Nun ruhen alle Wälder

Volkslied (1647)

Musiknoten zum Lied Nun ruhen alle Wälder

Liedtext

Nun ruhen alle Wälder,
Vieh, Menschen, Stadt und Felder:
Es schläft die ganze Welt.
Ihr aber, meine Sinnen,
Auf, auf, ihr sollt beginnen
Was eurem Schöpfer wohlgefällt.

Wo bist du, Sonne, blieben?
Die Nacht hat dich vertrieben,
Die Nacht, des Tages Feind;
Fahr hin! ein andre Sonne,
Mein Jesus, meine Wonne,
Gar hell in meinem Herzen scheint.

Der Tag ist nun vergangen,
Die güldnen Sternlein prangen
Am blauen Himmelssaal;
Also werd ich auch stehen,
Wann mich wird heißen gehen
Mein Gott aus diesem Jammertal.

Der Leib, der eilt zur Ruhe,
Legt ab das Kleid und Schuhe,
Das Bild der Sterblichkeit;
Die zieh ich aus, dargegen
Wird Christus mir anlegen
Den Rock der Ehr und Herrlichkeit.

Das Haupt, die Füß' und Hände
Sind froh, daß nun zum Ende
Die Arbeit kommen sei;
Herz, freu dich, du sollt werden
Vom Elend dieser Erden
Und von der Sünden Arbeit frei.

Nun geht, ihr matten Glieder,
Geht hin und legt euch nieder,
Der Betten ihr begehrt;
Es kommen Stund und Zeiten,
Da man euch wird bereiten
Zur Ruh ein Bettlein in der Erd.

Mein Augen stehn verdrossen,
Im Nu sind sie geschlossen,
Wo bleibt denn Leib und Seel?
Nimm sie zu deinen Gnaden,
Sei gut für allen Schaden,
Du Aug und Wächter Israel.

Breit aus die Flügel beide,
O Jesu, meine Freude,
Und nimm dein Küchlein ein!
Will Satan mich verschlingen,
So lass die Englein singen:
Dies Kind soll unverletzet sein!

Auch euch, ihr meine Lieben,
Soll heute nicht betrüben
Ein Unfall noch Gefahr.
Gott laß euch selig schlafen,
Stell euch die güldnen Waffen
Ums Bett und seiner Engel Schar.

Herkunft und Vorgeschichte

Paul Gerhardt (1607 – 1676), einer der bedeutendsten deutschen Kirchenlieddichter, schuf 1647 dieses geistliche Abendlied. Mit der Struktur und dem Inhalt des Textes lieferte er die Anregung zum wahrscheinlich bekanntesten deutschen Volkslied Der Mond ist aufgegangen. Nun ruhen alle Wälder gehört nach O Haupt voll Blut und Wunden, Geh aus mein Herz und suche Freud und ›Befiehl du meine Wege‹ zu den populärsten von Gerhardts über 130 geistlichen Liedtexten. Laut dem Liedforscher Theo Mang wird Gerhardt »nicht zu Unrecht als Dichterfürst des deutschen Kirchenlieds? bezeichnet (Theo und Sunhilt Mang, Der Liederquell, 2015, S. 1078).

Als Melodie hat Gerhardt das weltliche Abschiedslied Innsbruck, ich muss dich lassen verwendet, das bereits um 1500 der Kapellmeister Heinrich Isaak (1450 – 1517) komponiert hatte. Wie beliebt die Melodie war, zeigt sich auch darin, dass sie 1555 ebenfalls als Grundlage des evangelischen Kirchengesangs ›O Welt, ich muss dich lassen‹ und des katholischen Sakramentslieds ›O heil’ge Seelenspeise‹ dient.

