Grüß Gott, du schöner Maien

Volkslied (16. Jh.)

Volksweise (16. Jh.)

Musiknoten zum Lied Grüß Gott, du schöner Maien

Liedtext

Grüß Gott, du schöner Maien,
da bist du wiedrum hier.
Tust jung und alt erfreuen,
mit deiner Blumen Zier.
Die lieben Vöglein alle,
singen also hell,
Frau Nachtigall mit Schalle
hat die fürnehmste Stell.

Die kalten Wind verstummen,
der Himmel ist gar blau,
die lieben Bienlein summen
daher auf grüner Au.
O holde Lust im Maien,
da alles neu erblüht,
du kannst mir sehr erfreuen
mein Herz und mein Gemüt.

Entstehung und Herkunft

Der Dichter des aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts stammenden Textes "Grüß Gott, du schöner Maien" ist nicht bekannt. Über die Herkunft der Melodie gibt es hingegen zwei verschiedene Auffassungen. Nach dem Liedforscher Armin Griebel hat der fränkische Liedersammler Franz Wilhelm von Ditfurth (1801-1880) den Text in einer später verloren gegangenen Nürnberger Handschrift aus dem 16.Jahrhundert gefunden und dem Text eine Weise aus dem niederländischen Psalterliederbuch Souter Liedekens unterlegt (vgl. Forschungsstelle für fränkische Volksmusik). Ditfurth selbst nennt als Quelle: Souter Liedekens 1540, zum Psalm 27 (s. Dirtfurth, Fünfzig ungedruckte Balladen und Liebeslieder des XVI. Jahrhunderts mit den alten Singweisen, Heilbronn, 1877, S. 40).

Die Herkunft aus einem Liederbuch mit vertonten Psalmen ist der Grund, weshalb die Melodie in einer Kirchentonart notiert ist. Auch der Liedforscher Theo Mang betont die "phrygische Herkunft" (Der Liederquell, 2015, S. 92).

Doch in Der Liederhort, der laut Wikipedia "ersten maßgeblichen Ausgabe deutscher Volkslieder" des wissenschaftlichen Liedsammlers Ludwig Erk (1807 - 1883, die von dem Hochschullehrer und Volksliedforscher Franz Magnus Böhme (1827 - 1898) fortgeführt wurde, wird in Band 2, Seite 544 auf eine Melodie hingewiesen, die der uns heute geläufigen sehr ähnelt. Bei dem Lied Ich stund an einem Morgen heimlich an einem Ort wird unter dem Titel Schweres Scheiden bei Erk/Böhme angemerkt: "Melodie bei Ott, 1534".

In der Schweiz ist das Lied mit zwei Strophen in Johann Jakob Schäublins Chorgesängen (Chorgesänge für mittlere und höhere Lehranstalten, Familien und Vereine, II. Bändchen, Basel, 1880) zu finden. In Deutschland erschien Grüß Gott, du schöner Maien erstmals in Ditfurths Fünfzig ungedruckte Balladen und Liebeslieder des XVI. Jahrhunderts mit den alten Singweisen im Jahr 1877.

Diese Erbsenszählerei bzgl. der Anzahl der Strophen ist eine durchaus wichtige Unterscheidung. Denn in der langen Version ist Grüß Gott, du schöner Maien ein Liebeslied. Erst die Reduzierung auf die ersten beiden Strophen stellt durch das Ausblenden der Liebesfloskeln die Maienzeit in den Vordergrund und gibt dem Lied damit seinen heutigen Charakter eines Mailieds.

Interpretation

"Grüß Gott" als Gruß ist noch heute in großen Teilen Süddeutschlands derart üblich, dass er auch von Nichtchristen verwendet wird. Bereits diese Grußformel belegt, dass der Text wohl in Franken entstanden ist. Wie in anderen Frühlingsliedern, z.B. Nun will der Lenz uns grüßen, oder Der Mai ist gekommen wird der Mai begrüßt. Junge und alte Menschen freuen sich wie auch in dem Lied Jetzt fängt das schöne Frühjahr an über die blühenden Blumen. Sie erfreuen sich am Gesang der Vögel, insbesondere am wohltönenden Klang der Nachtigall.

