Winter, ade!

Hoffmann von Fallersleben (1835)

Musiknoten zum Lied Winter, ade!

Liedtext

Winter, ade!
Scheiden tut weh.
Aber dein Scheiden macht,
daß jetzt mein Herze lacht.
Winter, ade!
Scheiden tut weh.

Winter, ade!
Scheiden tut weh.
Gerne vergess' ich dein;
kannst immer ferne sein.
Winter, ade!
Scheiden tut weh.

Winter, ade!
Scheiden tut weh.
Gehst du nicht bald nach Haus,
lacht dich der Kuckuck aus.
Winter, ade!
Scheiden tut weh.

Das Lied Winter ade, scheiden tut weh veröffentlichte August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798 - 1874), der Schöpfer des Deutschlandlieds, im Jahr 1835. Dabei übernahm er die Melodie des Liebesliedes Schätzchen ade, das aus dem Jahr 1816 stammt (vgl. Ernst Klusen, Deutsche Lieder, 1981, S. 822). Ob Hoffmann die Aussage "scheiden tut weh" aus diesem Liebeslied oder dem damals populären Auf Matrosen, die Anker gelichtet (1817, Gerhards Gedichte) des Lyrikers und Dramatikers Wilhelm Gerhard (1780 - 1858) entnommen hat, bleibt offen.

Winter ade, scheiden tut weh steht in der Tradition der Lieder, die das Ende des Winters begrüßen (vgl. den von Hoffmann aus dem Niederländischen übersetzten Liedtext Der Winter ist vergangen mit den Zeilen "Ich seh des Maienschein, ich seh die Blümlein prangen, des ist mein Herz erfreut" oder So treiben wir den Winter aus bzw. der Frühlingslieder wie O wie ist es kalt geworden mit der sehnsüchtigen Zeile "Schöner Frühling, komm doch wieder" oder Nun will der Lenz uns grüßen.

Der Dichter weiß, dass Abschied nehmen, seelischen Schmerz mit sich bringen kann, andererseits ist er froh, wenn die kalte Jahreszeit (endlich) vorüber ist. Am liebsten würde der Dichter vergessen, dass im Ablauf des Kalenderjahres der Winter regelmäßig wiederkommt, aber er wünscht sich: "kannst immer ferne sein".

Betrachtet man das politische Geschehen zur Zeit der Entstehung des Liedes im Jahr 1835 – zum einen Restauration, zum anderen den Vormärz, den Vorläufer der Revolution von 1848 – so könnte der Liedtext auch eine verborgene Botschaft enthalten. Ähnlich wie bei dem populären Lied Auf einem Baum ein Kuckuck saß, dessen Zeilen "Und als ein Jahr vergangen war, da war der Kuckuck wieder da" zu jener Zeit so verstanden wurde: "Wir Bürger sind der Kuckuck; wir streiten um Freiheit und Gerechtigkeit, und so oft ihr uns auch zu vernichten trachtet, so sehr ihr uns auch beschränken wollt, wir kommen immer wieder. Wir geben nicht auf, unser Freiheitswille ist unzerstörbar" (vgl. Gudrun Demski, Auf einem Baum, letzter Absatz).

Hier umfasst der "Winter" die Karlsbader Beschlüsse mit ihrem Verbot der Meinungsfreiheit, mit der Pressezensur, der Überwachung der Universitäten und der Entlassung der liberal und national gesinnten Professoren sowie mit sonstigen Repressionsmaßnahmen. Auch das Junge Deutschland, ein loses Bündnis demokratische Freiheitsrechte fordernder Literaten, zu denen u.a. Heinrich Heine und Ludwig Börne gehörten, wurde verboten.

Dieser Zeit möchte der Dichter gern auf Nimmerwiedersehen "Ade" sagen. Und so kann die Floskel "scheiden tut weh", die im Liedtext viermal vorkommt, auch ironisch gemeint sein.

Diese Deutung, die für die damalige Zeit zutreffend gewesen sein mag, geriet spätestens 1857 in Vergessenheit als Winter ade, scheiden tut weh mit den beiden ersten Strophen in das Liederbuch für Schule und Leben aufgenommen wurde - ohne den Frühlingsboten, der den Winter auslacht, wenn der nicht bald nach Haus geht.

Seitdem fand das Lied Aufnahme in zahlreiche Liedersammlungen, vor allem in Kinder- und Schulliederbücher. Im Katalog des Deutschen Musikarchivs ist es seit 1972 mit rund 230 Notenausgaben und fast 80 Tonträgern vertreten. Interpretiert wird es von vielen Chören, hauptsächlich von Kinderchören, wie den Schaumburger Märchensängern und den Regensburger Domspatzen, aber auch von Solisten, wie z. B. dem Bariton Hermann Prey und den Sängerinnen Mireille Mathieu und Nena.

Georg Nagel, 11.01.2018