Leise rieselt der Schnee

Eduard Ebel (1895)

Musiknoten zum Lied Leise rieselt der Schnee

Liedtext

Leise rieselt der Schnee,
still und starr ruht der See
weihnachtlich glänzet der Wald:
Freue dich, Christkind kommt bald!

In den Herzen ist's warm,
still schweigt Kummer und Harm,
Sorge des Lebens verhallt:
Freue dich, Christkind kommt bald!

Bald ist heilige Nacht,
Chor der Engel erwacht,
hört nur, wie lieblich es schallt:
Freue dich, Christkind kommt bald!

Karaoke

Leise rieselt der Schnee ist eines der beliebtesten deutschsprachigen Weihnachtslieder. Gedichtet wurde es vom evangelischen Pfarrer Eduard Ebel (1831-1905), der es 1895 als Wintergruß mit dem Untertitel Ein Kinderlied in seinem Buch Gesammelte Gedichte veröffentlichte. Woher die Melodie stammt, blieb bis heute unbekannt. Neben diversen Spekulationen um die Herkunft der Melodie wird deshalb meist vermutet, dass Ebel auf eine anonyme Volksweise zurückgegriffen und vielleicht geringfügig bearbeitet hat.

Ebel selbst betrachtete Leise rieselt der Schnee als Kinderlied für die vorweihnachtliche Winterszeit. Es geht ihm, dem dichtenden Pfarrer, darum, den Kindern die Vorfreude auf Weihnachten nahe zu bringen. "Freue Dich, Christkind kommt bald!" heißt es am Ende aller drei Strophen. In den jeweils 3 Zeilen davor spannt Ebel einen Bogen von der Jahreszeit hin zum Weihnachtsabend.

"Leise rieselt der Schnee" wenn man hinausgeht in die Natur, auf Äcker und Wiesen um sich schaut. Fernab der städtischen Hektik rieselt er leise, der Schnee. "Still und starr liegt der See" - zumindest war es damals, Ende des 19. Jahrhunderts noch so. Heute frieren Seen immer seltener zu, so wie auch immer seltener zur Weihnachtszeit der Schnee leise rieselt. Da ist manchmal schon viel Fantasie nötig, um sich das "weihnachtlich glänzet der Wald" bildlich vorzustellen. Wir sehen es heutzutage immer seltener. Dennoch verstehen wir das Bild der Naturidylle, die Eduard Ebel gezeichnet hat. Es ist eine winterliche Märchenlandschaft wie sie früher üblich war.

Einen regelrechten Kontrast bildet dann die erste Zeile der zweiten Strophe: "In den Herzen ist's warm". Doch gemeint ist hier die innere Wärme, das seelische Wohlbefinden, die Vorbereitung und Erwartung des Christkinds. Deshalb "schweigt Kummer und Harm", denn dafür ist kein Platz in der Vorweihnachtszeit, wo die "Sorge des Lebens verhallt". Wir freuen uns, denn das "Christkind kommt bald".

Einstimmung auf Weihnachten

Untermalt werden diese symbolischen Szenen von der getragenen Melodie, die langsam und dennoch kraftvoll daherkommt. Auf der jeweils ersten Silbe der ersten beiden Zeilen liegen lange Noten, die diese Wörter besonders betonen bevor die Zeilen auf einem 5/4 langen Ton zur Ruhe kommen. Die dritte und vierte Zeile hingegen beginnen mit zwei Achtenoten bzw. einer punktierten Viertel mit nachfolgender Achelnote. Waren zuvor "Lei-se" sowie "still" stark betont und ruhend, so bekommt nun "weih-nacht-lich" und "freue-e dich" etwas mehr Pep und Schwung. Wir sollen uns freuen, was sich auch in der Melodie ausdrückt. Auf der ersten Silbe von "glän-zet" steht mit einem c' der höchste Ton der Strophe. Eine perfekte Symbiose von Text und Melodie.