In der zweiten Strophe wird beschrieben, wie sich die Ankunft des Frühlings auf die Natur auswirkt. Im Gegensatz zu dem häufig wolkenverhangenen Himmel der Winterzeit ist der Himmel (mindestens zeitweilig) so blau wie im Sommer. Ähnlich heißt es in Heinrich Heines Gedicht Gekomme ist der Maie:

Gekommen ist der Maie,
Die Blumen und Bäume blühn,
Und durch die Himmelsbläue
Die rosigen Wolken ziehn.
Die Nachtigallen singen
Herab aus der laubigen Höh'

Obwohl in vielen Liederbüchern das Lied mit nur zwei Strophen aufgenommen wurde, sollen hier alle fünf Strophen besprochen werden, zumal alle Liedersammlungen einschließlich der Schulliederbücher von 1914 bis 1932 das Lied vollständig wiedergeben, so wie es 1877 in Ditfurths Sammlung von Liebesliedern zu finden ist. Dort lauten die fünf Strophen:

Grüss Gott dich, schöner Maie,
Da du itzt wiedrum hier!
Thust Jung und Alt erfreuen,
Mit deiner Blumenzier.
Die Vöglein singen also hell;
Frau Nachtigall mit Schallen,
Hat die fürnehmste Stell.

Die kalten Wind erstummen,
Der Himmel ist gar blau,
Die lieben Bienlein summen
Daher von grüner Au.
Die Bächlein wie Krystallen rein,
Die Flüsse daher brausen
Im gülden Sonnenschein.

Weiss doch ein schönern Maien,
So Sommer und Winter blüht;
Der kann noch mehr erfreuen
Mein Herz und mein Gemüth:
Das ist mit ihrer Augen Schein,
Mit ihren Rosenwangen
Ein artlich Mägdelein.

Sie blüht trutz allen Blumen
Ueber die Massen zart,
Man kann nicht gnugsam ruhmen
Ihr jungfräuliche Art.
Damit hat sie bestrickt mein Herz
Als eine Zauberrinne,
Sag ich ohn allen Scherz.

Du edle Maienrose,
Willt du mein eigen seyn,
Ich tausch nicht Königloose
Mit meinem Häuselein
Wollt Gott, sie sagt ein fröhlich Ja,
Wann ich sie frag anheute,
Hätt’ schon den Himmel da.

In der dritten Strophe benutzt der Dichter den "Maien" und in der fünften Strophe die "Maienrose" als Metapher für ein Mädchen bzw. eine junge Frau, um die der Sänger wirbt. Nicht nur im Sommer, sondern auch im Winter, gemeint ist im ganzen Jahr, erfreut ihr Anblick den Schwärmenden. Ihr Blick, ihr "Augen Schein" und ihre rosigen Wangen bezaubern ihn unabhängig von einer Jahreszeit, und er nennt sie "ein artig Mägdelein", ein Hinweis auf ihre Keuschheit.

Im Gegensatz zur dritten Strophe spricht sie der junge Sänger in der vierten und letzten Strophe direkt an, indem er ihr ein Kompliment macht: "Du edle Maienrose". Und er gibt ihr zu verstehen, dass sie ihm lieber ist als sein kleines Haus mit dem Leben eines Königs zu tauschen. In Gedanken fragt er sie, ob sie ihn heiraten möchte, doch er ist sich dessen nicht sicher. Daher wünscht er sich von Gott, dass sie "Ja" zu seinem Antrag sagen möge. Noch heute will er sie fragen, und wenn sie zusagt, dann würde er sich wie im (siebenten) Himmel fühlen. Ob es ein glückliches Ende gibt, darüber sagt dieses Lied nichts. Jedoch ist anzunehmen, dass das Mädchen dem Werben des jungen Mannes nachgibt und ihn erhört.

