Wohlauf, die Luft geht frisch und rein

Josef Victor von Scheffel (1859)

Musiknoten zum Lied Wohlauf, die Luft geht frisch und rein

Liedtext

Wohlauf, die Luft geht frisch und rein,
wer lange sitzt, muß rosten!
Den allerschönsten Sonnenschein
läßt uns der Himmel kosten.
Drum reich mir Stab und Ordenskleid
der fahrenden Scholaren,
ich will zur schönen Sommerzeit
ins Land der Franken fahren.
Valleri, vallera, valleri, vallera,
ins Land der Franken fahren.

Der Wald steht grün, die Jagd geht gut,
schwer ist das Korn geraten;
sie können auf des Maines Flut
die Schiffe kaum verladen.
Bald hebt sich auch das Herbsten an,
die Kelter hart des Weines;
der Winzer Schutzherr Kilian
beschert uns etwas Feines.
Valleri, vallera, valleri, vallera,
beschert uns etwas Feines.

Wallfahrer ziehen durch das Tal
mit fliegenden Standarten,
hell grüßt ihr doppelter Choral
den weiten Gottesgarten.
Wie gerne wär ich mitgewallt,
ihr Pfarr' wollt mich nicht haben!
So muß ich seitwärts durch den Wald
als räudig Schäflein traben.
Valleri, vallera, valleri, vallera,
als räudig Schäflein traben.

Zum heiligen Veit von Staffelstein
komm' ich emporgestiegen
und seh die Lande um den Main
zu meinen Füßen liegen:
Von Bamberg bis zum Grabfeldgau
umrahmen Berg und Hügel
die breite, stromdurchglänzte Au,
ich wollt, mir wüchsen Flügel!
Valleri, vallera, valleri, vallera,
ich wollt, mir wüchsen Flügel!

Einsiedelmann ist nicht zu Haus,
dieweil es Zeit zu mähen;
ich seh ihn an der Halde draus
bei einer Schnittrin stehen.
Verfahrner Schüler Stoßgebet
heißt: Herr, gib uns zu trinken!
Doch wer bei schöner Schnittrin steht,
dem mag man lange winken.
Valleri, vallera, valleri, vallera,
dem mag man lange winken.

Einsiedel, daß war mißgetan,
daß du dich hubst von hinnen!
Es liegt, ich seh's dem Keller an,
ein guter Jahrgang drinnen.
Hoiho! die Pforten brech ich ein
und trinke, was ich finde.
Du heiliger Veit von Staffelstein,
verzeih mir Durst und Sünde!
Valleri, vallera, valleri, vallera,
verzeih mir Durst und Sünde!

Entstehung

Wohlauf, die Luft geht frisch und rein, auch »Fränkische Hymne« oder »Frankenlied« genannt, ist besonders durch die volkstümliche Melodie bekannt und beliebt geworden. Mit dieser Komposition gewann der Würzburger Stadtkämmerer Valentin Eduard Becker (1841 - 1890) einen Preis auf einem in Heidelberg stattgefundenen Wettbewerb der besten Studentenlieder. Der Verleger Moritz Schauenburg hatte das Preissingen 1861 veranstaltet und übernahm viele der vorgetragenen Lieder in sein Allgemeines Deutsches Kommersbuch. Der Text war seit seiner Entstehung 1859 mehrfach vertont worden, später auch von dem Organisten und Komponisten von Otto Gauß. Durchsetzen aber konnte sich nur die Melodie von Valentin Becker, der auch als Hobbymusiker der Gründer und Chordirigent der Würzburger Liedertafel war.

Den Text schrieb der Schriftsteller und Dichter Joseph Victor von Scheffel (1826 - 1886) 1859 als Gedicht mit dem Titel Wanderfahrt. Scheffel hatte während eines Erholungsaufenthalts in der Fränkischen Schweiz auf seinen Wanderungen den Staffelberg bestiegen, der im Lied fälschlicherweise als Staffelstein besungen wird, und einen Eremiten in seiner Einsiedlerklause kennengelernt (vgl. Strophen fünf und sechs). Anzunehmen ist, dass der Dichter von der Schönheit und der abwechslungsreichen Landschaft des Frankenlandes derart beeindruckt war, dass ihm die Verse wie von selbst aus der Feder flossen.

Victor von Scheffel war bereits mit seinem ersten Roman Der Trompeter von Säckingen, den er nach seinem gleichnamigen Gedicht aus dem Jahr 1853 schrieb, bekannt geworden. Mit seinen weiteren Werken, wie den historischen Roman Ekkehard (1855) und seinen humoristischen und studentischen Liedern, z.B. Als die Römer frech geworden und Alt-Heidelberg, du feine war der in Jura promovierte Schriftsteller laut dem Volksliedforscher Theo Mang »bereits als junger Dichter ein Idol der deutschen Jugend« geworden (Theo und und Sunhilt Mang, Der Liederquell, 2015, S. 331).

