Hoch auf dem gelben Wagen

Rudolf Baumbach (1879)

Musiknoten zum Lied Hoch auf dem gelben Wagen

Liedtext

Hoch auf dem gelben Wagen
sitz ich beim Schwager vorn.
Vorwärts die Rosse traben,
lustig schmettert das Horn.
Berge Täler und Auen,
leuchtendes Ährengold,
ich möcht in Ruhe gern schauen;
aber der Wagen, der rollt.

Flöten hör ich und Geigen,
lustiges Baßgebrumm,
junges Volk im Reigen
tanzt um die Linde herum.
Wirbelnde Blätter im Winde,
es jauchzt und lacht und tollt,
ich bliebe so gern bei der Linde;
aber der Wagen, der rollt.

Postillion in der Schenke
füttert Rosse im Flug,
schäumendes Gerstengetränke
reicht uns der Wirt im Krug.
Hinter den Fensterscheiben
lacht ein Gesicht gar hold,
ich möchte so gerne noch bleiben,
aber der Wagen, der rollt.

Sitzt einmal ein Gerippe
hoch auf dem Wagen vorn,
hält statt der Peitsche die Hippe,
Stundenglas statt Horn.
Sag ich: Ade, nun, ihr Lieben,
die ihr nicht mitfahren wollt,
ich wäre so gern noch geblieben,
aber der Wagen, der rollt.

Den Text des Volkslieds Hoch auf dem gelben Wagen dichtete der Schriftsteller Rudolf Baumbach (1841-1905) im Jahr 1879, also vor fast 140 Jahren. Erst 1922 kam die heute bekannte Melodie hinzu. Komponiert hat sie Heinz Höhne (1892 -1962), Apotheker und Komponist einiger Wandervogellieder.

Interpretation

Gleich in der ersten Strophe erfahren wir, dass es sich um eine Postkutsche handelt. Aber was soll der Schwager auf dem Kutschersitz? Aufschluss gibt das Handwörterbuch des Postwesens: »Schwager« ist die umgangssprachlich abgeleitete Form des französischen Wortes chevalier, (Post-)Reiter, und bezeichnet den Postillion.

Die Zeit der Postkutschen wird von der Mitte des 17. bis Anfang des 20. Jahrhunderts datiert. Sie waren zweiachsig und wurden meistens von zwei Pferden gezogen. Befördert wurden Passagiere sowie die Brief- und Paketpost. Mit dem Blasen eines Waldhorns kündigte der Postillion das Kommen der Postkutsche an. Nach dem Aussteigen der Angekommenen bzw. dem Einsteigen neuer Passagiere und dem Ausliefern der Post blieb nicht viel Zeit für einen längeren Aufenthalt. Der Beifahrer bedauert im Refrain jeder Strophe, dass er nicht länger verweilen kann, denn es geht weiter, »der Wagen, der rollt«.

Gerade noch ein bisschen Zeit bleibt dem Postillion für das Füttern der Pferde. Das Bier für den Beifahrer, poetisch umschrieben mit »schäumendem Gerstengetränk« wird draußen, womöglich im Stehen, getrunken. Auch als aus der Schenkstube »hinter den Fensterscheiben« eine Frau dem Beifahrer zulächelt, würde er am liebsten noch länger bleiben, aber es geht weiter; noch viele Poststationen sind anzufahren.

Bei einem anderen Halt hört der Beifahrer Musik und sieht »junges Volk um die Linde herum« tanzen. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung, an der er gern teilhaben möchte. Aber wie wir wissen, die Arbeit geht vor; die Postkutsche zieht weiter.

