Bei Halle, in dem er sowohl eine Burg als auch die Saale besingt:

Da steht eine Burg überm Tale
Und schaut in den Strom hinein,
Das ist die fröhliche Saale,
Das ist der Giebichenstein.

Da hab ich so oft gestanden,
Es blühten Täler und Höhn,
Und seitdem in allen Landen
Sah ich nimmer die Welt so schön!

Bereits 1826 hatte Franz Kugler (1808-1858), nach seinem Studium Berliner Kunstgeschichtsprofessor und Kulturreferent im preußischen Kulturministerium, An der Saale hellem Strande gedichtet. Kugler hatte von Berlin aus Ausflüge an die Saale gemacht und auf seinen Wanderungen an der sich durch die Landschaft schlängelnden Saale viele Burgen stolz und kühn ragen sehen. Bei einem Aufenthalt auf der Rudelsburg (bei Kösen, Nähe Jena) war er derart von der Saale und den Burgen angetan, dass dem damals Achtzehnjährigen die Verse locker aus der Feder flossen. Der Text gefiel dem Konzertmeister der Badischen Hofkapelle in Karlsruhe, Friedrich Ernst Fesca (1789-1826), so sehr, dass er die ursprünglich für das Soldatenlied Heute scheid ich, morgen wander ich vorgesehene Melodie (1823) für das Saalelied nahm.

Wandert man an der Saale oder fährt man auf dem Saale-Radwanderweg (Länge insgesamt 427 km), so wirken die Burgen, an denen man vorbei kommt auch heute noch "stolz und kühn". "Von hellem Strande" kann allerdings nicht die Rede sein; spätestens ab Leuna und Halle sind die Strände, soweit überhaupt vorhanden, nicht mehr hell. Da das Wasser streckenweise in den letzten Jahren sauberer geworden ist, erwägt die Stadt Halle, bestimmte Abschnitte der Saale zum Baden freizugeben.

Abschied von der Saale

Insgesamt hat die Saale eine Länge von 416 km; sie entspringt im Fichtelgebirge bei Zell (Oberfranken) und mündet bei Barby in die Elbe. An der Mittleren Saale, die von Saalfeld bis zur Einmündung der Unstrut bei Bad Kösen mit der Burg Rudelsburg reicht, stehen so viele Burgen, dass der Landkreis mit der Kreisstadt Naumburg die Bezeichnung Burgenlandkreis erhielt.

"Ihre Dächer" sind jedoch nicht mehr "zerfallen", und auch der "Wind streicht nicht durch die Hallen". Alle Burgen sind renoviert und werden genutzt, z.B. als Museum (Moritzburg und Neu-Augustenburg), Tagungsstätte der Uni Jena und Begegnungsstätte (Dornburger Schlösser), Europäisches Musik- und Kulturzentrum (Schloss Goseck), Ausstellungsort (Porzellanwelten, Leuchtenburg) oder die Burg Giebichenstein als Hochschule für Kunst und Design. Und die Rudelsburg mit Restaurant und Bergfried ist auch heute wieder ein beliebtes Ausflugsziel von Touristen und Anwohnern sowie Treffpunkt von Corpsstudenten.

Beschränkt sich die erste Strophe noch auf eine Beschreibung, so denkt sich der Dichter in der zweiten Strophe in die mittelalterliche Zeit zurück, in der die Burgen von Rittern bewohnt und wenn nötig auch verteidigt wurden. Aber die Zeit ist vorbei, doch der Zauber der seit Jahrhunderten mit Moos überzogenen Steine lässt dem "Wandersmann …oft Gestalten zart und mild erscheinen". Und in der dritten Strophe glaubt er voller romantischer Gefühle, wunderbare Mädchen zu sehen, die ihm "mit holden Augen zuwinken und mit roten Mund freundlich zulachen" (gemeint ist sicherlich: zuzwinkern und zulächeln). In seiner Vorstellung gerät der Wanderer, während er sinnend "in die Ferne schaut", ins Schwärmen: er meint "in holder Augen Sterne zu schauen" und ihm ist froh zumute: sein "Herz ist heiter und gesund".

Doch der Wanderer will weiterziehen; Tage und Nächte kann er dort nicht verweilen: "denn die Trennungsstunde ruft". Während er Abschiedslieder singt, "tönt ihm ein Lebewohl hernieder" von der Burg und ihm wird zum Abschied zugewunken. Es bleibt offen, ob er – noch gefangen vom Zauber der Burg und der bemoosten Steine – sich das einbildet oder ihm tatsächlich von noch verbleibenden Wanderern zugewinkt wird. Jedenfalls fällt ihm der Abschied schwer.

Studenten, denen das Lied geläufig war, dichteten es auf ihre Weise um, indem sie die Saale mit dem Fluss ihrer Heimat oder Universitätsstadt austauschten, z.B. Rhein (des Reimes wegen: Rheine), Main(e), Neckar, Isar etc. Namentlich nicht bekannte Studierende dichteten als vierte Strophe folgende Zeilen:

Und der Wandrer muss von dannen
von den Brüdern fortgebannt
und er singet Abschiedslieder
zieht zur Heimat, kehrt nicht wieder
an des Rheines kühlen Strand.

Georg Nagel, 29. Juli 2016