Jahreszeiten

Herbstlieder

Herbst - Mich hat der Wind gepackt

Von Christa Schyboll

»Es war eine Mutter, die hatte vier Kinder. Den Frühling, den Sommer, den Herbst und den Winter«. Es könnte meine eigene Mutter gewesen sein. Denn auch ihre vier Kinder kamenzu den vier verschiedenen Jahreszeiten auf die Welt. Ich war das Kind des Herbstes – und bin es weit über das Datum hinaus auch in meinem Wesen geblieben. Mich hat der Wind gepackt… und der Herbstwind packt mich noch heute mit aller Macht, wenn er seine Farben und Buntheit, sein Strahlen und Wehen durch die Lande schickt.

Man mag sehr verschiedene Gründe haben, warum man der einen oder anderen Jahreszeit den Vorzug gibt. Und alle Gründe haben gewiss auch ihre Berechtigung. Warum es ausgerechnet bei mir aber der Herbst ist, ist spontan erklärt: Es ist die Reife, die Fülle, die Ernte, die mich so anzieht. Es sind die Farben, die Wildheit, die Unberechenbarkeit und das Ungestüme, das Kraft in meine Seele bringt. Es ist auch das Lauschen auf die anderen Töne, die in dieser Jahreszeit einzigartig sind und sich nicht beliebig wiederholen lassen. Man möge nur einmal durch das abgeworfene Laub der Wälder streifen. Es raschelt so musikalisch, als würden die Blätter, dem eigenen Tod entgegen sehend, ein letztes gemeinsames Konzert veranstalten. Doch bevor die Endlichkeit einzieht, ist die Fülle zu bestaunen. All diese glühenden Äpfel,suüßtropfenden Birnen und überreifen Nüsse. All diese letzten Köstlichkeiten aus den Gärten ums Haus, das Aufblühen der letzten Wiesenblumen und das Wiegen der Grashalme auf der wartenden Wiese, die der letzten Mahd des zu Ende gehenden Jahres entgegensieht.

Wenn wundert es, wenn mir bei all diesen Eindrücken die wunderbaren Lieder des Herbstes einfallen: Bunt sind schon die Wälder – und die Inspiration gleich noch ein eigenes Gedicht in der Seele auferstehen lässt:

Es rieselt, es raschelt und fliegt und fliegt
Braun-Gelb ist das Blatt, das zart tanzt und sich wiegt
Mit Sonne durchschienen und vom Wind wild umfangen
Will es nicht länger an der uralten Weide hangen
Es fällt zu mir nieder und kräuselt sich leicht
Duftet süßlich, schimmert zart, macht meine Sinne reich
Es weiß um sein Ende und schimmert ergeben:
Alles wird irgendwie weiterleben!
Nach der Winterskälte sprießt eine neue Kraft
In die uralte Weide und ihrem pulsierenden Saft (Christa Schyboll)

Fröhlichkeit und Totengedenken

Auf der Nordhalbkugel der Erde bewegt sich die Sonne scheinbar vom Himmelsäquator zum südlichen Wendekreis hin. Und das Südliche des Herbstes bringt uns an manchen Tagen noch einmal den Hauch des vergangenen Sommers. Die vier Jahreszeiten sind nicht gleich lang, weil die Umlaufbahn der Erde um die Sonne um 1,7 Prozent abweicht. Deshalb unterscheiden wir klimatisch auch den Frühherbst vom Vollherbst und diese nochmals vom Spätherbst, was häufig starke Unterschiede in Wetter und Temperatur beschert.

In der nördlichen, unserer heimischen Hemisphäre gehören die Monate September, Oktober und November zum Herbst. Während es in der südlichen Hemisphäre der März, April und Mai sind. In einer Reihe von Ländern findet in unserem kalendarischen Herbst auch die Umstellung der Uhrzeit von der Sommerzeit auf die normale Zeit wieder statt. Doch seit Einführung der Zeitumstellung ist und bleibt diese umstritten und wird in mehr und mehr Ländern auch wieder abgeschafft, weil die Wirkung auf die Energieersparnis, um die es vor allem ging, doch zu gering ausfällt.

