Volkslieder Kinderlieder

Auf, du junger Wandersmann

Volkslied

Musiknoten zum Lied Auf, du junger Wandersmann

Liedtext

Auf, du junger Wandersmann,
jetzo kommt die Zeit heran,
die Wanderzeit,
die gibt uns Freud'!
Woll'n uns auf die Fahrt begeben,
das ist unser schönstes Leben,
großes Wasser, Berg und Tal,
anschauen überall.

An dem schönen Donaufluß
findet man ja seine Lust
und seine Freud' auf grüner Heid',
wo die Vöglein lieblich singen
und die Hirschlein fröhlich springen,
dann kommt man vor eine Stadt,
wo man gute Arbeit hat.

Mancher hinterm Ofen sitzt
und gar fein die Ohren spitzt,
kein' Stund' vors Haus ist kommen 'aus;
den soll man G'sell erkennen
oder gar als Meister nennen,
der noch nirgends ist gewest,
nur gesessen in sei'm Nest?

Mancher hat auf seiner Reis'
ausgestanden Müh' und Schweiß
und Not und Pein, das muß so seon;
trägt's Felleisen auf dem Rücken,
trägt es über tausend Brücken,
bis er kommt nach Innsbruck ein,
wo man trinkt Tiroler Wein.

Morgens, wenn der Tag angeht
und die Sonn' am Himmel steht
so herrlich rot wie Milch und Blut:
Auf, ihr Brüder, laßt uns reisen,
unser'm Herrgott Dank erweisen
für die fröhlich' Wanderzeit,
hier und in die Ewigkeit!

Weitere

Kinderlieder

Text und Melodie des Volkslieds Auf, du junger Wandersmann stammen von einem unbekannten Verfasser aus Franken. Erstmals aufgezeichnet wurde das Lied 1855 von dem Dichter, Komponisten und Liedersammler Friedrich Wilhelm von Ditfurth (1801 - 1880). Noch im gleichen Jahr erschien es in Druck in Ditfurths Sammlung Fränkische Volkslieder. Mit ihren zweistimmigen Weisen, wie sie vom Volke gesungen werden, aus dem Munde des Volkes selbst gesammelt und herausgegeben.

Liedbetrachtung

Liest oder singt man heute den ersten Vers, kommt einem nicht der Gedanke, dass hier ein Handwerksgeselle gemeint sein könnte, der sich auf die Wanderschaft begeben muss, bevor er Meister werden kann (vg. Das Wandern ist des Müllers Lust, Muss i denn zum Städtele hinaus oder Am Brunnen vor dem Tore). Die Natur, die man bei Wanderungen, ›auf Fahrt‹, über Berg und Tal erleben kann, erfüllt den Wanderer mit Freude: ›das ist unser schönstes Leben‹ (vgl. Aus grauer Städte Mauern ziehn wir durch Wald und Feld und Wir sind jung, die Welt ist offen). Daher wundert es nicht, dass es in der späten Wandervogelbewegung zu einem der beliebtesten Wanderlieder wurde.

Den weiteren Strophen ist zu entnehmen, dass die Wanderschaft (mindestens streckenweise) an der Donau entlang führt und man dann - was wir uns bei guten geografischen Kenntnissen denken können - über Passau am Inn entlang schließlich nach Innsbruck gelangt (s. Strophe vier).

Zur Zeit der Entstehung des Liedes, als es noch kein hohes Verkehrsaufkommen und keine asphaltierten Straßen oder Autobahnen gab, nimmt man dem Dichter ab, dass ›die Vöglein lieblich gesungen‹ haben und ›die Hirschlein fröhlich‹ gesprungen sind. Und in dieser Strophe wird klar: es handelt sich um einen Wandergesellen, der zuversichtlich ist, in der Stadt eine gute Arbeit zu finden. Um welche Stadt es sich handelt, bleibt offen; sicherlich ist der Wandersmann nicht gleich bis Innsbruck durchgewandert.

Während seiner Wanderschaft macht sich der Geselle Gedanken über die Handwerker, die bislang nicht auf Wanderschaft gegangen sind. Er fragt sich, wie man einen solchen Mann überhaupt als Gesellen anerkennen soll und wie der je Meister werden kann, wenn er sich nicht bei verschiedenen Meistern handwerklich weitergebildet hat, sich nicht den Wind hat um die Nase wehen lassen - "noch nirgends ist gewest" (3. Strophe) - und nur zu Hause bei einem Meister geblieben ist.