In der letzten Strophe wird klar, dass jedes Leben einmal zu Ende geht und dass es sich bei dem Lied um eine menschliche Reise mit verschiedenen Lebensstationen handelt. Das Älterwerden ist nicht aufzuhalten und der Tod auch nicht. So sitzt dann vorn ein Gerippe; der personifizierte Tod, der »statt der Peitsche die Hippe« schwingt. Die Hippe, ein Messer mit gebogener Klinge zum Schneiden der Reben war eine an einem Stiel befestigte Waffe. Hier wird die Hippe metaphorisch als Sense, als Werkzeug des Sensenmannes, bezeichnet (vgl. das Lied aus dem 17. Jahrhundert Es ist ein Schnitter, heißt der Tod). Und statt das Ende des Lebens mit dem Horn anzukündigen, zeigt im Stundenglas der heruntergelaufene Sand das Ende an. Der erste Beifahrer hätte gern noch weiter gelebt, wie sein letzter Stoßseufzer zeigt: »Ich wäre ja so gern noch geblieben, aber der Wagen, der rollt.«

Rezeption

Geht man von der Anzahl der bis 1933 mit dem Lied erschienenen Liederbücher aus, so ist Hoch auf dem gelben Wagen bis dahin mehr mündlich und durch handschriftliche Aufzeichnungen überliefert worden.

Dagegen griffen die Nationalsozialisten wegen des scheinbar harmlosen Textes das Lied gern auf. Wohl auch wegen anfänglicher Probleme mit eigenen Liedern adaptierten sie Hoch auf dem gelben Wagen. Gleich 1933/34 wurde das Lied in mehrere Liederbücher von Bund Deutscher Mädel und der Hitlerjugend aufgenommen, so beispielsweise in Nationalsozialistischer Liederschatz und Blut und Ehre. Später folgten Reichsarbeitsdienst und das SS-Liederbuch, das 1942 die 9. Auflage erreichte. 1935 durfte zum letzten in dieser Epoche mit St. Georg Lieder deutscher Jugend ein bündisches Liederbuch erscheinen. Ab 1940 tauchte das Lied auch in mehreren Liederbüchern für Soldaten auf.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich die Beliebtheit des Liedes fort. Evangelische und katholische Jugendgruppen, Wanderer und Skifahrer, Naturfreunde und Pfadfinder, Studenten und Soldaten der Bundeswehr fanden in ihren Liederbüchern Hoch auf dem gelben Wagen. Der Kuriosität halber sei hier nur das Liederbuch des Deutschen Fußballbundes erwähnt. Auch in Österreich war und ist Hoch auf dem gelben Wagen in mehreren Liedersammlungen vertreten. Iin den Niederlanden wurde es gar für mehrere Liederbücher übersetzt: Hoog op de gele Wagen mit dem Refrain »Mijn hart zou zo graag daar verpozen, / Maar ’t gaat voorbij, voorbij«

Zur weiteren Popularität hat vor allem der damalige Außenminister und spätere Bundespräsident Walter Scheel beigetragen, indem er 1973 in der ZDF-Show zugunsten der Aktion Sorgenkind das Lied sang hat und sich seine Version von Hoch auf dem gelben Wagen auf einer Schallplatte bis Frühjahr 1974 300.000 Mal verkaufte.

Bei einer repräsentativen Umfrage in Deutschland, durchgeführt vom Institut für musikalische Volkskunde Neuss, heute Institut für europäische Musikethnologie, kannten über 60% der Befragten aus 20 vorgegebenen Liedern das Lied (vgl. Ernst Klusen, Zur Situation des Singens in der Bundesrepublik Deutschland, II. Band die Lieder, Köln 1975).

2006 sang Walter Scheel zusammen mit einem Chor das Lied erneut in einer Fernsehshow des Moderators und Sängers Gunther Emmerlich. Und statt einer Rede stimmte er am 8. Juli 2012 auf seinem 93. Geburtstag noch einmal Hoch auf dem gelben Wagen an.

Wie beliebt das Lied war und noch heute ist, zeigt sich auch im Katalog des Deutschen Musikarchivs Leipzig. Von den aus der Jugendbewegung stammenden Liedern steht es noch vor Im Frühtau zu Berge (146 Schallplatten und CDs) und Jenseits des Tales standen ihre Zelte (102) mit 295 Tonträgern an erster Stelle.

Georg Nagel, 2. Juli 2017