Zogen einst fünf wilde Schwäne

Volkslied

Volksweise (19. Jh.)

Musiknoten zum Lied Zogen einst fünf wilde Schwäne

Liedtext

Zogen einst fünf wilde Schwäne,
Schwäne leuchtend weiß und schön.
Sing, sing, was geschah?
Keiner ward mehr gesehen. Ja!
Keiner ward mehr gesehn.

Wuchsen einst fünf junge Birken
schön und schlank am Bachesrand.
Sing, sing, was geschah?
Keine in Blüten stand. Ja!

Zogen einst fünf junge Burschen
stolz und kühn zum Kampf hinaus.
Sing, sing, was geschah?
Keiner kehrt nach Haus. Ja!

Wuchsen einst fünf junge Mädchen
schön und schlank am Memelstrand.
Sing, sing, was geschah?
Keins den Brautkranz wand. Ja!

Das ursprünglich litauische Lied, das ein unbekannter Verfassers auf eine Volksweise um 1850 dichtete, war auch im masurischen Ostpreußen bekannt. 1917 wurde Zogen einst fünf wilde Schwäne von dem Pädagogen Karl Plenzat und späteren Professor für Volkskunde an der Universität Königsberg übersetzt. Die Veröffentlichung in seiner Sammlung Der Liederschrein - 110 deutsche, litauische und masurische Lieder 1918 und die Aufnahme in zahlreiche Liederbücher der Jugendbewegung, darunter vor allem Fritz Sotkes Unsere Lieder (1922 bereits in der dritten Auflage) verbreitete das Lied in ganz Deutschland. Dazu mag nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg die pazifistische Stimmung des Liedes und der Kriegsverdruss großer Teile der Bevölkerung beigetragen haben.

Hört man oberflächlich das Lied zum ersten Mal, könnte man nach den beiden ersten Zeilen meinen, es handele sich um eine spätromantische Naturbeschreibung. Da wird von dahinziehenden Schwänen berichtet, also von Zugvögeln, die im Herbst gen Süden ziehen und im Frühling zurückkehren. Aber und das ist entscheidend, die Schwäne ziehen nicht dahin, sie sind gezogen, und von einer Rückkehr ist nicht die Rede. Daher fragt die dritte Zeile nach: "Sing, sing, was geschah?", worauf die vierte Zeile dann die traurige Antwort gibt: "Keiner ward mehr gesehen".

Nun sind wir für die zweite Strophe vorgewarnt. Wir trauen der Idylle am "Bachesrand" nicht und müssen auf die hier nur noch rhetorisch gestellte Frage nach dem, was geschehen ist, erfahren, dass keine der jungen Birken je "in Blüten stand".

Auch ohne die endgültige Aufklärung in der dritten und vierten Strophe wissen wir, dass seit der griechischen Antike der Schwan ein Symboltier für einen jungen schmucken Mann ist (vgl. Leda und der Schwan). Auch "der berühmte ,Schwanengesang' geht auf die schon bei Aischylos [...] erwähnte prophetische Gabe des Apollo-Vogels zurück, der von seinem nahen Tod weiß und [...] Klagelaute hören lässt" (aus dem Skript des Probst- Effah-Seminars “Deutsche Lieder des 20. Jahrhunderts“ Wintersemester 2008/2009, Uni Köln). Weiß ("Schwäne weiß und schön") ist die Farbe der Unschuld, der Reinheit, rein und unschuldig im Sinne: frei von bösem Tun. Die Birken mit ihren hellgrünen Blättern und dem weißen Stamm symbolisieren Lebensfreude, den Frühling, die Jugend. Noch heute werden im Mai in einigen ländlichen Gegenden Deutschlands Birkenzweige als Zeichen der Zuneigung jungen Mädchen ans Fenster oder an die Türe gesteckt.

Erfahren wir in den beiden ersten Strophen zunächst nur die Folgen eines Ereignisses, geben erst die dritte und vierte Strophe Aufschluss darüber, was geschehen ist. Zugleich wird endgültig klar: bei den Schwänen und Birken handelt es sich um Metaphern für "junge Burschen" und "junge Mädchen". Kriegsbegeistert zogen die Burschen "stolz und kühn zum Kampf hinaus" Sie waren zuversichtlich, dass sie bald nach Haus zurückkehren und dann ihre Liebste heiraten würden. Nun aber kehrt keiner von ihnen aus dem Krieg zurück Und die jungen Mädchen, die einst "schlank und schön am Memelstrand" (ein Hinweis auf die Entstehung im Litauischen) standen, müssen nun ihren Freunden oder Verlobten nachtrauern. Und keine von ihnen wird je den "Brautkranz" winden.

Als Leser bzw. Hörer des Liedes fragt man sich, wieso es sich um fünf Burschen handelt. Die 5 steht in der ersten und dritten Strophe stellvertretend für viele junge Männer, die in den Krieg zogen und wie es in späteren Mitteilung an die Angehörigen heißt: "Gefallen für Volk und Vaterland". Aber wieso 5? Die Antwort darauf bleibt das Lied schuldig und auch die Volksliedforschung konnte dazu bisher keine Erklärung liefern.

Rezeption

Dieses "Schwanenlied" ist bis heute beliebt geblieben. Bemerkenswert ist, dass es in der Nazizeit Eingang in viele NS-Liederbücher fand, so z.B. in das auflagenstarke, vom Reichsjugendführer Baldur von Schirach herausgegebene, Hitlerjugend-Liederbuch „Uns geht die Sonne nicht unter“ und in viele Schulbücher. Im „Liederbuch des Bundes deutscher Mädel“ sind allerdings nur die beiden ersten Strophen zu finden, im“ Liederbuch der NS-Frauenschaft“ fehlte die vierte Strophe.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg war die Popularität des Liedes ungebrochen, und das nicht nur in Vertriebenen- oder Flüchtlingskreisen. Es fand auch Aufnahme in zahlreiche Liederbücher der DDR, speziell der Freien Deutschen Jugend (FDJ) und in sogar in einige Liedersammlungen in Österreich.

Als Antikriegslied wurde es zur Zeit der Proteste gegen den „Atomtod“ und der Friedensbewegung gern gesungen und gern gehört von den Alben der Folklore-Gruppe Zupfgeigenhansel und den Barden Hein und Oss Kröher.

Geht man von der Anzahl der Partituren im Katalog des Deutschen Musikarchivs Leipzig aus, haben es viele deutsche Chöre in ihrem Repertoire, z.B. der Dresdner Kreuzchor, die Regensburger Domspatzen und die Gotthilf-Fischer-Chöre, um nur die berühmtesten zu nennen. Verbreitet ist es in allen Bevölkerungskreisen, wie die Aufnahme in bemerkenswert viele Liederbücher nicht nur der Nachfolgeorganisationen der Jugendbewegung, sondern auch konfessioneller und politischer, Wander- und Folklore-Kreise zeigt.

Allein 1980 bis 1999 kamen über 50 Liederbücher mit Zogen einst fünf wilde Schwäne heraus. Die letzten mir bekannten Ausgaben waren 2013 das Wandervogel-Liederbuch und das Liederbuch des Freien Begegnungsschachts.

Neben Chören haben auch Liedermacher und Folklorebands wie Hannes Wader und Zupfgeigenhansel oder Volksmusiker wie Renate & Werner Leismann das Lied gesungen. Von der ostpreußischen Heimatdichterin Agnes Miegel ist zudem eine gesprochene Aufnahme des Liedtextes überliefert.

Georg Nagel, 16. Dezember 2016