Ein Mann, der sich Kolumbus nannt

Volkslied

Musiknoten zum Lied Ein Mann, der sich Kolumbus nannt

Liedtext

Ein Mann, der sich Kolumbus nannt,
wide-wide-witt, bum, bum.
war in der Schifffahrt wohlbekannt,
wide-wide-witt, bum, bum.
Es drückten ihn die Sorgen schwer,
er suchte neues Land im Meer.
Gloria, Viktoria wide-wide-witt, juch-hei-ras-sa,
Gloria, Viktoria wide-wide-witt, bum,bum.

Als er den Morgenkaffee trank,
da sprang er fröhlich von der Bank.
Denn schnell kam mit der ersten Tram
der span'sche König bei ihm an.

"Kolumbus", sprach er, "lieber Mann,
du hast schon manche Tat getan!
Entdecke mir Amerika!"

Gesagt, getan, ein Mann, ein Wort,
am selben Tag fuhr er noch fort.
Und eines Morgens schrie er: "Land!
Wie deucht mir alles so bekannt!"

Das Volk am Land stand stumm und zag,
da sagt Kolumbus: "Guten Tag!
Ist hier vielleicht Amerika?"
Da schrien alle Wilden: "Ja!"

Die Wilden waren sehr erschreckt
und schrien all: "Wir sind entdeckt!"
Der Häuptling rief ihm: "Lieber Mann,
alsdann bist du Kolumbus dann!"

Der Textdichter des Kinderliedes Ein Mann, der sich Kolumbus nannt ist bis heute unbekannt. Veröffentlicht wurde es erstmals im Jahr 1936 in Der Pott. Ein unverschämtes Liederbuch voll Stumpfsinn, Rührseligkeit, Ausgelassenheit und Spott für geborene Kindsköpfe und solche, die es mit der Zeit geworden sind, herausgegeben zu eigener Erbauung und Genugtuung von Rinaldo Rinaldini. Hinter dem Pseudonym "Rinaldo Rinaldini" verbirgt sich der renommierte Musikpädagoge Fritz Jöde, eine der führenden Persönlichkeiten der Jugendmusikbewegung. Jöde, der sich zwischen dem Freigeist der Musik und der nationalsozialistischen Propaganda bewegen musste, zog es vor, das Scherzliederbuch Der Pott nicht unter seinem Namen herauszugeben.

Als Melodie unterlegte Jöde die altbekannte Melodie des Lieds Ich bin der Doktor Eisenbart.

Schon bald nach seiner Veröffentlichung fand das Lied eine weite Verbreitung; es wurde in zahlreiche - teils nationalsozialistisch angehauchte - Liederbücher aufgenommen, wie beispielsweise das 32. Liederblatt der Hitlerjugend, das ebenfalls 1936 erschien. Es findet sich auch im vom Zentralverlag der NSDAP herausgegebenen Unser Liederbuch, das ab 1941 Unser Kriegs-Liederbuch hieß, sowie auch dem 1940 erschienenen Liederbuch der Kriegsmarine.

Nach dem Krieg fand Ein Mann, der sich Kolumbus nannt Eingang in die Schulliederbücher und ist auch in Standardwerken wie der Mundorgel enthalten. Im Laufe der Jahrzehnte wurde es auch zu einem Kinderlied, das in die einschlägigen Kinderliederbücher aufgenommen wurde.

Der spaßige Unsinntext wird heutzutage gerne wegen mangelnder politischer Korrektheit kritisiert. Begriffe wie "die Wilden" sind natürlich abwertend, so wie die Entdeckung und Eroberung des - immerhin bewohnten - Amerika generell moralisch zumindest bedenklich ist. Dennoch sollte man sich den Spaß, den dieses Liedchen nicht zuletzt auch wegen seiner kreativen Wortschöpfung "widewidewitt" beim Singen macht, nicht durch überkorrekte politische Gedanken nehmen lassen.

Fritz Jöde nannte sein Buch nicht ohne Hintergedanken Ein unverschämtes Liederbuch voll Stumpfsinn, Rührseligkeit, Ausgelassenheit und Spott für geborene Kindsköpfe und solche, die es mit der Zeit geworden sind. Er war kein Mann der Politik, sondern ein Musikus durch und durch. "Selbst Musizieren ist besser als Musik hören" war sein Credo. Und dazu ist Ein Mann, der sich Kolumbus nannt allemal hervorragend geeignet, was nicht zuletzt auch die Beliebtheit in Kindergärten bezeugt.

Tom Borg, 31. Oktober 2016

Dichtung und Wahrheit

Geschichtlich gesehen, ist das Lied Ein Mann, der sich Kolumbus nannt eine Mischung aus Dichtung und Wahrheit. Der Name Kolumbus ist zwar von der latinisierten Form abgeleitet, aber der Seefahrer und Entdecker hat sich nie Christophorus Columbus genannt. Der Seefahrer wurde 1451 in Genua als Cristoforo Colombo geboren. Später in Portugal wurde er Cristóvão Colombo und Jahre später in Spanien, wo er 1506 in Valladolid starb, Cristóbal Colón genannt. Richtig ist, dass ihn die Sorgen schwer drückten, da er in Portugal Schulden gemacht hatte und vor seinen Gläubigern nach Spanien floh. Richtig ist auch, dass Kolumbus "neues Land im Meer" suchte. Allerdings hatte ihm der portugiesische König Johann II. die für seine geplante Entdeckungsreise geforderten finanziellen Mittel verweigert. Auch das Königspaar Ferdinand II. von Aragón und Isabella I. von Kastilien stand anfangs seinen Plänen skeptisch gegenüber.