Als der Dichter 1959 Wohlauf, die Luft geht frisch und rein verfasste, war er Bibliothekar in Donaueschingen. Zu seinem 50. Geburtstag wurde er in den Adelsstand erhoben. Nach langjähriger Krankheit starb er 1876 in seiner Geburtsstadt Karlsruhe.

Interpretation

Wohlauf, die Luft geht frisch und rein ist ein Wanderlied, das von einer Wanderung »durch das Land der Franken« und einigen Begegnungen berichtet. Der Begriff ›Wohlauf‹ bedeutet heute etwas anderes als früher. Während er Anfang des 19. Jahrhunderts zu einer Aktion ermunterte, vgl. Wohlauf in Gottes schöne Welt (1828), verstehen wir heute, wenn jemand wohlauf ist, dass er fit oder gesund ist. In der zweiten Zeile greift Scheffel die alte Volksweisheit auf: »Wer rastet, der rostet«.

Mit »Stab und Ordenskleid« zogen im Mittelalter Schüler und Studenten von Ort zu Ort, wobei sie sich oft auf Märkten mit Hilfe ihrer Kenntnisse als Schreiber ein Zubrot verdienten. Scheffel, obwohl zur seiner Wanderung bereits 33 Jahre alt, fühlt sich zur Sommerzeit und angesichts der sonnenbeschienenen schönen Landschaft wieder jung wie ein Scholar.

In der zweiten Strophe nähert sich der Herbst, noch sind die Bäume grün, und hoffnungsvoll meint Scheffel, dass es eine gute Jagd geben wird. Auf seinen Wanderungen hat er beobachtet, wie tief die Schiffe, die das geerntete Korn befördern, im Main liegen und schließt auf eine reichhaltige Ernte. Er ist gewiss, dass der »Winzer Schutzherr Kilian« zu einer Weinlese mit einem feinen Tropfen beitragen wird. Zwar ist der Schutzpatron der Winzer der Heilige Urban, aber mit den Heiligen kennt sich Scheffel nicht gut aus. Die dichterische Freiheit verzeiht ihm auch den Irrtum mit dem Heiligen Veit von Staffelstein (4. Strophe), den es nie gegeben hat. Und mit Staffelstein kann nur der Staffelberg gemeint sein, von dessen Höhe der Wanderer auf den Main blickt. Er schwärmt derart von der »stromdurchglänzten Au«, die von Bergen und Hügeln umgeben ist, dass er sich Flügel wünscht, wohl um das Ganze von oben zu genießen.

In den beiden letzten Strophen wird ein Eremit erwähnt. Auf dem Staffelberg haben tatsächlich durch die Jahrhunderte Eremiten gelebt. Der Name des hier gemeinten Einsiedlers ist bekannt, es ist der Franziskaner Ivo Hennemann (1824 - 1900), den Scheffel auf seinen Wanderungen näher kennengelernt hat. Als er ihn wiedermal besuchen will, ist der Mönch nicht in seiner Klause. Statt etwas zu trinken zu bekommen, muss Scheffel sehen, dass der Einsiedler unten auf einem Feld bei einer Schnitterin »steht« und sie wahrscheinlich mit einem Schwätzchen vorübergehend vom Mähen abhält.

Als alles Winken nichts nützt, bricht der durstige Wanderer in den Keller des Einsiedlers ein, wo er einen guten Jahrgang findet. Dann aber wird er sich seiner Missetat bewusst, er bereut sein Tun und bittet den Heiligen Veit um Vergebung seiner Sünde.

Rezeption bis 1945

Nachdem Wohlauf, die Luft geht frisch und rein in das von Moritz Schauenburg 1861 herausgegebene Studentenliederbuch, das Allgemeine Deutschen Kommersbuch (auch Lahrer Kommersbuch), aufgenommen wurde, wurde es in studentischen Verbindungskreisen außerordentlich beliebt. Bis 1900 war es durch weitere Liederbücher, wie z. B. Loreley -Liedersammlung für gemütliche Kreise (1897), auch in anderen Schichten der deutschen Bevölkerung bekannt.

In der Zeit von 1900 bis einschließlich 1932 zeigen vor allem zahlreiche Veröffentlichungen der Wandervogel- und späteren bündischen Bewegung, wie beliebt das Lied bei Wanderern war. Auch in vielen Schulbüchern und einigen Liederbüchern der Turner- und Arbeiterjugend taucht das Frankenlied auf. Ebenso ist es, wahrscheinlich wegen der Lobpreisung einer deutschen Landschaft, in einer bemerkenswert hohen Anzahl von nationalen und völkischen Liederheften zu finden, wie z.B. im Deutschnationalen Liederbuch, das 1912 bereits in der 19. Auflage gedruckt wurde.

