Alles neu macht der Mai

Hermann Adam von Kamp (1829)

Volksweise (18. Jh.)

Musiknoten zum Lied Alles neu macht der Mai

Liedtext

Alles neu macht der Mai,
macht die Seele frisch und frei.
Laßt das Haus, kommt hinaus!
Windet einen Strauß!
Rings erglänzet Sonnenschein,
duftend prangen Flur und Hain:
Vogelsang, Hörnerklang
tönt den Wald entlang.

Wir durchziehen Saaten grün,
Haine, die ergötzend blüh'n,
Waldespracht, neu gemacht
nach des Winters Nacht.
Dort im Schatten an dem Quell
rieselnd munter silberhell
Klein und Groß ruht im Moos,
wie im weichen Schoß.

Hier und dort, fort und fort,
wo wir ziehen, Ort für Ort,
alles freut sich der Zeit,
die verschönt erneut.
Widerschein der Schöpfung blüht
uns erneuend im Gemüt.
Alles neu, frisch und frei
macht der holde Mai.

Alles neu macht der Mai ist ein Gedicht, das der Schulmeister, Heimatkundler und Schriftsteller Hermann Adam von Kamp (1761 - 1867) aus Mülheim im Jahr 1818 verfasste. Von Kamps zahlreichen Gedichten, die heute vergessen sind, ist Alles neu macht der Mai das einzige, das populär wurde.

Die Melodie dieses Frühlingsliedes ist eine alte Volksweise aus dem 18. Jahrhundert nach der auch das Kinderlied Hänschen klein ging allein gesungen wird.

Mit den Metaphern der Romantik Seele und Gemüt, Schöpfung, Flur und Hain, Waldespracht, Quell und Moos steht das Lied in der Tradition der die Natur verherrlichenden und die Empfindungen der Menschen beschreibenden Gedichte und anderer Mailieder wie Komm lieber Mai und mache die Bäume wieder grün und Der Mai ist gekommen.

Nachdem von Kamp das Lied im 3. Heft seines Musikalischen Schulgesangbuchs 1829 veröffentlicht hatte, wurde es noch im 19. Jahrhundert in viele Liedersammlungen, u.a. in die Hugo von Hoffmannsthals, aufgenommen sowie 1895 in F.M. Böhmes weit verbreitetem Liederbuch Volkslieder der Deutschen.

Ab 1900 fand das Maienlied Aufnahme nicht nur in zahlreiche allgemeine Lesebücher und spezielle Schulliederhefte, sondern auch in etliche Liederbücher der Wandervögel und der bündischen Jugend. Auch in konfessionellen Kreisen, bei den Turnern und den Wanderern wurde es gern gesungen.

Abgesehen von der NS-Frauenschaft galt es der Hitlerjugend und anderen NS-Organisationen aber als zu romantisch und wurde in der NS-Zeit kaum gedruckt.

Mit Ausnahme von Schulbüchern ist Alles neu macht der Mai heutzutage nur noch in wenigen Liederbüchern zu finden. Gesungen wird es jedoch weiterhin, vor allem die erste Strophe, bei Ausflügen am 1. Mai und bei Maifesten. Viele Chöre, hauptsächlich Kinderchöre, haben es in ihrem Repertoire.

Zur Beliebtheit über Deutschland hinaus trug vor allem die bereits durch das Kinderlied geläufige Melodie und der flotte 2/4-Takt mit überwiegend Achtelnoten bei wie auch die leicht nachzuvollziehenden Boten des Frühlings sowohl in der Natur als auch im Empfinden des Menschen. Kurz gesagt, es gehört zu den Liedern, die beim Singen gute Laune machen.

Interpretation

Der Text von Alles neu macht der Mai ist ein einziges Loblied auf den Mai, der als Sinnbild für den Frühling steht. Man fühlt sich befreit von der winterlichen Kälte und den dunklen Tagen, "nach des Winters Nacht". Das alte Jahr hat man hinter sich gelassen; es kommt einem vor, als wäre alles neu und die Seele frisch und frei.

Diese Alliteration entstammt einem studentischen Spruch aus dem 16. Jahrhundert: "Frisch, frei, fröhlich fromb / sind der Studenten Reichtumb", der vom Turnvater Jahn 1816 für die deutsche Turnerbewegung abgewandelt wurde zu: "frisch, fromm, fröhlich frei". "Fromm" hat jedoch nichts mit unserem heutigen Begriff im Sinne von religiös oder gläubig zu tun, sondern kommt aus dem Althochdeutschen "fromb", das für "tüchtig, fleißig" steht.

Gleich in der ersten Strophe werden die Hörer des Liedes aufgefordert, aus dem Haus, nach draußen, zu kommen und einen (Blumen)Strauß zu binden. Ganz erfüllt von der Freude der grünenden Natur macht der Dichter darauf aufmerksam, dass der Sonnenschein ringsum erglänzt und dass am Feldesrand die Blumen blühen und duften wie auch die Blüten an Büschen und Bäumen des Gehölzes ("prangen Flur und Hain", d.h. zeigen sich in voller Schönheit). Die Vögel singen und die Jagd beginnt ("Hörnerklang tönt den Wald entlang"). Der Frühling soll mit (fast) allen Sinnen erfasst werden: sehend, riechend, hörend.

In der zweiten Strophe bezieht sich der Dichter mit einem "Wir" ein und bewundert während des Wanderns oder Spazierengehens die sprießenden "Saaten grün" und die "ergötzend blühenden Haine". Nachdem die Bäume im Winter ohne Laub auskommen mussten, wirkt die "Waldespracht" auf ihn wie "neu gemacht" (vgl. Der Winter ist vergangen, ich seh des Maien Schein). Und während im Schatten der Bäume die "silberhelle" Quelle "munter rieselt", ruhen sich die Wanderer, "Klein und Groß", im Moos aus und fühlen sich dabei wie im "weichen Schoß".

Wohin "wir" auch ziehen, überall herrscht Freude über diese Frühlingszeit, die - wie jedes Jahr - alles verschönt. Wir sind dankbar, dass die Schöpfung, wie sie sich besonders im Frühling zeigt, uns auch im Inneren, in unseren Empfindungen erneuert. Und so werden die Anfangszeilen des Liedes - leicht variiert – zum Schluss noch einmal bekräftigt: "Alles neu, frisch und frei macht der holde Mai" ("hold" hier im Sinne von der uns gewogene Mai).

Georg Nagel, 14. April 2017