Guter Mond, du gehst so stille

Volkslied (um 1800)

Die Liebesklage Guter Mond, du gehst so stille entsammt dem späten 18. Jahrhundert und erlangte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem durch Liedflugschriften große Verbreitung. 1838 nahm Ludwig Erk das Lied in seine Volksliedsammlungen auf.

Volksweise (um 1800)

Musiknoten zum Lied Guter Mond, du gehst so stille

Liedtext

Guter Mond, du gehst so stille
in den Abendwolken hin,
bist so ruhig, und ich fühle,
daß ich ohne Ruhe bin.
Traurig folgen meine Blicke
deiner stillen heitern Bahn.
O wie hart ist mein Geschicke,
daß ich dir nicht folgen kann!

Guter Mond, dir darf ich's klagen,
was mein banges Herze kränkt,
und an wen mit bittern Klagen
die betrübte Seele denkt!
Guter Mond, du sollst es wissen,
weil du so verschwiegen bist,
warum meine Tränen fließen,
und mein Herz so traurig ist.

Dort in jenem kleinen Tale,
wo die dunklen Bäume stehn,
nah' bei jedem Wasserfalle
wirst du eine Hütte sehn!
Geh' durch Wälder, Bach und Wiesen.
Blicke sanft durch's Fenster hin,
so erblickest du Elisen,
aller Mädchen Königin.

Nicht in Gold und nicht in Seide
wirst du dieses Mädchen sehn;
nur im schlichten netten Kleide
pflegt mein Mädchen stets zu gehen.
Nicht vom Adel, nicht vom Stande,
was man sonst so hoch verehrt,
nicht von einem Ordensbande
hat mein Mädchen seinen Wert.

Nur ihr reizend gutes Herze
macht sie liebenswert bei mir;
gut im Ernste, froh im Scherze,
jeder Zug ist gut an ihr.
Ausdrucksvoll sind die Gebährden,
froh und heiter ist ihr Blick;
kurz, von ihr geliebt zu werden,
scheinet mir das größte Glück.

Mond, du Freund der keuschen Triebe,
schleich' dich in ihr Kämmerlein;
sage ihr, daß ich sie liebe,
daß sie einzig und allein
mein Vergnügen, meine Freude,
meine Lust, mein alles ist,
daß ich gerne mit ihr leide,
wenn ihr Aug' in Tränen fließt.

Daß ich aber schon gebunden,
und nur, leider! zu geschwind
meine süßen Freiheitsstunden
schon für mich verschwunden sind;
und daß ich nicht ohne Sünde
lieben könne in der Welt.
Lauf' und sag's dem guten Kinde,
ob ihr dieses Lieb gefällt.

Text und Melodie gehen auf eine Volksweise Ende des 18. Jahrhundert zurück. Seitdem es der Musiklehrer und Liederforscher Ludwig Erk (1807-1883) 1838 in seine Volksliedsammlungen aufgenommen hatte, wurde das spätromantische Lied schnell populär. Und bald gab es Nach- und Umdichtungen, von denen eine zeitweise bekannter war als das Originallied. Es handelt sich um den Text des Pädagogen Karl Enslin (1819-1875), der um das Jahr 1850 aus dem Original ein christlich geprägtes Abendlied machte. Die erste Strophe lautet: Guter Mond, du gehst so stille / durch die Abendwolken hin. / Deines Schöpfers weiser Wille / hieß auf jene Bahn dich zieh'n. Da - wie man sieht - Titel und die ersten beiden Zeilen der ersten Strophen identisch sind, kann es leicht verwechselt werden.

Lieder, die den Mond besingen werden allgemein als Abendlieder bezeichnet; aufgrund der 1. Strophe scheint das auch hier zuzutreffen. Guter Mond, du gehst so stille ist jedoch eher das Lied einer unerfüllbaren Liebe. Wird zunächst eine abendliche Idylle geschildert: der Mond zieht ruhig und still seine Bahn, so sieht es jedoch beim Sänger-Ich ganz anders aus. Er ist traurig und ruhelos, klagt über das, was ihm widerfahren ist: "sein (hart) Geschicke" und wäre froh, wenn er so gelassen wäre wie der Mond.

