Innsbruck, ich muß dich lassen

Volkslied (15. Jh.)

Volksweise (15. Jh.)

Musiknoten zum Lied Innsbruck, ich muß dich lassen

Liedtext

Innsbruck, ich muß dich lassen,
ich fahr dahin mein Straßen,
in fremde Land dahin.
Mein Freud ist mir genommen,
die ich nit weiß bekommen,
wo ich Elend bin.

Groß Leid muß ich ertragen,
das ich allein tu klagen
dem liebsten Buhlen mein.
Ach Lieb, nun laß mich Armen
im Herzen dein erwarmen,
daß ich muß dannen sein.

Mein Trost ob allen Weiben,
dein tu ich ewig bleiben,
stet, treu, der Ehren frumm.
Nun muß dich Gott gewahren
in aller Tugen sparen,
bis daß ich wiederkumm.

In manchen Liederbüchern wird angegeben, der Text stamme von Kaiser Maximilian I. (1459 - 1519) als er nach der Krönung zum Kaiser 1508 seine erzherzogliche Residenz Innsbruck verlassen musste. Der Liedforscher Ernst Klusen nennt diese Angabe allerdings eine Legende. Auch der Erzählforscher und Germanist Heinz Rölleke weist darauf hin, dass es bereits einige Jahrzehnte früher ähnliche Texte mit der Anmerkung "in dem thon (=Melodie) Innsbruck, ich muss dich lassen". Auch die Melodie ist - laut Rölleke - älter als der vierstimmige Satz des Hofkapellmeisters von Maximilian I., Heinrich Isaak, der durch Georg Forsters "Frische Teutsche Liedlein" I, Nürnberg 1539 überliefert ist. Daher ist allein folgende Angabe korrekt: "Dichter und Komponist unbekannt, aus dem 15. Jahrhundert".

Die Melodie des "berühmtesten aller Abschiedslieder" (Rölleke) ist seit ihrer Entstehung so populär, dass es mehrere Bearbeitungen der Melodie gab und verschiedene andere Texte, so z.B. "O Welt, ich muss dich lassen" (1555; Evangelisches Gesangbuch Nr. 521; unbekannter Verfasser, nach Rölleke: J. Hess; Katholisches Gesangbuch Gotteslob Nr. 503), ein Lied, das vom Volk bei Hinrichtungen und Beerdigungen gesungen wurde und das Abendlied Nun ruhen alle Wälder (1647, von Paul Gerhard) oder das katholische Lied "O heil‘ge Seelenspeise" (Gotteslob Nr. 213).

Eine Interpretation

Innsbruck (Brücke über den Inn) war bereits zur Zeit der Entstehung des Liedes eine sehenswerte Stadt. Der Herzog von Österreich, Friedrich IV. (1382 – 1439) hatte es zu seiner Residenzstadt gemacht, wie auch der spätere Erzherzog Maximilian (ab 1508 Kaiser Maximilian I.). Die Einnahmen aus den Bergwerken, der aufblühende Handel und die vielen Handwerksbetriebe machten es zu einer Stadt, in der Wohlstand herrschte und zahlreiche noch heute bewunderte Bauwerke entstanden. Nicht nur deutsche Kaiser Maximilian I. (1459 – 1519) weilte mit seinem Hof gern in Innsbruck, sondern auch viele Wanderburschen machten hier Station, um sich bei einem Meister fortzubilden und sich den Tiroler Wein wohl schmecken zu lassen.

So ist es kein Wunder, dass es dem Sänger leidtut, Innsbruck nach Ableistung der vorgesehen Arbeitsmonate verlassen zu müssen. Aber nach der Zunftordnung mussten Wandergesellen mehrere Stationen bei verschiedenen Meistern durchlaufen, bevor sie selbst Meister werden konnten (vgl. Das Wandern ist des Müllers Lust oder Am Brunnen vor dem Tore. Die Zeile "sein Freud ist ihm genommen, die er nit weiß, wo ich in Elend bin" - wird von Rölleke frei übersetzt: dass er nicht weiß, ob er diese Freude wiedererlangen wird, weil er im fremden Lande sein wird.

Er muss großes Leid ertragen, weil er auch noch von seiner Liebsten Abschied nehmen muss. Er bittet sie, dass sie ihn in ihrem Herzen bewahren möge, auch wenn er von dannen ziehen, fern von ihr sein muss. Eine Klage, die sich auch in anderen Liedern findet, z. B. in den Zeilen 3 bis 8 der 5. Strophe von Der Winter ist vergangen.

Und er gibt seiner Liebsten sein Ehrenwort, dass ihr trotz all der Frauen, die er während seiner weiteren Wanderschaft kennenlernen wird, ewig treu bleiben wird (vgl. 6. Strophe von Der Winter ist vergangen). Er wünscht, dass Gott sie behüte und auch, dass sie tugendhaft bleiben möge bis er - nach seinen Lehr- und Wanderjahren - als Meister zu ihr zurückkommt.

Innsbruck ich muss dich lassen ist noch heute nicht nur in Österreich populär. Das Deutsche Musikarchiv Leipzig weist über 130 Tonträger mit dem Lied aus; und auch die 120 im Katalog des DMA ausgewiesenen Partituren deuten auf eine große Beliebtheit bei den Männer- und gemischten Chören hin.

Georg Nagel, 9. August 2016