Doch es folgt noch eine dritte Strophe, die uns darauf hinweist: "Bald ist heilige Nacht" - und dass der "Chor der Engel erwacht". Hier spricht der dichtende Pfarrer, der die ersten beiden Strophen zur Einstimmung für sein Anliegen, der Ankunft des Christkinds, nutzte. "Hört nur, wie lieblich es schallt" ruft er uns zu. Und wieder liegt das "lieb-lich" auf der höchsten Note der Melodie.

Eduard Ebel zieht einen Bogen vom Winter hin zur Weihnachtszeit. Der Winter wird hier ähnlich wie bei Hedwig Haberkerns Schneeflöckchen, Weißröckchen positiv geschildert. Der Leise rieselnde Schnee, der die Landschaft bedeckt, samt zugefrorenem See zeigt uns an, dass die Natur sich schlafen legt, der Schnee die Blumen und Pflanzen bedeckt auf dass sie ruhen können, und der See, dessen im Sommer wogende Wellen sich nun auch ganz "still und starr" zeigen. Es ist Zeit, zur Ruhe zu kommen. Die Arbeit des Jahres ist getan, die Ernte für das Lebenswohl eingefahren.

Nun ist es Zeit, dass auch wir Menschen zur Ruhe kommen, "Kummer und Harm" schweigen und die "Sorge des Lebens" verhallen lassen. Denn nun ist es Zeit, sich auf die Ankunft des Christkinds vorzubereiten. Darauf sollen wir uns freuen - und neben der Freude ist kein Platz für Hektik. So wie auch die Melodie auf uns eine innere Ruhe ausstrahlt, wenn wir uns auf sie einlassen.

Freue Dich, Christkind kommt bald!

Ursprünglich war Leise rieselt der Schnee ein Kinderlied für die Winterzeit; lediglich die vierte Zeile der Strophen erinnerte mit den Worten " Freue dich, Christkind kommt bald" an das bevorstehende Weihnachtsfest. Das genügte jedoch, um das Lied dauerhaft mit Weihnachten zu verknüpfen. Es zog hinaus in die Welt und wurde in diverse Sprachen übersetzt und von vielen namhaften Künstlern interpretiert, darunter Mitte der 1970er von Boney M. auf deren legendären Weihnachtsalbum. Aber auch internationale Künstler wie Albano & Romina Power und Roger Whittacker sangen dieses Lied in deutscher Sprache.

Heute ist Leise rieselt der Schnee ein fester musikalischer Bestandteil der Weihnachtszeit, das wie kaum ein anderes Lied die festliche, erwartungsvolle Stimmung der Vorweihnachtszeit wiederspiegelt. Damit ist wohl auch Eduard Ebels Intention gewahrt, denn Leise rieselt der Schnee ist weder ein Verkündigungs- noch ein Glaubenslied. Und doch nährt es die Erwartung des Kommens des Christkinds und ist somit passendes ein Lied für die Vorweihnachtszeit - und eines der bekanntesten Weihnachtskinderlieder sowieso.

Dennoch, die Winteridylle, die Eduard Ebel in Leise rieselt der Schnee malt, ist heute immer seltener anzutreffen. Die Erwärmung der Erde hat dem Winter den Garaus gemacht. Das ist aber kein Grund, nicht auch unsere Herzen zu erwärmen - und das eigentlich nicht nur zur Weihnachtszeit. Aber ganz besonders zu Weihnachten, dem Fest des Friedens und der Freude. "Freue Dich, Christkind kommt bald!"

In einer Zeit in der Hektik und Geschäftigkeit kann es ein ganz besonderes Geschenk sein, einmal wieder den Schnee leise rieseln zu sehen, sich nach einer Wanderung durch die Natur auf eine Bank zu setzen und auf einen "still und starr" glänzenden See zu schauen. Vielleicht müssen wir die Welt einfach wieder mehr durch die Augen der Kinder sehen, die sich über Schneemänner und Schneeballschlachten freuen, statt übers Schneeschaufeln zu stöhnen.

Freue Dich, Christkind kommt bald!

Claudia Nicolai, 18. Dezember 2016