Doch so unbeschwert, wie in der ersten Strophe, als die Wanderschaft beginnt, ist unser Wandermann nach einigen Wochen nicht mehr. "Müh' und Schweiß" hat er ausgestanden, das "Felleisen" - ein großer Rucksack mit Proviant, Wäsche zum Wechseln, Handwerkszeug u.ä. - auf dem Rücken hat ihm auf Dauer doch zu schaffen gemacht. Aber, inzwischen lebenserfahren, da "über tausend Brücken" gegangen (vgl. Über sieben Brücken musst du gehen der Musikgruppe Karat, später gecovert von Peter Maffay), sieht er ein, dass diese "Not und Pein" sein müssen, schließlich will er seinen Meister machen. Aber am Ende ist er froh, in Innsbruck angekommen zu sein. Er freut sich auf eine neue Arbeitsstätte, auf die Stadt Innsbruck und auf den Tiroler Wein (vgl. Interpretation zu Innsbruck, ich muss dich lassen).

So beschwerlich, wie wir erfahren haben, die Wanderjahre auch zeitweilig sein können, letztlich weiß sich der Dichter mit den Wandergesellen einig: es ist eine "fröhlich‘ Wanderzeit hier und in Ewigkeit". Daher werden die Gesellenbrüder ermuntert, auf Wanderschaft zu gehen; eine Aufforderung, der noch heute viele Wanderer folgen.

Rezeptionsgeschichte

Trotz seiner flotten Melodie und des zum Wandern ermunternden Textes ist Auf du junger Wandersmann erst spät in der Jugendbewegung angekommen. Gesungen wurde es vorwiegend von Wanderburschen, die auch in ihrem Gesellenverlag 1924 das erste Liederbuch herausbrachten. Nachdem 1925 der Mitbegründer der Jugendmusikbewegung und Musiklehrer Walther Hensel (1887 - 1956) das Lied in das Liederbuch Wann wir schreiten Seit an Seit aufgenommen hatte, verbreitete sich der ›Wandersmann‹ bis 1933 nicht nur über weitere Liederbücher der verschiedenen Jugend- und Wanderergruppen, sondern vor allem auch über den Musikunterricht allgemeinbildender Schulen.

In der Zeit des Nationalsozialismus gab es kaum eine NS-Organisation, die das im Marschrhythmus notierte Lied nicht in ihre Liederbücher aufnahm. Vom Reichsarbeitsdienst und der Reiseorganisation Kraft durch Freude, vom Bund deutscher Mädel bis zur Hitlerjugend und sogar den NS-Frauenschaften wurde das Lied - häufig während des Marschierens - gesungen. Auch zahlreiche Schulliederbücher, wie z.B. den vom NS-Lehrerbund 1937 in der 8. Auflage herausgegebenen Singkamerad(en), hatten das Lied in ihrem Repertoire. Der Evangelische Reichsverband weiblicher Jugend konnte noch1938 sein Liederbuch Ein neues Lied mit dem ›Wandersmann‹ veröffentlichen.

Die Beliebtheit von Auf, du junger Wandersmann setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg fort; bereits 1946 erschien Wir Falken singen, das Liederbuch der sozialistischen Jugend (SPD). Allein bis 1950 nahmen an die 20 Liederbücher das Lied auf. Es folgten zahlreiche Liedersammlungen für Schulen, von Wandervereinen, konfessionellen Jugendgruppen, Pfadfinderverbänden, Gewerkschaft- und Sportjugend. So beliebt, wie das Lied ist, ist es erstaunlich, dass es weder in der auflagenstarken Mundorgel, noch in der zweibändigen Sammlung des Volksliedforschers Ernst Klusen vertreten ist. Dagegen fand es Aufnahme in die weitverbreiteten Taschenbücher des Heyne Verlags: Der Deutsche Liederschatz und des Weltbild Verlags Deutscher Liederschatz. Als Kuriosum sollen die Liederbücher des Deutschen Fußballbundes und der Fallschirmjäger erwähnt werden.

Dass das Lied auch in Österreich populär ist, kann man der großen Anzahl der dortigen Veröffentlichungen entnehmen.

Wie gern das Lied angehört wurde und noch immer wird und eventuell zum Mitsingen animiert, zeigt sich auch in den zahlreichen Aufnahmen auf Schallplatten und CDs. Das Deutsche Musikarchiv Leipzig weist in 40 Jahren im Durchschnitt fast jedes Jahr zwei Tonträger mit dem Lied aus, davon 20 speziell für Kinder, die Mehrheit der LPs und CDs unter der Rubrik Wander- oder Fahrtenlieder. Interpretiert wird das Lied überwiegend von Männer- oder Kinderchören. Von den Solisten sind der Opernsänger Peter Schreier (Tenor) und der Bassist Günther Emmerlich die renommiertesten; aber auch Schlagersänger Heino sang gemeinsam mit dem Botho Lucas Chor Auf, du junger Wandersmann.

Georg Nagel, 4. August 2017