Ännchen von Tharau

Johann Gottfried von Herder (1825)

Musiknoten zum Lied Ännchen von Tharau

Liedtext

Ännchen von Tharau ist's, die mir gefällt.
Sie ist mein Reichtum, mein Gut und mein Geld.
Ännchen von Tharau hat wieder ihr Herz
auf mich gerichtet in Lieb und in Schmerz.
Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut,
du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut.

Käm alles Wetter gleich auf uns zu schlahn,
wir sind gesinnt, beieinander zu stahn.
Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein
soll unsrer Liebe Verknotigung sein.
Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut,
du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut.

Recht als ein Palmenbaum über sich steigt,
je mehr ihn Hagel und Regen anficht,
so wird die Lieb in uns mächtig und groß
durch Kreuz, durch Leiden, durch mancherlei Not.
Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut,
du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut.

Würdest du gleich einmal von mir getrennt,
lebtest da, wo man die Sonne kaum kennt,
ich will dir folgen durch Wälder, durch Meer,
Eisen und Kerker und feindliche Heer.
Ännchen von Tharau, mein Licht, meine Sonn,
mein Leben schließ ich um deines herum.

Karaoke

Den vorliegenden Text verdanken wir dem Schriftsteller und Liedersammler Johann Gottfried Herder (1744 - 1803). Der aus Ostpreußen stammende Herder hat die samländische (eine plattdeutsche Mundart im nördlichen Ostpreußen) Fassung Ancke van Tharaw ins Hochdeutsche übersetzt und 1778 in seine Sammlung Volkslieder nebst untermischten anderen Stücken aufgenommen.

Die ursprünglichen Verse stammen von dem Barockdichter Simon Dach (1605 - 1659), der auch zahlreiche Kirchenlieder und viele Gedichte, darunter Auftragsarbeiten für Taufen, Geburtstage, Hochzeiten oder Beerdigungen, verfasst hat. Entstanden ist das Gedicht 1636 anlässlich der Trauung von Anna Leander mit Johannes Portatius, dem Pastor des Dorfes Tharau, zwischen Königsberg und Pr. Eylau gelegen.

Ob der Dichter selbst in die Braut, von ihm zärtlich Ännchen genannt, verliebt war, ist bis heute nicht geklärt. Einige Volksliedforscher vermuten, dass Simon Dach für Ännchen geschwärmt hat, und sie es war, die ihn zu diesem Liebeslied inspiriert hat und ziehen für ihre Überlegung die Zeilen 3 und 4 der ersten Strophe heran:

Ännchen von Tharau hat wieder ihr Herz
Auf mich gerichtet in Lieb und in Schmerz

Vertont wurden die Verse 1670 von Simon Dachs Freund Heinrich Albert (1604 - 1651), dem Königsberger Domorganisten und Komponisten.

Durch die Aufnahme des Liebeslieds 1778 in die bedeutendste Liedersammlung der deutschen Romantik Des Knaben Wunderhorn und die posthum Ausgabe von Herders Stimmen der Völker in Liedern (1806) wurde das Lied in ganz Deutschland verbreitet. Die Herausgeber des Wunderhorn Achim von Arnim und Clemens Brentano kürzten das ursprünglich 34 Zeilen umfassende Lied auf vier Strophen à sechs Zeilen.

Mit der Vertonung dieser Textversion 1827 von Friedrich Silcher (1789 - 1860) stieg die Popularität des Ännchens stark an.

Interpretation

Die erste Strophe ist eine überschwängliche Liebeserklärung an Anna Leander, die Simon Dach seinem Freund und ehemaligem Studienkollegen Johannes Portatius in den Mund legt. In den letzten beiden Zeilen der Strophen eins bis drei betet der Bräutigam sein Ännchen geradezu an:

...mein Reichtum, mein Gut,
du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut.

Auf das traditionelle kirchliche Ehegelöbnis "ich will dich lieben ...in guten wie in schlechten Zeiten" weisen die ersten beiden Zeilen der zweiten Strophe hin:

Käm alles Wetter gleich auf uns zu schlahn,
wir sind gesinnt, beieinander zu stahn.

Als das Lied entstand war der Dreißigjährige Krieg noch in vollem Gange; Dach kannte ebenso wie Portatius die Widrigkeiten eines solchen Kriegs. Braut und Bräutigam wollen "Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein" mit Hilfe ihrer gegenseitigen Liebe ("unsrer Liebe Verknotigung") gemeinsam bestehen: "Wir sind gesinnt, beieinander zu stahn". Im samländischen Originaltext heißt es "Vernietigung". Das Vernieten, also einen Teil mit einem anderen unauflöslich verbinden, hat Herder in seiner Sammlung Volkslieder sinngemäß mit Verknotigung übersetzt. Die Liebe wird für das Ehepaar wie ein Knoten in einem Band, ein Knoten, der sich nie lösen lässt, sondern nur durch den Tod gelöst wird (vgl. die Formel des Eheversprechens "bis dass der Tod uns scheidet".

