Wer will fleißige Handwerker seh'n

Volkslied

Musiknoten zum Lied Wer will fleißige Handwerker seh'n

Liedtext

Wer will fleißige Handwerker seh'n,
der muß zu uns Kindern geh'n.
|: Stein auf Stein, :|
das Häuschen wird bald fertig sein.

Wer will fleißige Handwerker seh'n,
der muß zu uns Kindern geh'n.
|: O wie fein, :|
der Glaser setzt die Scheiben ein.

Wer will fleißige Handwerker seh'n,
der muß zu uns Kindern geh'n.
|: Tauchet ein, :|
der Maler streicht die Wände fein.

Wer will fleißige Handwerker seh'n,
der muß zu uns Kindern geh'n.
|: Zisch, zisch, zisch, :|
der Tischler hobelt glatt den Tisch.

Wer will fleißige Handwerker seh'n,
der muß zu uns Kindern geh'n.
|: Trapp, trapp, drein, :|
jetzt geh'n wir von der Arbeit heim.

Wer will fleißige Handwerker seh'n,
der muß zu uns Kindern geh'n.
|: Poch, poch, poch, :|
der Schuster schustert zu das Loch.

Wer will fleißige Handwerker seh'n,
der muß zu uns Kindern geh'n.
|: Stich, stich, stich, :|
der Schneider näht ein Kleid für mich.

Wer will fleißige Handwerker seh'n,
der muß zu uns Kindern geh'n.
|: Rühre ein, :|
der Kuchen wird bald fertig sein.

Wer will fleißige Handwerker seh'n,
der muß zu uns Kindern geh'n.
|: Hopp, hopp, hopp, :|
jetzt tanzen alle im Galopp.

Wer will fleißige Handwerker seh'n

Wer heute fleißige Handwerker sehen will, der muss tatsächlich zu den Kindern gehen. In Kindergärten und Kindertagesstätten ist das Bewegungslied bis heute beliebt. Während das Lied gesungen wird, machen die Erzieherinnen die typischen Bewegungen eines arbeitenden Handwerkers vor und die Kinder ahmen diese nach.

Aber es ist nicht nur ein Bewegungslied für Kinder, auch manche Erwachsene mögen das Lied. Die modernen Wandergesellen, die noch heute drei Jahre und einen Tag bei verschiedenen Meistern arbeiten, bevor sie ihre Meisterprüfung ablegen, (vgl. Es, es, es und es, es ist ein harter Schluss, Archiv, Des Wandern ist des Müllers Lust, Am Brunnen vor dem Tore, Innsbruck, ich muss dich lassen) haben 2013 das Liederbuch Freier Begegnungsschacht herausgegeben in dem auch Wer will fleißige Handwerker seh'n aufgenommen wurde. Und bereits einige Jahre zuvor hatte ich auf dem Tanz- und Folkfest in Rudolstadt (Thüringen) Handwerksburschen in voller Tracht nachts nach Abschluss eines Festivaltages auf dem Marktplatz ihr Lied singen hören. Wir Zuschauer, von denen einige einstimmten, hatten unsere besondere Freude, als sie die entsprechenden Arbeitsbewegungen dazu machten.

Wer den Text des Liedes verfasst hat oder woher die Melodie kommt, ist nicht bekannt. Liedforscher datieren die Entstehung des Liedes auf die Jahrhundertwende 1900, eine Zeit, in der es sehr wenige Großstädte (über 100.000 Einwohner) und relativ wenig große Mittelstädte (50.000 bis 99.999) gab. Maurern, Tischlern oder Schneidern und anderen Handwerkern bei der Arbeit zuschauen, konnten die Kinder überwiegend nur in Kleinstädten (unter 20.000) und kleinen Mittelstädten (unter 50.000) sowie in Landstädten (unter 5.000).

Zahlreiche Handwerksberufe gibt es immer noch, aber heute muss man sie wieder sichtbar machen, sei es im Kinderfernsehen, in Museen der Arbeit, mit Hilfe von Bilderbüchern oder eben des Liedes Wer will fleißige Handwerker seh'n. Ältere Leser werden sich an die ZDF-Sendungen Löwenzahn (später im Kinderkanal) erinnern, in der sie selbst oder mit ihren Kindern von 1981 bis 2005 Peter Lustig und später ab 2006 Fritz Fuchs manchmal in der Rolle eines Handwerkers gesehen haben, z.B. dem eines Hausbauers, Bäckers, Tischlers, Kochs, Malers oder Gärtners. Meine Kinder und später meine Enkel liebten diese Sendungen.

Bewegungslied

In den (hier vorgestellten) neun Strophen kommen sieben Handwerksberufe vor. Im fünften Vers ruht die Arbeit, denn es wird Feierabend gemacht. In der letzten und neunten Strophe tanzen die Singenden gemeinsam.

In der ersten Strophe geht es um die Tätigkeit eines Maurers. Man tut so, als ob man einen Ziegelstein in die Hand nimmt, ihn auf eine bereits halbfertige Mauer legt, dann Speis (Zement-Sand-Mischung) aus einem Eimer mit der Kelle schöpft und ihn dann auf den gerade gelegten Ziegelstein streicht usw. bis die Strophe zu Ende ist.