Wie auch die anderen Jahreszeiten kennt auch der Herbst seine besonderen Feste. Dazu gehören beispielsweise das Erntedankfest, das im englischen Sprachraum Thanksgiving heißt und den ururalten, kulturübergreifenden Dank an Gott, die Götter oder die Natur meint, die uns die Früchte der Erde beschert und uns mit Nahrung versorgt.

Das Oktoberfest wiederum ist nicht nur bei den Liebhabern des Bieres ein willkommenes und ausgelassenes Fest und wird auch nicht nur in Bayern gefeiert, sondern hat seinen Siegeszug um den ganzen Globus angetreten. Trotz seiner Internationalität ist es ein urbayerisches Fest, das erstmalig anlässlich der Hochzeit von Kronprinz Ludwig von Bayern und Prinzession Therese am 12. Oktober 1810 in München stattfand.

Auch Halloween, der Reformationstag, Allerheiligen und der Tag des heiligen St. Martin fallen in den Herbst. Vom stillen Totengedenken bis auf volkstümliche Fröhlichkeit hat der Herbst also sehr unterschiedliche Stimmungen mit seinen Festtagen zu bieten, die irgendwie auch zur sehr unterschiedlichen Stimmung der klimatischen Gegebenheiten passen. So wie der Sommer in den Herbst tief hineinragen kann, so kann auch der Winter bereits früh im Herbst seine Fühler ausstrecken. Und dazwischen dann, kurz oder lang, der typische Herbst mit seiner vergehenden Farbenpracht und seinen besonderen Düften.

Die Brunft beginnt

Doch nicht nur uns Menschen, sondern auch die Tierwelt erfasst diese herbstliche Jahreszeit. Die Brunft geht los, und in so manchen Wäldern wird es laut und geht wild einher. Es wird nicht nur zu einer besonderen Zeit für die Jäger, die ihr Halali blasen, sondern auch für all die Böcke, die nun ihre Herde neu zu verteidigen haben. So mancher Revierförster erlebt dann hautnah infrüher und in später Stunde das, was im Herbstlied Der Förster bin ich vom Revier zur konkret erfahrbaren Wirklichkeit wird.

Die Brunftzeit hat ihre sprachlichen Wurzeln im Brummen und Brüllen. Es ist das Geschrei der männlichen Tiere in der Paarungszeit, dass die Wälder durchhallt. Hiermit ist vor allem das wiederkäuende Schalenwild gemeint, also die Hirsche. Beim Rothirsch spricht man in Bezug auf die Lautäußerung auch gerne vom Röhren. So wird der Wald zu manch einer Stunde zum rauschenden Spektakel, wenn die Paarungszeit auf ihren Höhepunkt zusteuert und die Karten der Herdenbosse neu gemischt werden.

Wie gern erinnern wir uns, wenn wir zu dieser Zeit in der Ferne weilen, an die Stimmung des Liedes: Im schönsten Wiesengrunde ist meiner Heimat Haus. Und wie froh sind wir, wenn wir zu sturmdurchtobten Stunden dann selbst gern auch im Warmen sitzen, behütet, gesättigt und unseren Gedanken freien Lauf lassen. Und treten im Spätherbst die ersten Fröste auf, tönt es in so manchem Ohr: Kommt ein Reiflein in der Nacht.

Auch in mir selbst tönt es weiter, wenn sich mein eigener musischer Anteil all dieser schönen Zeit besinnt und folgende Herbstzeilen schreibt:

Herbstwindstoll die Blätter tanzen
Umstreicheln mich mit leisem Wind
Das Kleine wird zum großen Ganzen
Der alte Mensch zum kleinen Kind
Das freundig in die Buntheit greift
Die Licht und Farbe regnen lassen
Würziger Duft fein ausgereift
Mit allen Sinnen zu erfassen
Auf dass wir uns bewegen, drehen
Dem Blätterflug den Sinn abringen
Durch Kinderaugen Wesentliches sehen
Erster Sturmklang will jetzt singen
Herbstwindstoll die Blätter tanzen
Das Kleine wird zum großen Ganzen (Christa Schyboll)