O du lieber Augustin

Volkslied

Musiknoten zum Lied O du lieber Augustin

Liedtext

O du lieber Augustin, Augustin, Augustin,
o du lieber Augustin, alles ist hin.
Geld ist weg, Mäd'l ist weg, alles weg, alles weg.
O du lieber Augustin, alles ist hin.

O du lieber Augustin, Augustin, Augustin,
o du lieber Augustin, alles ist hin.
Rock ist weg, Stock ist weg, Augustin liegt im Dreck!
O du lieber Augustin, alles ist hin.

Es war einmal ein Sackpfeifer (Sackpfeife = einfacher Dudelsack) namens Markus Augustin, der um 1670 in Wien von Beisl (Kneipe) zu Beisl zog, um dort gegen Geld Bänkellieder und auch zotige Lieder zu singen. Er war stadtbekannt, und da er immer lustiger Dinge war, nannte man ihn bald den "lieben Augustin". Selbst als im Jahr 1677 zunächst einige Vorstädte und bald darauf ganz Wien von der Pest heimgesucht wurden, verlor er nicht seinen Frohsinn, auch nicht als immer mehr Menschen auf der Straße tot umfielen. Auch die Kneipen wurden immer leerer, viele Leute wagten es nicht auszugehen, und die Einnahmen des lieben Augustins wurden von Woche zu Woche geringer. Da erbarmte sich manch ein Wirt und gab mal einige Humpen Bier, mal einige Weinkannen Heurigen oder Sturm (Federweißer) aus, und der liebe Augustin, der dem Alkohol nicht gerade abgeneigt war, trank so manches Mal über seinen Durst. Und eines Tages passierte es, dass er nur noch aus der Wirtshaustür heraustorkeln konnte und bald darauf, volltrunken wie er war, in eine Gosse fiel und dort einschlief.

Die in den Straßen liegenden von der Pest hingerafften Menschen wurden von sogenannten Siechknechten aufgesammelt, mit großen Karren vor die Tore Wiens gefahren und in Massengräber geworfen. Und so erging es auch unserem Augustin. Wie tot schlafend, von der Gosse verdreckt, glaubten die Siechknechte, einen Pesttoten vor sich zu haben. Als Augustin seinen Rausch ausgeschlafen hatte, war er entsetzt, inmitten all der Leichen zu liegen. Er fand seine Sackpfeife und versuchte, aus dem Grab zu klettern, schaffte es aber nicht. Da fing er an, nach Hilfe zu rufen und, als er kein Gehör fand, spielte er so laut er konnte auf seiner Sackpeife. Schließlich wurde er gehört und aus dem Grab gezogen. Glücklicherweise hatte er sich nicht angesteckt und er begann, wieder seine Beisltouren zu drehen. Bald darauf dichtete er ein Lied über das, was ihm widerfahren war.

Was sich wie ein Märchen anhört, ist auch eins. Zwar hat der "liebe Augustin" tatsächlich gelebt (1643 – 1685, nach anderen Quellen bis 1702), aber das Lied ist ihm angedichtet worden. Wahrscheinlich haben sich die unbekannten Verfasser an einer Geschichte des wortgewaltigen und populären Predigers Abraham a Sancta Clara orientiert. Bereits fünf Jahre vor der Großen Pest hatte Johann Ulrich Megerle, so sein richtiger Name, ein Ereignis, das aus seiner schwäbischen Heimat kannte, in einer Predigt verwandt als Warnung vor der Pest und abschreckendes Beispiel gegen übermäßiges Trinken.

Das Lied vom lieben Augustin

Text und Melodie des Liedes sind erstmals um 1800 in Wien - rund 100 Jahre nach dem Tod des "lieben Augustins" – nachgewiesen worden, wobei Textdichter und Komponist bis heute unbekannt geblieben sind. Nach 1800, so die Liedforscher, habe sich Der liebe Augustin über Sachsen in ganz Europa verbreitet.

1865 hat der Wiener Schriftsteller Moritz Bermann die Geschichte des "lieben Augustins" in seinem Buch Die schönsten Sagen aus Österreich (online) verarbeitet. Bermann schildert die Geschichte sehr detailliert. Belege, woher er das alles hat, gibt er nicht.

Den sprichwörtlich gewordenen "lieben Augustin" als Sackpfeifer und Sänger hat es zur Pestzeit in Wien tatsächlich gegeben. Und da das Lied zur "heimlichen Hymne Wiens" geworden ist, hat die Stadt Wien einen Platz nach ihm benannt, ihm ein Denkmal gesetzt und eine Gedenkinschrift gewidmet.

Das Lied bzw. die Figur des lieben Augustins ist von 1800 bis in die Gegenwart populär geblieben. Die Melodie wurde 1901 von Max Reger in der Sechsten Burleske (op.58) und 1908 von Arnold Schönberg im 2. Satz seines Zweiten Streichquartetts (op. 10) verarbeitet.

Leo Fall griff die Berühmtheit des Augustins auf und komponierte 1912 eine gleichnamige Operette, die inhaltlich ebenso wenig mit der Geschichte des Sackpfeifers zu tun hat wie der 1921 von Horst Wolfram Geißler verfasste Roman mit demselben Titel. Während der 1941 erschienene Film Der liebe Augustin mit Paul Hörbiger in der Hauptrolle biografisch ist, beruht der 1959 gedrehte Film auf dem von Geißler verfassten Roman als Vorlage.

In Deutschland ist das Lied vorwiegend als Kinderlied beliebt – meist mit nur einer Strophe oder auch mal mit zwei Strophen - bekannt, was die zahlreichen CDs und Videos (vgl. Youtube) und die 30 Partituren, vorwiegend für Kinderchöre, allein aus den vergangenen 10 Jahre des Deutschen Musikarchivs, belegen. In England ist das Lied bekannt als O my dear friend Augustin und in den USA gibt es das Kinderlied Ach, du lieber Augustin…all is kaputt / money gone, honey gone / money gone, honey gone / my goose is cooked.

In Österreich ist die Figur des lieben Augustins nach wie vor lebendig. Er gilt als "erster echter und legendärster Wienerliedsänger" und "auch als Urvater der Mentalität des gemütlichen Wieners, der nicht untergeht" (BR Klassik).

Georg Nagel, 9. Juni 2016