Am besten zu zweit deutet man in der nächsten Strophe an, wie man eine Fensterscheibe vorsichtig trägt sie behutsam in den Fensterrahmen einsetzt und dann mit Kitt befestigt. Diese Strophe wird, dem zerbrechlichen Material angemessen, leise und langsam gesungen.

Einfach ist der Maler darzustellen: Die Kinder tauchen fiktive Pinsel und Malerrollen in einen großen Eimer mit Farbe und bemalen eine nicht vorhandene Wand, indem sie von oben nach oder von links nach rechts oder kreuz und quer streichen.

Bei der vierten Strophe müssen sich die Kinder einen Tisch vorstellen oder sich an einen vorhandenen Tisch stellen. Hier benötigen sie beide Hände um den unsichtbaren Hobel zu halten. Da die meisten Kinder keinen Hobel kennen, ist es erforderlich, dass die Erzieherin ihnen den typischen Handgriff zeigt und auch einige Hobelbewegungen macht. Das am besten vor dem Singen der Strophe.

So, nun haben die Kinder genug gearbeitet, und es gibt eine Pause. Im fünften Vers heißt es zwar, "die Kinder gehen heim", aber nach der Pause - wie sie die zu füllen haben, wissen alle Kinder ohne Vormachen - geht es weiter.

Beim Schusterspielen dürfen die Kinder auch mal einen Schuh ausziehen und so tun, als ob sie ihn reparieren oder ihn mit einer neuen Sohle versehen. Fast alle Kinder nehmen von selbst ein nicht vorhandenes Hämmerchen in die Hand und klopfen die Sohle fest.

Auch wie man mit Nadel und Faden näht, werden viele Kinder von zu Hause kennen, wenn sie ihrer Mutter mal beim Annähen eines Knopfes zugesehen haben.

Ähnlich wie sie auch wissen, wie man einen Kuchen backt. Und so wie sie von der Mutter oder vom Vater gesehen haben, werden sie pantomimisch Mehl in eine Schüssel schütten, Milch und andere Zutaten hinzugeben und das Ganze zu einem Teig verrühren.

Und schon ist das Lied zu Ende und die Arbeiten sind getan. Es wird ein Tanzlied, z.B. Brüderchen (oder Schwesterchen), komm tanz mit mir oder Zeigt her eure Füße, zeigt her eure Schuh gesungen oder Musik angestellt und gemeinsam getanzt. Und anschließend kann noch einmal die fünfte Strophe gesungen werden.

Verbreitung und Beliebtheit

Seitdem Anfang der 1920er Jahre Liederbücher mit Wer will fleißige Handwerker seh'n herauskamen, verbreitete sich das Lied über ganz Deutschland und auch in Österreich sowie in der Schweiz. Nicht nur in evangelischen und katholischen Kreisen (zeitweise herrschten konfessionell geführte Kindergärten vor), sondern auch in anderen Gebrauchsliederbüchern war das Lied enthalten. Auch heute noch findet es sich in Schulbüchern für die Grundstufe und in zahlreichen Liederbüchern für Kinder, von denen die Taschenbücher des Fischer Verlags Das Kinderlieder Buch und Die schönsten deutschen Kinderlieder des Moewig Verlags wegen ihrer hohen Auflagen hervorzuheben sind.

Wie der Katalog des Deutschen Musikarchivs Leipzig zeigt, wird Wer will fleißige Handwerker seh'n besonders häufig von Kinderchören gesungen, z. B. vom Nymphenburger Kinderchor oder von den Schaumburger Märchensängern, um nur die bekanntesten zu nennen. Insgesamt weist der Katalog 46 Tonträger (LPs und CDs) und 86 Musiknoten aus (Stand 28.9.2017).

Wie beliebt das Handwerkerlied heute noch ist, zeigen auch die zahlreichen Bilderbücher mit dem Titel des Liedes. Meine Enkelin liebt besonders das gleichnamige Wimmelbuch mit Bildern des Grafikers Harald Larisch, dass bereits 2001 erschienen ist (im Wimmelbuch ›wimmelt‹ es auf meist doppelseitigen Bildern von Details, Menschen, Tieren und Dingen. Es werden Dutzende kleiner Alltagsszenen dargestellt, die miteinander durch die gemeinsame Umgebung verbunden sind, z.B. ein Hausbau oder ein Bauernhof.

2016 kamen noch zwei besonders künstlerisch gestaltete Kinderbücher heraus, nämlich das der Illustratorin Margot Russer und das des Künstlers Neele Böckmann ebenfalls mit dem Titel Wer will fleißige Handwerker seh'n. Auch die rund 250 Videos bei Youtube, oft mit kindgerechten Bildern oder kleinen kurzen Filmen und meistens von Kinderchören besungen, unterstreichen die große Verbreitung und Popularität des Lieds.

Georg Nagel, 29. September 2017