Dat du min Leevsten büst

(Dat du min Leevsten büst)

Volkslied

Dat du min Leevsten büst ist die norddeutsche Variante des westfälischen Gassenhauers Dat du myn Schätsken bist

Musiknoten zum Lied Dat du min Leevsten büst

Liedtext

Dat du min Leevsten büst,
dat du woll weeßt.
Kumm bi de Nacht,
kumm bi de Nacht,
segg wo du heeßt,
kumm bi de Nacht,
kumm bi de Nacht,
segg wo du heeßt.

Kumm du üm Middernacht,
kumm du Klock een!
Vader slöpt,
Moder slöpt,
ick slap aleen.

Klopp an de Kammerdör,
fat an de Klink!
Vader meent,
Moder meent,
dat deit de Wind.

Kummt denn de Morgenstund,
kreiht de ol Hahn.
Leevster min
Leevster min,
denn mößt du gahn!

Sachen den Gang henlank,
lies mit de Klink!
Vader meent,
Moder meent,
dat deit de Wind.

Aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist aus Westfalen ein Gassenhauer mit dem Titel Dass du mein Schätsken bist bekannt mit den Zeilen "Kumm hüte Nacht, kumm hüte Nacht, / brink mi‘n Stück Fleesk [Fleisch].“ Das Historisch-kritische Liederlexikon hält dieses westfälische Lied für den Ursprung von "Dat du min Leevsten büst". Nicht bekannt ist, von wem die ersten beiden Strophen des plattdeutschen Lieds stammen, die zum ersten Mal 1845 in dem Buch "Sagen, Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg", herausgegeben von Karl Müllenhoff, aufgeführt sind. Die Strophen 3 und 4 hat der holsteinische Dichter Iven Kruse (1865 - 1926) verfasst. Unbekannt ist, wer die 5. Strophe gedichtet hat.

Die heute noch gesungene Melodie geht gemäß dem Historisch-kritischen Liederlexikon auf einen Variationensatz für Cembalo des Komponisten Josef Anton Steffan (1726 - 1796) zurück. Dagegen findet man in vielen Liederbüchern die Angabe: Melodie "Lasst uns Brüder, Freiheit erhöh’n", ein altes Freimaurerlied.

In dem Lied ermuntert eine junge unverheiratete Frau ihren Liebsten, nachts heimlich zu ihr in ihre Kammer zu kommen. Offensichtlich verfügt sie über eine eigene Schlafkammer. Da zur Zeit der Entstehung des Liedes Einzelzimmer im Allgemeinen nur für Kinder Adeliger und recht gutsituierter Bürger üblich waren, scheint es sich hier um die Tochter eines wohlhabenden Bauern oder gutverdienenden Handwerkers o.ä. zu handeln. Die junge Frau beteuert ihrem Freund, dass er ihr Liebster sei und sie nimmt an, dass er das weiß. Daher wünscht sie sich von ihm, dass er in der Nacht zu ihr kommen möge. Dabei verwundert es, dass sie ihn auffordert, ihr zu sagen, wie er heißt. Sicherlich weiß sie es; mit ihrer Frage will sie nur sichergehen, dass sich in der dunklen Nacht nicht jemand Falsches in ihre Kammer schleicht. Der Name des jungen Mannes dient also als Erkennungszeichen. In anderen Versionen heißt es: "segg mi was Leevs" (sag mir etwas Liebes).

Die junge Frau hat sich Gedanken gemacht, wann es wohl am besten sein könnte, ihren Liebsten zu empfangen. Sie ist zu dem Schluss gekommen, dass es um Mitternacht günstig ist, oder noch besser erst um ein Uhr, weil sie aus Erfahrung weiß, dass ihre Eltern dann fest schlafen. Und sollten sie wider Erwarten das Klopfen an der Kammertür hören, dann würden sie - im Halbschlaf - meinen, dass es am Wind gelegen hätte. Und ihrem Liebsten versichert sie, dass er nicht befürchten müsse, auf Geschwister oder Gesinde zu treffen, denn sie schlafe ja allein.

Die junge Frau hat an alles gedacht, auch daran, wie ihr Liebster unbemerkt aus dem Haus kommen könne. Sie weiß, vor dem ersten Hahnenschrei stehen die Eltern nie auf, eher später. Daher sagt sie ihm: "Kommt dann die Morgenstunde (und) kräht der alte Hahn", dann wird es höchste Zeit zu gehen. Und sie gibt ihm noch den guten Rat, den Flur leise entlang zu gehen. Und falls die Eltern dann doch ein Geräusch hören, werden sie meinen, den Wind zu hören.

Das Lied ist bis heute in ganz Deutschland bekannt und besonders populär in Norddeutschland, wo es auch in der Mehrzahl der Liederbücher und in vielen Schulbüchern vertreten ist. Besonders gern gesungen wird Dat du min Leevsten büst von Männer- und gemischten Chören.

Georg Nagel, 15. August 2016