Der Kuckuck und der Esel

Hoffmann von Fallersleben (1835)

Musiknoten zum Lied Der Kuckuck und der Esel

Liedtext

Der Kuckuck und der Esel,
die hatten einmal Streit:
wer wohl am besten sänge,
wer wohl am besten sänge
zur schönen Maienzeit,
zur schönen Maienzeit.

Der Kuckuck sprach: Das kann ich
und fing gleich an zu schrein.
Ich aber kann es besser
fiel gleich der Esel ein.

Das klang so schön und lieblich,
so schön von fern und nah.
Sie sangen alle beide
Kuckuck, Kuckuck, ia.

Der Kuckuck und der Esel verdankt seine Melodie dem Dirigenten und Musikpädagogen Carl Friedrich Zelter (1758 -1832), der sie ursprünglich 1810 auf Goethes Scherzgedicht Es ist ein Schuss gefallen komponierte (vgl. Theo und Sunhilt Mang, Der Liederquell, 2015, S. 646). Als Duzfreund Goethes hatte er bereits viele Gedichte vertont, wie z. B. Der Erlkönig oder Wanderers Nachtlied nach dem Gedicht Über allen Gipfeln ist Ruh.

25 Jahre später griff der Dichter und Liedersammler August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1789 – 1874) die geläufige Melodie auf und schrieb den Text Der Kuckuck und der Esel unter dem Titel »Der Wettstreit«. Hoffmann von Fallersleben.

Bei diesem Sängerwettstreit bezieht sich Hoffmann von Fallersleben auf den Wettstreit des Kuckucks mit der Nachtigall aus der von Clemens Brentano und Achim von Arnim 1805 bis 1808 herausgegebenen Volkliedsammlung. Des Knaben Wunderhorn. Auch in diesem Lied spielt ein Esel eine Rolle, jedoch nicht als Mitwettbewerber, sondern als Schiedsrichter. Der lyrische Gesang der Nachtigall erschließt sich dem Esel nicht, das Schreien des Kuckucks dagegen ist ihm vertraut. Daher erklärt der Esel den Kuckuck zum Sieger, obwohl der Kuckuck eigentlich schreit statt singt. Deshalb haben die Ornithologen schließlich ganz bewusst, den Kuckuck nicht als Singvogel in die Ordnung der Vögel aufgenommen, sondern eine gesonderte Kategorie, nämlich Kuckucksvögel, geschaffen.

Interpretation

Das bis heute berühmte Kinderlied knüpft in der ersten Strophe scheinbar an die vielen Maienlieder an, ohne wie üblich die Freude über das Nahen des Frühlingsmonats auszudrücken oder die erblühende Natur zu beschreiben. Doch die Geschichte beginnt spannend: zwei Tiere habe einen Streit über ihre »Gesangskünste« und beschließen, ihr Können unter Beweis zu stellen. Nachdem der Kuckuck zu Schreien begonnen hat, kann der Esel es nicht abwarten und setzt mit lautem Iah-en ein.

Ob es sich wirklich so »schön und lieblich« anhörte, wie Hoffmann von Fallersleben gedichtet hat, darf bezweifelt werden. Da anzunehmen ist, dass der Dichter sowohl Kuckucksrufe wie auch das Iah-en eines Esels kannte, ist »schön und lieblich« sicherlich ironisch gemeint. Hört man den Kuckuck von weitem, so ist sein Schreien noch ganz annehmbar, zumal Jung und Alt die Rufe mitzählen. Denn nach einer alten Überlieferung kann man daran die Anzahl der Jahre erkennen, die man noch leben wird. Das durchdringende Iah-en eines Esels ist jedoch nur kurzzeitig den Ohren zuträglich. Aber Kuckuck und Esel im Duett vereint, wobei jeder den anderen noch an Lautstärke zu übertreffen versucht, ist wohl kaum auszuhalten. Und ich könnte mir vorstellen, dass etwaige Zuhörer schleunigst Reißaus genommen haben.