Die Aussage in der dritten Strophe, dass ein Palmbaum kräftiger wachse und stärker ist, je mehr er den Unbilden der Natur ausgesetzt ist, geht auf eine Auffassung des 17. Jahrhunderts zurück (vgl. Michael Fischer im Historisch kritischen Liederlexikon). Mit diesem Palmbaum wird die Liebe zwischen Mann und Frau verglichen. Sie bewährt sich - "wird mächtig und groß" - auch im Leiden und in Zeiten der Not.

Falls entgegen aller Erwartung und Hoffnung "Ännchen" doch einmal von ihrem Ehemann getrennt würde, eine Vorstellung die angesichts des andauernden Dreißigjährigen Kriegs nicht auszuschließen ist, so versichert ihr das lyrische Ich (Johannes Portatius), dass er ihr "durch Wälder, durch Meer, Eisen, Kerker und feindliches Heer" folgen würde. Diese Aufzählung ist nur beispielhaft; Johannes würde ihr sogar dahin folgen, "wo man die Sonne kaum kennt2. Das bedeutet, wenn Ännchen "sein Licht, seine Sonn" sterben sollte, dass er dann auch nicht länger leben wollte: "mein Leben schließ ich um deines herum".

Wachsende Popularität - Rezeption

Etwa ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs die Beliebtheit des Liedes vor allem bei Männerchören und Studenten wie die zahlreichen Veröffentlichungen in Liederbüchern und Partituren zeigen. Stellvertretend seien hier nur die seit 1883 weit verbreitete Partitur Vater Rhein – mehrstimmige Lieder für Männerchöre und Schauenburgs Allgemeines Deutsches Commersbuch (1888, 1914 110. Auflage) genannt. In Österreich wurde Ännchen von Tharau hauptsächlich durch das Deutsch-österreichische Studentenliederbuch (1888) bekannt und in der Schweiz z.B. durch Zauberklänge – 90 Lieder für den Männerchor (1870), dem etwas später das Liederbuch Das Rütli folgte, das 1904 bereits in 35. Auflage erschien.

Nachdem das Liebeslied Anfang des 20. Jahrhunderts von der Jugendbewegung aufgegriffen wurde, nahmen es auch nicht bündische Organisationen und Studenten erneut in ihre Liederbücher auf. Das Allgemeine Deutsche Kommersbuch erschien 1914 in der 110. Auflage und das Liederbuch für die deutschen Turner 1923 in der 201. Auflage. Aufnahme fand es seit etwa 1915 auch in viele Schulliederbücher.

Die Popularität des Liebesliedes zeigt sich auch darin, dass der Titel oder die erste Zeile für Bücher, Filme u.ä. verwendet werden. So erschienen 1914 unter dem Titel Ännchen von Tharau eine "Posse mit Gesang" und ein Singspiel mit Studentenliedern und 1926 eine Operette mit Volksliedern, 1929 ein Trauerspiel sowie 1933 ein "Singspiel mit den Liedern von Simon Dach" folgten. 1927 kam ein Film mit dem gleichnamigen Titel in die Kinos, und in dem 1929/30 gedrehten Film Der blaue Engel singt in der Eröffnungsszene ein Kinderchor Ännchen von Tharau.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg erschien 1954 ein gleichnamiger Heimatfilm, in dem die Melodie als Untermalung einiger Szenen dient und gegen Schluss das Lied gesungen wird.

Aufnahme fand das Liebeslied nur noch in wenige Schulliederbücher, jedoch in zahlreiche sogenannte Heimat- und andere Gebrauchsliederbücher.

Große Erfolge hatten seit 1974 mit ihrer Interpretation auf Schallplatten und in Konzerten die Tenöre Fritz Wunderlich und Peter Schreier und der Bariton Hermann Prey sowie auch Heino.

Besonders beliebt ist Ännchen von Tharau bei Chören, von denen - außer einer Vielzahl von Gesangvereinen - die berühmten wie der Dresdner Kreuzchor, die Wiener Sängerknaben, die Regensburger Domspatzen und die Gotthilf Fischer Chöre hervorzuheben sind. In seinem Katalog weist das Deutsche Musikarchiv, Leipzig, fast 200 Partituren auf und rund 350 Tonträger auf. Einen weiteren Anhaltspunkt für die Beliebtheit des Liedes bieten auch die mehreren Tausend Videos bei You Tube.

Georg Nagel, 06.12.2017