Der Mond ist aufgegangen

Matthias Claudius (1790)

Der Mond ist aufgegangen wurde 1790 vom Matthias Claudius als religiöses Abendlied geschrieben. Vertont wurde es noch im selben Jahr vom Hofkapellmeister Johann A. P. Schulz.

Musiknoten zum Lied Der Mond ist aufgegangen

Liedtext

Der Mond ist aufgegangen,
die goldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar;
der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille
und in der Dämmrung Hülle
so traulich und so hold,
als eine stille Kammer,
wo ihr des Tages Jammer
verschlafen und vergessen sollt!

Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
die wir getrost verlachen,
weil unsre Augen sie nicht sehen.

Wir stolze Menschenkinder
sind eitel arme Sünder
und wissen gar nicht viel;
wir spinnen Luftgespinste
und suchen viele Künste
und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, laß dein Heil uns schauen,
auf nichts Vergänglichs trauen,
nicht Eitelkeit uns freun;
laß und einfältig werden
und vor dir hier auf Erden
wie Kinder fromm und fröhlich sein!

Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
Durch einen sanften Tod!
Und, wenn du uns genommen,
Laß uns in Himmel kommen,
Du unser Herr und unser Gott!

So legt euch denn ihr Brüder
in Gottes Namen nieder.
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott, mit Strafen
und laß uns ruhig schlafen
und unsern kranken Nachbarn auch.

Matthias Claudius (1740 – 1815), der Schöpfer dieses Abendliedes, war nach seinem Studium der Theologie und der Rechts- und Kameralwissenschaften in späteren Jahren Herausgeber und einziger Redakteur der Zeitung Wandsbecker Bote. Er war auch Verfasser von Gedichten, von denen einige, z. B. das Erntedanklied Wir pflügen und wir streuen, vertont wurden. Das Gedicht Der Mond ist aufgegangen wurde noch im selben Jahr seiner Entstehung (1790) von seinem Freund, dem Hofkapellmeister Johann Abraham Peter Schulz (1747 – 1800), vertont.

In der ersten Strophe entwirft Claudius ein romantisches Stimmungsbild. Die Nacht bricht herein, gerade ist der Mond aufgegangen und am wolkenfreien Himmel (»hell und klar«) »prangen die goldnen Sternlein«. Die Bezeichnung »Sternlein« hat Claudius sicherlich bewusst verwandt, sind die Sterne doch mit bloßem Auge nur als Punkte zu sehen - verständlich, wenn man bedenkt, dass manche von ihnen 330 Lichtjahre entfernt sind (1 Lichtjahr = 9,5 Billionen km; zum Vergleich: Entfernung der Sonne 150 Millionen km, des Mondes 300.000 km). Eigentlich sehen wir sie eher silbern als golden; doch rund 100 Jahre früher hat Paul Gerhardt, wie die späteren Romatiker, sie golden genannt: »die güldnen Sterne prangen« (in der 3. Strophe von Nun ruhen alle Wälder).

Zwar ist der Mond aufgegangen, aber »er ist nur halb zu sehen« (3. Strophe) und die Sterne geben nicht genug Licht und so wirkt der Wald im ersten Mondlicht noch wie schwarz. Und es scheint kein Wind zu herrschen, nicht mal ein Hauch, der die Blätter zum leisen Rauchen bringen könnte. Man kann kein sprichwörtliches Waldesrauschen hören (vgl. Eichendorff »Abendlich schon rauscht der Wald« aus dem Gedicht Der Einsiedler), denn »der Wald schweiget«. Der Eindruck des nächtlichen Schweigens der Natur wird hier durch den Stabreim »schwarz und schweiget« verstärkt.

Versetzt man sich in die Zeile »Und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar«, kann man sich vorstellen, wie der Nebel sich wie eine Decke über die Wiese legt. Normalerweise kann Nebel gefährlich werden sowohl für den Fischer auf dem See als auch für den Wanderer, der vom Wege abkommen kann. Hier aber wird er »wunderbar« genannt; durch den aufsteigenden Nebel werden Erde und Himmel auf wunderbare Weise verbunden.

Anknüpfend an das Schweigen des Waldes wird in der 2. Strophe die ganze Welt zu einer stillen Kammer; die anbrechende Nacht ist wie ein schützende Hülle, in der man seine Alltagsorgen »verschlafen und vergessen« soll. Zur Bedeutung der Stille wird das Adjektiv »still« gleich zweimal angeführt und zur Betonung des Ganzen gar dreimal das so: »so still,… so traulich und so hold« (vgl. auch Abend wird es wieder / Über Wald und Feld / säuselt Frieden nieder, / und es ruht die Welt - 1837, Hoffmann von Fallersleben).

