Wir lagen vor Madagaskar

Just Scheu (1934)

Musiknoten zum Lied Wir lagen vor Madagaskar

Liedtext

Wir lagen vor Madagaskar
Und hatten die Pest an Bord.
In den Kesseln, da faulte das Wasser,
Und täglich ging einer über Bord.

(Refrain A)
Ahoi, Kameraden, ahoi, ahoi.
Leb wohl kleines Mädel, leb wohl, leb wohl.

(Refrain B)
Ja, wenn das Schifferklavier an Bord ertönt,
Ja, da sind die Matrosen so still,
Weil ein jeder nach seiner Heimat sich sehnt,
Die er gerne einmal wiedersehen will.

(Refrain C)
Und sein kleines Mädel, das wünscht er sich her,
Das zu Haus so heiß ihn geküsst!
Und dann schaut er hinaus auf das weite Meer,
Wo fern seine Heimat ist.

Wir lagen schon vierzehn Tage,
Kein Wind in die Segel uns pfiff.
Der Durst war die größte Plage,
Dann liefen wir auf ein Riff.
Ahoi, Kameraden...

Der Langbein der war der erste,
Der soff von dem faulen Nass.
Die Pest gab ihm das Letzte,
Und wir ihm ein Seemannsgrab.
Ahoi, Kameraden...

Und endlich nach 30 Tagen,
Da kam ein Schiff in Sicht,
Jedoch es fuhr vorüber
Und sah uns Tote nicht.
Ahoi, Kameraden...

Kameraden, wann sehn wir uns wieder,
Kameraden, wann kehren wir zurück,
Und setzen zum Trunke uns nieder
Und genießen das ferne Glück.
Ahoi, Kameraden...

Als Seemannslied ist Wir lagen vor Madagaskar noch heute, vor allem in norddeutschen Regionen, ausgesprochen populär. Auch als Wanderlied ist es in ganz Deutschland und sogar in Österreich beliebt. Dies zeigen u.a. die zahlreichen Liederbücher, allen voran Die Mundorgel mit ihren beiden ersten Auflagen von mehreren 100.000 verkauften Exemplaren, sowie über 200 mir zugängliche Liederbücher. Auch die mehr als 100 LPs und CDs im Deutschen Musikarchiv Leipzig weisen auf die Beliebtheit des Liedes hin. Allein Heinos Interpretation erschien auf 11 Tonträger; Freddy Quinns Version von Wir lagen vor Madagaskar gibt es auf sechs Tonträger.

Textvarianten

Die überwiegende Mehrheit der Liederbücher weist drei Strophen aus, und zwar die oben bezifferten 1., 2. und 3, jeweils gefolgt von Refrain A.

Wenn man die Refrain-Varianten B und C singt oder spielt, merkt man, dass diese Teile nicht zur Melodie passen. Ursprünglich stammt dieser Teil des Refrains aus dem von dem Schauspieler, Drehbuchautor und Komponisten Just Scheu gehörten und aufgeschriebenen Lied mit dem Titel Wenn das Schifferklavier an Bord ertönt, dessen 1. Strophe wie folgt lautet:

Schon wieder zieht es uns zum Strande
die Wellen zieh’n uns mächtig an
kaum sind wir einen Tag am Lande
da rufet uns der Ozean.

Der Text "Wenn das Schifferklavier" ist in dem hier ausgewiesenen Lied der Refrain.

Als Just Scheu den Text des vermutlich aus dem Ersten Weltkrieg stammenden und bereits bekannten Liedes Wir lagen vor Madagaskar kennenlernte, sah er dies als günstige Gelegenheit, beide Texte zu mischen.

Heute findet man das Lied in allen drei Versionen vor: die Originalfassung mit dem kurzen Refrain A, sowie verlängerte Versionen mit zusätzlich Refrain B bzw. B und C. Heino singt beispielsweise in seiner weit verbreiteten Version nur die ersten beiden Refrainteile, während bei Freddy Quinn der dritte Teil von einem Chor gesungen angefügt wird.

Entstehungsgeschichte

Es ist nicht sicher, ob sich das Lied, wie von Volksliedforschern angenommen, tatsächlich auf ein Ereignis aus dem Russisch-Japanischen Krieg (1904/1905) bezieht. Die in lettischen Häfen ankernden oder auf Reede liegenden, zum Teil veralteten Einheiten der Baltischen Flotte (später umbenannt in Zweite Pazifikflotte) mussten 18.000 Seemeilen zurücklegen, bevor es 1905 zur Entscheidungsschlacht bei der Insel Tsushima im Japanischen Meer kam. Sie endete mit einer verheerenden Niederlage Russlands.

Man kann sich gut vorstellen, welchen Entbehrungen und Widrigkeiten die Matrosen auf der achtmonatigen Reise ausgesetzt waren, zumal die russischen Kriegsschiffe durchs Kattegat, durch den Ärmelkanal und um das Kap der guten Hoffnung fahren mussten. Da Großbritannien nicht mit Russlands verbündet war, konnte die russische Flotte nicht den Suezkanal benutzen. Die erste und einzige Möglichkeit auf der Fahrt Stopp zu machen, war Madagaskar. Madagaskar war damals französische Kolonie und Frankreich der einzige Verbündete Russlands. Auf Reede bei der Insel Nosy Be, einer Madagaskar vorgelagerten Insel, wurden Reparaturen und andere notwendige Arbeiten vorgenommen. Nach einer dreimonatigen Zwangspause vereinigte sich das Zweite mit dem Dritten Pazifikgeschwader. Während dieser Zeit war auf einem Schiff Typhus - nicht die Pest - ausgebrochen. Einigen Toten wurde ein Seemannsgrab zuteil, andere Totkranke blieben auf der Insel und wurden dort nach ihrem Ableben begraben. Etliche Jahre später wurde in Hell Ville, der alten Hauptstadt der Insel, zur Erinnerung an die Ereignisse ein russisches Denkmal errichtet.