Die Schönheit der Melodie soll der Überlieferung nach J. S. Bach veranlasst haben, »sich dahin auszusprechen: er wolle für diese einzige Melodie, wenn er sie erfunden hätte, sein bestes Werk hingeben« (Allgemeine Kirchenzeitung, 1836, S. 51, zit. nach Franz Magnus Böhme, Altdeutsches Liederbuch, 1877, S. 334). Ähnlich soll sich Mozart geäußert habe (vgl. Mang, S. 1178). Für Bach bedeutete das Lied so viel, dass er es als Grundlage für seinen Choralsatz ›Nun ruhen alle Wälder‹ nahm und auch die Melodie in mehreren Choralsätzen der Matthias- und der Johannespassion verwendete. Auch Johannes Brahms griff im Choralvorspiel Opus 122 auf das Lied zurück.

Nun ruhen alle Wälder wurde, wie auch Innsbruck, ich muss dich lassen, zum ersten Mal in der fünfbändigen Sammlung von Georg Forster Ein Aufzug guter alter und newer Teutscher Liedlein, Nürnberg (1539 bis 1556) im fünften Band veröffentlicht. Erstmals in einem Gesangbuch erschien das geistliche Abendlied 1647 in Praxis Pietatis Melica von Johann Crüger.

Liedbetrachtung

Paul Gerhardts Abendlied Nun ruhen alle Wälder entstammt aus einer Zeit, in der der Tod allgegenwärtig war. Gerhardt selbst hat das Sterben im dreißigjährigen Krieg und durch die Pest erlebt. Von ihren fünf Kindern haben er und seine Frau vier begraben müssen. Der Glaube jedoch vermittelte ihm unerschütterliche Geborgenheit im Leben wie im Sterben, und diese Geborgenheit findet in der 8. Strophe eine eigene, kindliche Sprache: »Breit aus die Flügel beide, o Jesu meine Freude, und nimm dein Küchlein (Küken) ein. Will Satan mich verschlingen, so lass die Englein singen: 'Dies Kind soll unverletzet sein.'«

Zu Zeiten Paul Gerhardts und noch rund 200 Jahre später in der Romantik kommen Mensch und Vieh nach getaner Arbeit abends zur Ruhe, und auch die Natur scheint zu schlafen. So schrieben Joseph von Eichendorff (1788 – 1857) »Es rauschten leis die Wälder« im 2. Vers des Gedichts Mondnacht und Matthias Claudius (1740 – 1815) »Der Wald steht schwarz und schweiget« im Anfangsvers von Der Mond ist aufgegangen.

Der Abend des Tages erinnert an den Lebensabend, das Schlafengehen an das Sterben. Aber bevor der Mensch »aus diesem Jammertal« (vgl. Psalm 57, Vers 3 »ich rufe zu Gott, der meines Jammern ein Ende macht« ) erlöst wird, findet man Trost in der Zuversicht, dass man weiterleben wird und am Himmel wie ein goldenes Sternlein zu sehen sein wird, wie es im dritten Vers bildhaft beschrieben ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben manche Mütter, die zu Witwen geworden waren, ihre Kinder auf den Sternenhimmel mit den Worten gewiesen: »Dort der Stern, dass ist Vati!«

In den folgenden Versen geht es einerseits um das alltägliche Schlafengehen, um das Ausziehen der Kleidung, das Niederlegen der matten Glieder, das Schließen der Augen und andererseits um das Wissen, dass irgendwann das Leben zu Ende gehen wird. Mit dem Gebet »Leib und Seel« gnädig anzunehmen und die Sünden zu verzeihen, kann sich das lyrische Ich getrost schlafen legen mit dem Zuspruch an uns, dass Gott uns ruhig schlafen lassen wird, wie es ähnlich Matthias Claudius meint: »Verschon uns, Gott, mit Strafen und lass uns ruhig schlafen« (aus der letzten Strophe von Der Mond ist aufgegangen.