Noch vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten im März 1933 konnte der Mitinitiator der Jugendmusikbewegung der 20er und 30er Jahre Fritz Jöde sein Liederbuch Laßt uns singen - Ein Liederbuch für das Haus mit dem Frankenlied herausbringen, wie auch im selben Jahr der Texter und Komponist vieler Fahrtenlieder (später auch einiger Lieder für die Hitlerjugend) Fritz Sotke in Aufbruch - Alte und neue Lieder. Auch in Schulbüchern für Volksschulen und Höhere Lehranstalten war das Lied vertreten.

Nach wie vor beliebt war das unpolitische Lied in der Zeit des NS-Regimes. Fast alle NS-Organisationen nahmen es in ihre Liederbücher auf, so z. B. die Hitlerjugend in Deutschland, nur Deutschland - Lieder für die deutsche Jugend (1934) und der Reichsarbeitsdienst in Die Fahne hoch (1935). 1938 leitete das Liederbuch der deutschen Wehrmacht eine Reihe für die Soldaten ein, die sich bis 1942 im Soldatenliederbuch (herausgegeben vom Verlag der NSDAP) hinzog.

Von den wenigen nichtnazistischen Liederbüchern soll hier nur das von der katholischen Pfadfinderschaft St. Georg Lieder deutscher Jugend (1935) erwähnt werden.

Rezeption nach 1945

Obwohl die Nationalsozialisten vor allem von 1933 bis etwa zum Verbot aller bündischen Gruppierungen 1935 – mit Ausnahme der katholischen Pfadfinderschaft St. Georg - viele Lieder der Jugendbewegung für sich, teils aus Mangel an eigenen Liedern, teils um über die Lieder besser die gleichgeschalteten bündischen Jugendlichen zu erreichen, vereinnahmt hatte, galt das »Frankenlied« nach 1945 als »unbelastet«. Daher wurde es gleich 1946 nicht nur in der damaligen sowjetischen Besatzungszone (SBZ) aufgenommen, z.B. in das Liederbuch der deutschen Jugend der Freien Deutschen Jugend (FDJ), sondern auch in Ich fahr in die Welt der westdeutschen Jungsozialisten. Weitere Liederbücher von Wandervereinen, Naturfreunden und Burschen (Studenten, die einer Verbindung angehören) sowie christlichen Jugendgruppen und Gewerkschaftlichen folgten. Sogar Turnvereine und der Deutsche Fußballbund (1953) brachten Liederbücher mit Wohlauf, die Luft geht frisch und rein heraus.

Von den zahlreichen Liederbüchern, die bis 2016 herauskamen, sollen hier nur einige mit hoher Auflage erwähnt werden. Das sind vor allem die Taschenbücher des Heyne Verlags z. B. Der deutsche Liederschatz (1975), des Schneider Verlags Lieder unserer Zeit (1982) und drei des Moewig Verlags mit den Titeln Die schönsten Heimatlieder, Die schönsten Wander- und Fahrtenlieder und Die schönsten Lieder des Frühlings (alle 1992).

Die neuesten mir bekannten Liederbücher sind Jurtenburg des Verbands Christlicher Pfadfinder (2010) und Der Liederquell von Theo und Sunhilt Mang (2015).

Im Katalog des Deutschen Musikarchivs Leipzig (DMA) sind allerdings nur vier Tonträger (zwei Schellackplatten und zwei Langspielplatten) mit dem Frankenlied aufgeführt. Das ist für mich erstaunlich, da ja laut Gesetz über die Deutsche Nationalbibliotkek (DNBG) Musikverleger und Tonträgerhersteller gemäß §§ 14 f. verpflichtet sind, zwei Exemplare an die DNB und damit an das DMA zu liefern. Eine mögliche Erklärung ist, dass das Lied lieber gesungen als angehört wird - darauf deutet auch die Anzahl der im DMA vorhandenen Partituren (28) hin, sowie die zahlreichen Videos bei Youtube mit Solisten und vor allem Chören. Ein anderer Grund besteht darin, dass die Musikproduzenten nicht in allen Fällen ihrer Pflicht nachkommen, worauf auch die Aufnahmen von Heino, Hermann Prey, dem Menkes Chor und dem Gotthilf Fischer Chor hinweisen, die nicht im DMA-Katalog aufgeführt sind.

Georg Nagel, 16.03.2019