Volkslieder Kinderlieder

Das Wandern ist des Müllers Lust

Wilhelm Müller (1821)

Das 1821 von Wilhelm Müller geschriebene Gedicht wurde 1823 vom österreichischen Komponisten Franz Schubert vertont. Populär wurde es jedoch erst nachdem Carl Friedrich Zöllner dem Gedicht eine volksliedhafte Melodie unterlegte. Heute gehört Das Wandern ist des Müllers Lust zu den beliebtesten deutschen Volksliedern.

Musiknoten zum Lied Das Wandern ist des Müllers Lust

Liedtext

Das Wandern ist des Müllers Lust,
das Wandern.
Das muß ein schlechter Müller sein,
dem niemals fiel das Wandern ein,
das Wandern.

Vom Wasser haben wir's gelernt,
vom Wasser:
Das hat nicht Rast bei Tag und Nacht,
ist stets auf Wanderschaft bedacht,
das Wasser.

Das sehn wir auch den Rädern ab,
den Rädern:
Die gar nicht gerne stille stehn,
die sich mein Tag nicht müde drehn,
die Räder.

Die Steine selbst, so schwer sie sind,
die Steine,
sie tanzen mit den muntern Reih'n
und wollen gar noch schneller sein,
die Steine.

O Wandern, Wandern meine Lust,
o Wandern!
Herr Meister und Frau Meisterin,
laßt mich in Frieden weiter ziehn
und wandern.

Weitere

Kinderlieder

Wilhelm Müller (1794-1827), von dem auch Am Brunnen vor dem Tore stammt, verfasste dieses Gedicht im Jahr 1821. Vom Beruf war er allerdings kein Müller, wie man aufgrund des Textes meinen könnte; nein, er war Dichter, Lehrer und später Bibliothekar an der Gelehrten Schule in Dessau. Veröffentlicht wurde das Gedicht noch im gleichen Jahr als Teil der Gedichtsammlung »Die schöne Müllerin« in dem Sammelbandwerk »Sieben und siebzig Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten«. Unter dem Titel »Das Wandern« vertonte es 1823 Franz Schubert (1797-1828) als Kunstlied zusammen mit 19 weiteren Gedichten aus der »Schönen Müllerin«.

Populär wurde das Lied jedoch erst nach Müllers Tod, als der Komponist und Begründer des Chorwesens in Mitteldeutschland, Carl Friedrich Zöllner (1800 -1860), einen vierstimmigen Chorsatz für Männerchöre arrangierte. In dieser Fassung wurde das Lied zu einem der bekanntesten deutschsprachigen Wander- und Volkslieder.

Ist man zunächst verwundert, dass ein sonst so bodenständiger, mit seiner Mühle verwurzelter Müller »mit Lust wandern« soll, so klärt uns die 5. Strophe auf. Es handelt sich um einen Müllergesellen, der seinen Meistertitel erwandern muss. Wer Mitglied einer Zunft war - und damals herrschte Zunftzwang (ähnlich wie heute die Mitgliedschaft in einer örtlichen Handwerkskammer) -, der unterlag den Zunftpflichten. Für Gesellen hieß das, drei Jahre und einen Tag von Meister zu Meister zu wandern, für Kost, Logis und einen geringen Lohn zu arbeiten und auch sein Können zu verbessern und eventuell neue Arbeitstechniken zu lernen (Vgl. Bamberger Anthologie, Es, es, es und es). Erst nach Ablauf dieser »Lehr- und Wanderjahre« durfte die Meisterprüfung abgelegt werden.

In Verkennung der Realität, nämlich der Pflicht zu wandern, glaubt der Sänger, dass es ein schlechter Müller sein müsse, dem niemals das Wandern einfiele. Wahrscheinlich ist hier ein niedergelassener Müllermeister gemeint, der gar nicht daran denken kann, seine Mühle allein zu lassen. Und weiter nachsinnend, findet er, dass die Müllergesellen das Wandern vom fließenden Wasser, vom »rauschenden Bach« (vgl. Es klappert die Mühle) gelernt hätten, vom Wasser, das »nicht Ruh bei Tag und Nacht« hat.

Glorifizierung des Brauchtums

Und ruhelos, wie unterwegs der Wanderer, bewegen sich Mühlräder, »die sich mein (am) Tag nicht müde dreh‘n« - im Gegensatz zum Wanderer, der ab und zu sicherlich eine Rast einlegen muss. Welche Kraft Wasser hat, das hat der Müllergeselle oft beobachtet, dass Wasser sogar Steine bewegt und wie er es ausdrückt: »sie tanzen mit den muntern Reih’n«.

Bei diesem Nachsinnen wird dem Wanderburschen klar, dass er lange genug an einem Ort in der Müllerei gearbeitet hat. Da es keine Zunftvorschrift über die Länge des Verbleibens an einer Arbeitsstätte gab, hing es vom Wohlwollen des Meisters ab, ob er den Gesellen freigab. Und so bittet der dann, respektvoll wie es sich gehört, den »Herrn Meister und die Frau Meisterin«, ihn »in Frieden ziehen« zu lassen, damit er endlich wieder wandern kann.

Nach dem 1844 erschienenen Tonsatz von Zöllner wurde das Lied bis 1900 in zahlreiche Liederbücher aufgenommen. Darunter auch von dem anerkannten Liederforscher und -sammler Ludwig Erk (1807-1883) in seinem »Singvögelein – Ein-, zwei- und dreistimmige Lieder«, das 1883 in der 59. Auflage erschien, sowie 1895 von Franz Magnus Böhme in »Volksthümliche Lieder der Deutschen im 18. und 19. Jahrhundert«.

Nach der Gründung des Wandervogels 1905 fand Das Wandern ist des Müllers Lust Aufnahme in viele Liederbücher der Jugendbewegung, nicht jedoch in das Standardwerk Der Zupfgeigenhansl.

Betrachtet man die Art und Anzahl der Liederbücher, so wurde das Lied bis 1933 in allen Bevölkerungskreisen gesungen, ebenfalls zur Zeit des NS-Regimes. Mit Ausnahme der NS-Frauenschaften wurde es allerdings in einschlägigen Liederbüchern der NS- Organisationen nicht abgedruckt, jedoch in etlichen Schulbüchern.

Nach 1945 war die Beliebtheit des Liedes ungebrochen. Darauf deuten nicht nur die im Katalog des Deutschen Musikarchivs aufgeführten rund 350 Tonträger (von der Schellackplatte bis zur CD), sondern auch die 160 Partituren hin. Das Wandern ist des Müllers Lust wurde nicht nur von professionellen Sängern wie Heintje und Hannes Wader oder Herrmann Prey und Dietrich Fischer-Dieskau gesungen, sondern auch von zahlreichen Laienchören. Nach wie vor ist es in allen Kreisen beliebt und - wie deren zahlreiche Liederbücher zeigen - besonders in den Nachfolgeorganisationen der Jugendbewegung. Auch in Österreich und in der Schweiz erfreut sich Das Wandern ist des Müllers Lust bis heute großer Beliebtheit.

Georg Nagel, 27. Februar 2016