Es scheint etwas passiert zu sein, was er niemanden erzählen kann, aber er muss es loswerden, "was (sein) banges Herze kränkt". Daher wendet er sich an den Mond als ein Gegenüber, das ja nichts, was er ihm sagt, weitererzählen kann, "weil (der Mond ja) so verschwiegen" ist. Er will ihm sagen, warum seine "Tränen fließen" und warum sein "Herz so traurig ist". Es scheint sich um eine Herzensangelegenheit zu handeln, gleich zweimal wird das Wort Herz erwähnt.

Und nach einer romantisch anmutenden Beschreibung eines kleinen Tales mit dunklen Bäumen und mit einem Wasserfall erfahren wir, dass dort eine Hütte steht. Der Sänger versucht dem Mond (seinem anderen Ich, mit dem er Selbstgespräche führt) zu vermitteln, wie es ihm ergangen ist, als er durch die Wälder und Wiesen gewandert ist und vorsichtig durch ein Fenster einer Hütte geschaut und dort ein Mädchen erblickt hat. Er hat sie wohl nicht zum ersten Mal gesehen, denn er nennt sie beim Namen. Und er ist von Elisen derart entzückt, dass er sie als "Königin aller Mädchen" preist.

Der Mond als stiller Zuhörer

Elisen ist ein Mädchen, das nicht wie eine Königin in Gold und Seide einhergeht, sondern sich "schlicht (und) nett" kleidet, das nicht "vom Adel" oder "vom (hohen) Stande" ist, sich nicht durch Reichtum oder Geld auszeichnet ("was man sonst so verehrt") und trotzdem ihm wertvoll ist.

Allein ihre Herzensgüte, ihre Ernsthaftigkeit und Fröhlichkeit findet er liebenswert. Nicht nur wie sie sich bewegt, auch ihr froher und heiterer Blick; kurz: Er findet alles gut an ihr, und er kann sich kein größeres Glück vorstellen, als "von ihr geliebt zu werden".

Aber er scheut sich, ihr seine Liebe zu gestehen. Und daher stellt er sich vor, wie der Mond an seiner Stelle Elisen vermittelt, dass er sie "einzig und allein" liebt, dass sie sein Ein und Alles ist: sein "Vergnügen, seine Freude. seine Lust". Seine Liebe geht so weit, dass er, sollte sie mal traurig sein, bereit ist, mit ihr das Leiden zu teilen. Eine Form der Liebeserklärung, die sich auch im Refrain eines bekannten ostpreußischen Liedes findet: "Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut, / du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut" und in der 3. Strophe: "Käm alles Wetter gleich auf uns zu schlahn, wir sind gesinnt, beieinander zu stahn. Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein soll unsrer Liebe Verknotigung sein". Dem Mond, hier der "Freund der reinen Triebe" genannt, werden ja (von der wissenschaftlich nachgewiesenen Abhängigkeit von Ebbe und Flut abgesehen) Einflüsse auf die menschliche Natur nachgesagt, und so hofft wohl auch der Mann, dass er Elisen aufgefallen ist und sie im Kämmerlein beim herein- scheinenden Mond an ihn denkt.

Erst in der letzten Strophe erfahren wir den Grund, warum es für ihn dabei bleiben muss, aus der Ferne von Elisen zu schwärmen. Er ist "schon gebunden" entweder durch ein Eheversprechen oder durch eine Ehe. Er trauert noch ein wenig seiner Junggesellenzeit nach, seinen "süßen Freiheitsstunden". Aber er müsste eine Sünde begehen, wenn er seine bestehende Beziehung lösen oder brechen würde. Und gegen das 6. Gebot (Du sollst nicht ehebrechen) will er nicht verstoßen. Daher wendet er sich noch einmal an den Mond: "sag‘s dem guten Kinde, ob ihr dieses Lieb (diese Liebeserklärung) gefällt". Natürlich weiß er genau, dass das nur ein Wunschtraum ist. Er gesteht sich ein, dass er seine Schwärmerei, seine Verliebtheit für sich behalten muss. Und ein wenig Abstand scheint er auch schon gewonnen zu haben: Vergleicht er in der 3. Strophe das Mädchen noch mit einer Königin, so heißt ist es hier nur noch "das gute Kind". Will man eine Moral aus dem Lied ziehen, so könnte sie lauten: schwärmen - ja, ehebrechen - nein.

Georg Nagel, 5. Mai 2016