Dass das Lied nicht ernst gemeint ist, merkt man im zweiten Vers. Eine Tram gab es im 15. Jahrhundert nicht. Die erste Straßenbahn fuhr als Pferdebahn 1832 in New York und eine elektrische Straßenbahn mit Oberleitung konnte man in Paris auf der Exposition d‘électricité 1881 zum ersten Mal bestaunen. Der Begriff ›Tram‹ ist noch heute in Süddeutschland üblich, so dass die Vermutung, das Lied stamme aus Schwaben, Württemberg oder Franken - so die Hinweise in einigen Liederbüchern – mindestens auf eine dieser Regionen zutreffen könnte.

Völlig unglaubhaft ist die Aussage, dass der "span'sche König" zu Kolumbus gekommen ist. Es war Kolumbus, der mehrfach versuchte, im Königshaus vorzusprechen und jedesmal abschlägig beschieden wurde. Erst seitdem Kolumbus 1486 einer Einladung von Königin Isabella zum Hof nach Córdoba folgte und dem Schatzmeister seine Pläne zur Reise nach Indien und China vorlegen konnte, zeichnete sich eine Chance der Finanzierung durch das Königshaus ab. Nachdem jedoch eine Kommission seine Reisepläne als unrealistisch abgetan hatte, wurden Kolumbus und seine Familie nur deshalb finanziell unterstützt, damit er nicht bei anderen europäischen Königshäusern für seine Pläne zu werben konnte.

Grundsätzlich waren die Spanier wie auch die Portugiesen an der Seide aus China und den Gewürzen aus Indien interessiert, aber die Portugiesen hatten bereits Bartolomeu Diaz in den fernen Osten geschickt und die Spanier waren im Süden der iberischen Halbinsel in einen langwierigen Krieg mit den Mauren verwickelt. Trotz der Fürsprache des königlichen Schatzmeisters und des mächtigen Kardinals Mendoza wurde Kolumbus erneut nicht angehört.

Nach einigen Jahren vergeblichen Wartens machte sich Kolumbus auf nach Frankreich; er wurde jedoch von Isabellas Beichtvater zurückgehalten, der ihm schließlich eine Audienz bei der spanischen Königin - also nicht beim "span'schen König" - verschaffte. Dort stellte er Forderungen, die das Königshaus zunächst nicht bewilligen wollte, dann aber akzeptierte, bevor er erneut nach Frankreich aufbrechen konnte.

Indien suchen, Amerika finden

Der spanische König, geschweige denn die Königin, haben Kolumbus niemals aufgefordert "Amerika zu entdecken". Zum einen kannte man den Begriff ›Amerika‹ zu der Zeit noch gar nicht, zum anderen war es der Vorschlag von Kolumbus selbst, nach Indien und China zu segeln.

Und von heute auf morgen ging die Reise auch nicht los. Sechs Jahre hat es schließlich gedauert, von der ersten Vorlage der Pläne bis zum In-See-stechen am 2. August 1492. Und es sollten noch über zwei Monate vergehen, bis ein Matrose aus dem Ausguck - nicht Kolumbus selbst - Land erspähte. Ebenfalls der dichterischen Freiheit geschuldet ist der Ausruf Kolumbus‘: "Wie deucht mir alles so bekannt!". Kolumbus und seine Schiffe waren an einer karibischen Insel gelandet, und das tropische Grün und die farbigen Menschen dürften ihnen eher fremd als bekannt vorgekommen sein.

Die Freundlichkeit ("Guten Tag!") dieser ersten Spanier ist historisch belegt, wie auch die der Kariben (zum Begriff "die Wilden" s.o.), die keinesfalls "sehr erschreckt" waren. Auch in dieser Strophe wird der Begriff ›Amerika‹ historisch nicht korrekt verwendet. Erst Anfang des 16. Jahrhundert wurde der neue Erdteil nach dem Seefahrer und Entdecker der Amazonasmündung Amerigo Vespucci (1451 - 1512) Amerika genannt.

Im Übrigen landete Kolumbus mit seinen Schiffen erst auf seiner vierten Reise 1502 in Honduras und betrat damit zum ersten Mal amerikanisches Festland. Da er noch immer glaubte, Indien entdeckt zu haben, nannte er die Einwohner Indianer.

Obwohl das Lied in vielen Einzelheiten von der historischen Wahrheit abweicht und auch Irrtümer enthält, ist es doch seit seiner Entstehung nach wie vor beliebt. Gesungen wird es in Kindergärten und von Kinderchören und, berücksichtigt man die Herausgeberschaften der Liederbücher mit Der Mann, der sich Kolumbus nannt, auch von Jugendgruppen.

Georg Nagel, 10.10.2017