Auf dieses historische Ereignis bezieht sich vermutlich der Text des Liedes Wir lagen vor Madagaskar. Der Volksliedsammler und -forscher Michael Zachcial vermutet, dass sich das Lied über Mitglieder der Bündischen Jugend verbreitete. Offen bleibt, woher die Bündischen das Lied kannten oder ob es in deren Kreisen entstanden ist.

Interpretation

Ohne großes Lamento wird in der ersten Strophe ein Zustand beschrieben, der immerhin - nimmt man die grammatikalische Form der Vergangenheit ernst - vorüber zu sein scheint. Angesichts der "Pest an Bord" und des "faulenden Wassers" in den Kübeln ist mancher "über Bord" gegangen, d.h. er hat, in ein Laken eingewickelt und mit Gewichten beschwert, ein Seemannsgrab bekommen. Bevor der Tod sie selbst ereilt, sagen die Sänger (vorsichtshalber?) ihren Kameraden ein "Ahoi" und an ihre "Mädels" (in der Ferne) gerichtet ein "Leb wohl". Grüße, die nach jeder Strophe als Refrain dienen.

Der zweite Teil des Refrains beschreibt das Leben der Matrosen an Bord, wenn die Arbeit getan ist. Sie lauschen dem Spielen des Schifferklaviers (Akkordeon) und möchten mal wieder zu Hause sein. Ein Matrose denkt an sein "kleines Mädel", das ihn zu Haus so "heiß geküsst" hat und er wünscht sich, dass sie jetzt bei ihm wäre. Er weiß, dass das nur ein Traum sein kann und während er auf das Meer schaut, überlegt er, wie weit er doch von seiner Heimat entfernt ist. Es ist anzunehmen, dass viele Matrosen diese Träume teilen, die sich allerdings solange sie an Bord sind, nicht verwirklichen lassen.

Entgegen der geschichtlichen Episode nimmt sich der Verfasser des Textes die dichterische Freiheit und lässt ein Schiff auf ein Riff laufen. Über die Größe des Schadens und seine Folgen wird nichts ausgesagt. Dafür aber erfahren wir, dass die Schiffe einer lang andauernden Flaute ausgesetzt gewesen sein sollen. Hier haben wohl die segelromantischen Vorstellungen des Verfassers eine Rolle gespielt; denn seit 1889 gab es Hochseedampfer ohne jegliches Segel. Seitdem wurden Kriegsschiffe nur noch mit Dampf angetrieben.

Glaubhaft ist jedoch, dass es auf dem havarierten Schiff nach einiger Zeit kaum noch einen Tropfen Trinkwasser gab, sondern nur noch faulendes Wasser in den Dampfkesseln. Und als "der lange Hein" (auch: Langbein) aus unbändigem Durst davon getrunken hatte, bekam er davon Typhus (nicht die Pest) und starb bald darauf. Kameraden schufen ihm ein Seemannsgrab. Da er, wie es im Lied heißt, der erste war, ist - wie auch die geschichtlichen Ereignisse vermitteln - davon auszugehen, dass weitere Matrosen Typhus bekamen und daran starben.

Die vierte Strophe, die wie die fünfte erst später dazu gekommen ist, weicht inhaltlich von den geschichtlich belegten Ereignissen ab. Da die russische Flotte im Verband fuhr, wird sie kaum eines ihrer Schiffe 30 Tage zurück gelassen haben. Unwahrscheinlich ist auch, dass ein vorbeifahrendes Schiff ein anderes nicht sieht, zumal die Matrosen dieses Schiffes ja das vorbeifahrende gesehen haben. Das Ganze, auch dass die Sänger von sich selbst als ›Tote‹ reden, ist wohl eher der dramatischen Zuspitzung als der Realität geschuldet. (eher hätten die typhuskranken Matrosen sich als dem Tod Nahefühlende oder auch übertrieben als ›Halbtote‹ bezeichnen können). Geschichtlich belegt dagegen ist, dass die an Typhus erkrankten Matrosen auf der Insel Nosy Be zurückgelassen wurden.

Doch die Matrosen haben die Hoffnung auf bessere Zeiten nicht ganz aufgegeben. Und so fragen sie hoffnungsvoll, wie lange es wohl dauern wird, bis sie ihre Kameraden (von den anderen Schiffen) wiedersehen werden. Noch lieber wäre es ihnen, bald nach Hause zurückzukehren und dort mit den Kameraden zu trinken. Doch sie sind realistisch genug zu wissen, dass dieses Glück in weiter Ferne liegt. In Gedanken rufen sie ihren Kameraden ein "Ahoi" zu und wünschen ihren Mädchen ein "Leb wohl".

Georg Nagel, 23. August 2017