In Paul Gerhardts Lied schwingt ein ganzes gottesfürchtiges Leben mit: Freude an der Schöpfung, Arbeiten und zur Ruhe kommen, Erfahrung der Geborgenheit durch den Glauben an Gott, Hoffen auf ein ewiges Leben. Im Schlaf spürt er voraus, dass es irgendwann ein Erwachen nicht mehr geben wird. Doch wie es in der sechsten Strophe heißt: »Es kommen Stund und Zeiten, / da man euch wird bereiten / zur Ruh ein Bettlein in der Erd«.

Rezeption

Seit Mitte des 17. Jahrhunderts wurde dieses geistliche Abendlied in viele evangelische Gesangbücher aufgenommen wobei zur Vereinfachung des Gemeindegesangs die als zu kunstvoll und rhythmisch als zu kompliziert angesehene Melodie geglättet wurde (vgl. Mang, S. 413 und 1178).

Nachdem Nun ruhen alle Wälder 1834 zum ersten Mal in einer umfangreichen, fünfbändigen Liedersammlung von Friedrich Karl von Erlach mit allen neun Strophen auftauchte, wurde es als weltliches Abendlied auch in nichtkirchlichen Kreisen allmählich populär. Darauf deuten auch etliche weitere Liederbücher hin wie Franz Magnus Böhmes Altdeutsches Liederbuch (1877) und das u.a. von Felix Dahn herausgegebene Liederbuch des Deutschen Volkes (1883).

Auffällig ist, dass das Abendlied weder in einem Liederbuch der Wandervögel oder anderer bündischer Gruppierungen noch in einem studentischen Kommersbuch zu finden ist. Erst 1935 nahm die katholische St. Georgs Pfadfinderschaft es in Lieder deutscher Jugend auf.

Was die Aufnahme in weitere Liedersammlungen betrifft, so kam es vor allem von 1920 bis 1930 zu einem regelrechten Boom, denn in dieser Dekade kamen 28 Liederbücher heraus, von denen sieben ›evangelisch‹ im Buchtitel führten.

In den 1940‘er und 1950’er Jahren waren es überwiegend Chorliederhefte und Gesangbücher christlicher Organisationen, die Nun ruhen alle Wälder mit drei bis vier Strophen aufnahmen. Dabei handelt es sich um die Strophen 1, 3 und 9 und manchmal zusätzlich die zum Abendgebet gewordene Strophe 8 »Breit aus die Flügel beide«. Bemerkenswert finde ich die Sonderausgabe für Jungmädel - Liederblatt der Hitlerjugend (o.J.) und das Liederbuch der deutschen Jugend (FDJ, 1946) mit ebenfalls vier Strophen, wobei mir nicht bekannt ist, auf welche Strophe sich die dort angegebene 4. Strophe bezieht.

Die Beliebtheit des Abendlieds Nun ruhen alle Wälder setzte sich auch nach 1950 fort. So ist es nicht nur in zahlreichen Schulliederbüchern, sondern auch weiterhin in christlichen Liedersammlungen, wie z.B. in der 8. Auflage des evangelischen Gemeinschafts-Liederbuchs (1962) zu finden. Wegen der hohen Auflagen sind noch die Taschenbücher Volks- und Küchenlieder (1977), Liederfundgrube - Lieder, Songs, Gospels (1978) und der Deutsche Liederschatz (Band 3, 1988) zu erwähnen, sowie Die Mundorgel, die von 1953 bis 2020 eine verkaufte Auflage von rund 20 Millionen (Textausgabe) aufweist.

Nachzutragen ist noch, dass das Lied auch in der Schweiz bekannt und in Österreich derart beliebt ist, dass es seit 1975 regelmäßig in den Liederheften zu den Tiroler Singewochen mit drei Strophen enthalten ist.

Geht man von der Anzahl der im Deutschen Musikarchiv enthaltenen 3 Tonträger und den relativ wenigen Videos bei Youtube aus, so wird deutlich: Nun ruhen alle Wälder wird weniger angehört als gesungen, worauf auch die über 50 Partituren des Katalogs hinweisen (davon 11 neu aufgelegt in den Jahren 2006 bis 2020).

Georg Nagel, 2.8.2020