Wie es aussieht, ist der Wettbewerb, wer am besten »singt«, unentschieden ausgegangen. Aus einem Streit ist ein gemeinsames Konzertieren im Duett geworden.

Da wie bereits oben erwähnt, das Lied weder ein echtes Mailied ist, noch von einem fairen Wettstreit zwischen zwei Singvögeln handelt, geht der Germanist, Volkslied- und Märchenforscher Heinz Rölleke (geb. 1936) davon aus, dass Hoffmann von Fallersleben es als eine »milde Parodie« auf die seinerzeit grassierenden Mailieder (mir sind aus Online-Archiven und Privatbibliotheken über 30 Lieder bekannt, die in ihrem Titel den Begriff Mai führen) mit ihren unverzichtbaren »Nachtigallen« geschrieben hat (Das große Buch der Volkslieder, 1993, S. 344).

Rezeption

Vor Ende des 19. Jahrhunderts wurde Der Kuckuck und der Esel häufig mündlich weitergegeben, abgesehen von vereinzelten Drucken von in Form von Liederheften für Kindergärten. Erst 1895 wurde es in das weit verbreitete Volksthümliche Lieder der Deutschen aufgenommen, herausgegeben von dem Komponisten und Volksliedforscher Franz Magnus Böhme (1827 - 1898).

In die Liederbücher der Wandervögel oder der Jugendbewegung wurde Der Kuckuck und der Esel nicht aufgenommen. Bei den Jugendlichen und Jungerwachsenen galt es als Kinderlied. Damit teilt das Wettstreitlied das Schicksal mit einem der berühmtesten Lieder Hoffmann von Fallerslebens: Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald.

Dagegen war es seit Anfang des 20. Jahrhunderts in ganz Deutschland in vielen Schul- und Kinderliederbüchern vertreten von denen einige bis 1931 mehrfach aufgelegt wurden. Erwähnt werden aufgrund der hohen Auflagen hier nur zwei: Lieder- und Bewegungsspiele, herausgegeben vom Pestalozzi-Froebel- Haus in Berlin, 7. Auflage 1927) und Singende Jugend, 1. Teil (12. Auflage 1927). Von den sonstigen Liedersammlungen ragt die 10. Auflage (1931) Mein guter Kamerad – Liederbuch für die Jugend 1. Heft hervor.

Als in der Zeit des Nationalsozialismus das NS-Regime eigene Schulbücher herausgab, wurde es wahrscheinlich des politisch harmlosen Inhalts wegen, in eine große Anzahl von Liederbüchern für Schulen aufgenommen. Kling, Klang, Gloria – Liederbuch für Schule und Haus, 1. Heft erreichte bereits 1937 die 24. Auflage.

Nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs erschienen vor allem in den 1950e und 1960er Jahren über 24 Liederbücher mit dem Wettstreit von Der Kuckuck und der Esel.

Mit Ausnahme der 1980er Jahre, als im Durchschnitt noch jedes Jahr ein neues Liederbuch mit Der Kuckuck und der Esel erschien, nahmen die Herausgaben in den Folgejahren Jahre kontinuierlich ab. Doch in Taschenliederbüchern ist es weiterhin häufig enthalten. So erschien zum Beispiel 1975in Der deutsche Liederschatz des Heyne Verlags und einer Neuausgabe 1988. Im Jahr 1992 nahm auch der Moewig Verlag Der Kuckuck und der Esel in die Sammlung Die schönsten deutschen Volksliede ihre Melodien und Geschichten auf.

Im Vergleich zur großen Anzahl der Liederbücher, die allerdings nicht eindeutig etwas über das Singen des Liedes aussagen, erstaunt, dass im Katalog des Deutschen Musikarchivs nur zwei Tonträger (Schellackplatten) aufgeführt werden. Der Kuckuck und der Esel wird wohl viel häufiger gesungen als angehört, worauf auch die dort vorhandenen 26 Partituren deuten.

Georg Nagel, 20.11.2019