Religiöse Bezüge

Die 3. Strophe beginnt mit einer rhetorischen Frage: »Seht ihr den Mond dort stehen?« Den Hinweis, dass der Mond, obwohl »nur halb zu sehen, [ist] doch rund und schön« ist, nimmt Claudius zum Anlass, uns zu ermahnen. Wir sollen zurückhaltend sein mit unserem Lachen (und auch unserem zeitweiligen Gefühl der Überheblichkeit) über Sachen, die wir nicht wirklich kennen. Oft entdecken wir Angenehmes, Interessantes, wenn wir uns mit einer Sache länger beschäftigen und nicht vorschnell urteilen. Wie schon Shakespeare rd. 170 Jahre früher sagte: »Es gibt mehr Ding‘ im Himmel und Erde als eure Schulweisheit sich träumen lässt«.

Claudius bezieht sich mit ein, wenn er bekennt, dass wir »stolze Menschenkinder arme eitle Sünder« sind. Mit dem Begriff des eitlen Sünders greift er zurück auf die katholische klassische Theologie, nach der Sünden aus sieben schlechten Eigenschaften entstehen (Wikipedia, Todsünde). An erster Stelle stehen Hochmut, Stolz und Eitelkeit. Hinzu kommt, dass wir bei all unserem Wissen und unserer Bildung im Grund »gar nicht viel wissen«. Mit unseren Gedankenspielen (»Luftgespinsten«) und unserer Suche nach »vielen Künsten« - Kunst hier im ursprünglichen Sinn im Gegensatz zu Natur auf alle Produkte menschlicher Tätigkeit bezogen -, also unserer Geschäftigkeit, kommen wir, wie Claudius meint, nur »weiter [ab] von dem Ziel«.

Was mit dem Ziel gemeint ist, geht aus der 5. Strophe hervor, die wie ein Gebet ist. Gott wird angerufen, dass er helfen möge, nicht auf »Vergängliches« zu vertrauen - wie es in der Bibel heißt »nicht auf Sand [zu] bauen« (vgl. Matth. 7, Vers 26) -, sondern sein »Heil zu schauen«. Noch einmal weist Claudius darauf hin, dass wir nicht eitel im Sinne von hochmütig sein sollen, sondern eher »einfältig« (vgl. Matth. 18, Vers 2 »…werdet wie die Kinder«), vertrauensvoll und unbefangen wie Kinder an Gott glauben und im Glauben fröhlich sein.

In der folgenden Strophe, die in vielen Liederbüchern nicht, jedoch im evangelischen Gesangbuch enthalten ist, wünscht Claudius sich und uns am Ende unseres Lebens »einen sanften Tod«, ohne dass wir uns über das Sterben große Sorgen machen sollen. Und mit der Anbetungsformel »Du unser Herr und unser Gott« verbindet er die Bitte, in den Himmel kommen zu dürfen.

Die 7. und letzte Strophe richtet sich wieder an uns. Mit »Brüder« sind, wie auch in vielen anderen Liedern (Nun Brüder, eine gute Nacht; Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss ist alle Wiederkehr) alle Menschen gemeint (vgl. in romanischen Sprachen, z. B. im Französischen homme = Mann und Mensch). Wir sollen uns in Gedanken an Gott schlafen legen und unser Gebet damit fortsetzen, dass Gott uns von Strafen verschonen möge. Hier hat Claudius noch den strafenden Gott des Alten Testaments vor Augen; bereits 70 Jahre später ist es Gott, der uns »in seiner Güte zu behüten bedacht« ist (4. Strophe von Kein schöner Land in dieser Zeit, Zuccamaglio 1840; s. auch 4. Strophe des Liedes Abend wird es wieder: »So in deinem Streben / bist, mein Herz, auch du: / Gott nur kann dir geben / wahre Abendruh«). Claudius meint, dass Gott nicht nur uns ruhig schlafen lassen möge, sondern auch unseren Nächsten, in diesem Fall stellvertretend für alle »mühselig Beladenen«, »und den kranken Nachbarn auch« und macht uns so, wie auch in den Strophen zwei bis sieben Vorschläge, wie wir ein gottgefälliges Leben führen können.

Georg Nagel, 14. April 2016