Über Jahrhunderte hinweg hat das Ende des Winters und die Ankunft des Frühlings bei vielen Dichtern "Frühlingsgefühle" ausgelöst und zu Liebesliedern inspiriert, wie z. B. im 18. Jahrhundert Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht oder Winter ade und bereits im 16. Jahrhundert Wie schön blüht uns der Maien oder Der Winter ist vergangen.

Rezeption

Grüß Gott, du schöner Maien ist bis Ende des 19. Jahrhunderts außer in Ditfurths oder in Schäublins Liederbüchern in keiner einschlägigen Liedersammlung zu finden, auch im Gegensatz zu Ich stund an einem Morgen heimlich an einem Ort (s. o.) nicht in Erk/Böhmes Deutscher Liederhort. Ähnlich wie Nun will der Lenz uns grüßen hat sich erst die Jugendbewegung des Liedes angenommen. Seit der Aufnahme in das weitverbreitete Liederbuch für Volk und Jugend - Der Spielmann 1914 ist es bis 1933 in zahlreichen Liederbüchern vertreten, darunter in Musikantenlieder (1925) des Mitbegründers der Jugendmusikbewegung Fritz Jöde (1887 - 1970) und in Was singet und klinget - Lieder der Jugend ( 9. Auflage 1926) Auch in viele Schulliederbücher wurde das Lied aufgenommen, z.B. in das Chorbuch für höhere Knabenschulen - Frisch gesungen (48. Auflage 1930).

1933 - 1945
In keinem der zahlreichen Liederbücher, die während der Zeit des Nationalsozialismus erschienen, sind alle vier Strophen vertreten. Wahrscheinlich passten die beiden letzten Strophen nicht in das Weltbild der Nazis. Selbst in Österreich, als die "Ostmark" noch nicht Reichsdeutschland angeschlossen war, weist das Mein Österreich Liederbuch 1934 nur die ersten beiden Strophen auf.

Als reines Frühlingslied ist es jedoch in fast allen Liederbüchern der NS-Organisationen, wie z.B. der Hitlerjugend, des Bundes Deutscher Mädel, des Reichsarbeitsdienstes, des NS-Lehrerbundes und der Reichsjugendführung vertreten. In vielen Schulliederbüchern ist es ebenso zu finden wie ab 1940 in Liederheften für die Wehrmacht. Warum der aus der Jugendbewegung stammende Dichter und Liedersammler Fritz Jöde in seine Liedersammlung Der Musikant (1936) ebenfalls nur zwei Strophen aufgenommen hat, ist nicht bekannt.

Ab 1945
Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die ersten Liederbücher mit Grüß Gott, du schöner Maien 1951 und 1954 heraus. In der Schweiz war bereits 1945 eine Chorpartitur mit dem Frühlingslied erschienen. Diese Veröffentlichungen wie auch alle bis heute folgenden weisen nur die beiden ersten Strophen aus.

Aus meiner Sicht ist nicht nachzuvollziehen, warum nicht einmal bedeutende Liedersammlungen wie das zweibändige Werk Deutsche Lieder des Liedforschers und Volkskundlers Ernst Klusen oder das umfangreiche Werk des Liederforschers und -sammlers Theo Mang Der Liederquell (2015, über 1.000 Seiten) die 5-strophige Fassung aufgenommen haben.

Wie beliebt das Lied ist, zeigen die vielen Liederbücher, die seit 1951 heraus gekommen sind, sowie die Anzahl der Partituren (49), die das Deutsche Musikarchiv in seinem Katalog ausweist. Auf den 25 Videos bei You tube wird Grüß Gott, du schöner Maien überwiegend von Chören, weniger von Gruppen oder Solisten, gesungen. Hervorzuheben ist die Interpretation der Folk (Revival) Gruppe Elster Silberflug, die als einzige das Lied mit vier Strophen singt.

Georg Nagel, 01.05.2018