Zwölf Uhr ist's

(Weinet mit mir ihr nächtlich stillen Haine)

Johann Franz von Ralschky (1799)

Den Text dichtete Johann Franz von Ralschky 1799 in Wien auf eine Melodie aus Thüringen.

Musiknoten zum Lied Zwölf Uhr ist's

Liedtext

Weint mit mir ihr nächtlich stillen Haine,
zürnet nicht, ihr morschen Totenbeine,
wenn ich euch, ja wenn ich euch,
wenn ich euch in eurer Ruhe stör.

Denn es wohnt allhier in eurer Mitte
sanft und still ein Mädchen voller Güte,
Ach! von ihr entfernt zu sein, ist schwer.

Sie verschwur, des Nachts mir zu erscheinen,
sich mit mir auf ewig zu vereinen,
wenn die süße Geisterstunde schlägt.

Zwölf Uhr ist's am Kirchhofturm vorüber,
müd und matt sind alle meine Glieder,
einsam steh ich hier an ihrer Gruft.

Horch! Was rauscht dort an der Kirchhofsmauer
leis herab in einer stillen Trauer?
Immer näher kommt es auf mich zu.

Ganz schneeweiß in einem Sterbekleide,
schön geschmückt mit himmlischem Geschmeide.
Ach, wenn es doch Wilhelmine war!

"Ja, ich bin's!" - sprach sie mit leiser Stimme,
"Vielgeliebter, deine Wilhelmine,
Flieh von mir, bis dich der Tod abruft!"

"Soll ich dich, Geliebte, schon verlassen,
darf ich dich denn gar nicht mehr umfassen?
Ach, so schlummre sanft und ruhig ein!"

Steig hinab in deine Totenkammer,
mach mir Platz, denn mich verzehrt der Jammer,
und bis Morgen bin ich schon bei dir!

Bei dem Vater in dem Himmel droben,
wo so viele Millionen wohnen,
dorten wird der Freud kein End mehr sein."