Wem Gott will rechte Gunst erweisen

Joseph von Eichendorff (1822)

Musiknoten zum Lied Wem Gott will rechte Gunst erweisen

Liedtext

Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
den schickt er in die weite Welt,
dem will er seine Wunder weisen
in Berg und Wald und Strom und Feld.

Die Trägen, die zu hause liegen,
erquicket nicht das Morgenrot,
sie wissen nur von Kinderwiegen,
von Sorgen, Last und Not ums Brot.

Die Bächlein von den Bergen springen,
die Lerchen schwirren hoch vor Lust.
Was soll' ich nicht mit ihnen singen
aus voller Kehl'und frischer Brust?

Den lieben Gott laß ich nur walten.
Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld
und Erd' und Himmel will erhalten,
hat auch mein' Sach'aufs Best' bestellt.

Karaoke

Herkunft und Vorgeschichte

Wann Joseph von Eichendorffs das Gedicht Wem Gott will rechte Gunst erweisen verfasst hat, ist strittig; einige Quellen nennen das Jahr 1816 andere 1923. Liedforscher wie Ernst Klusen, Heinz Rölleke und Theo Mang datieren die Entstehung des ›frohen Wandersmanns‹ auf das Jahr 1822. Der Angabe 1826 in einigen Liederbüchern dürfte die Veröffentlichung in der Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts zugrunde liegen.

Die fröhliche Melodie, die auf ein altes Volkslied aus den 18.Jahrhundert zurück geht, bearbeitet 1833 vom Schweizer Musiker Theodor Fröhlich (1803 - 1836), hatte bereits in der Romantik zu einer hohen Popularität des Liedes beigetragen.

Liedbetrachtung

Wem Gott will rechte Gunst erweisen ist das erste Lied, das der junge Mann, der Taugenichts aus Eichendorffs Novelle Aus dem Leben deines jungen Taugenichts auf seiner Wanderschaft, singt. Er fühlt sich befreit von der Aufforderung seines Vaters, eines Müller, in der Mühle zu arbeiten und genießt es, in die »weite, weite Welt« zu gehen. Indirekt dankt er Gott für diese Fügung und er ist frohen Mutes (s. auch der zweite Gedichtstitel Der frohe Wanderer), beim Wandern die Wunder der Natur »n Berg und Wald und Strom und Feld« zu erleben. Die von Gott geschaffene Natur ist in der Zeit der Romantik von großer Bedeutung; das Wandern in der Natur sollte die Menschen Gott näherbringen.

Im Gegensatz zu den fröhlichen Wanderern beschreibt der lyrische Erzähler die »Trägen«, das sind die Philister, die Spießbürger, die zu Hause bleiben und keine Abwechslungen und Anregungen kennen. Ihr alltägliches Leben ist bestimmt durch das Kümmern um ihre Kinder und ihre Sorgen um ihr tägliches Sattwerden. Daher können sie auch nicht das »Morgenrot« genießen und in der Natur wandern. Die Kritik an der Lebensweise der »Trägen« zeigt, dass Eichendorffs, als er zu Zeiten der Entstehung des Gedichts ein Leben als Beamter (er war Kirchen- und Schulrat in Danzig) geführt hat, vermutlich gern sich das Leben seines lyrischen Ich gewünscht hat.

In der dritten Strophe wird erneut die Natur beschrieben: die Bächlein springen, die Lerchen singen. Der Wunsch nach dem Einklang von Mensch und Natur wird deutlich, indem das lyrische Ich sich rhetorisch fragt, warum es nicht laut und voller Inbrunst mitsingen sollte. Auch hier kommt die Sehnsucht der Romantiker nach Vereinigung von Mensch und Natur zum Ausdruck.

Die erste und vierte Strophe geben dem Gedicht einen Rahmen, indem beide von Gott und der der Natur handeln. Eichendorff als gläubiger Mensch lässt in der letzten Strophe das lyrische Ich von einem Gott berichten, der sich um alles kümmert, um Himmel und Erde. Voll Vertrauen in Gott, lässt es leiten, da es gewiss ist, dass Gott »seine Sach aufs Best‘ bestellt« hat. Man kann sagen, dass es Eichendorff mit dem Gedicht Wem Gott will rechte Gunst erweisen gelungen ist, dem Leser die typische romantische Einstellung zu vermitteln.

Nachzutragen ist noch, dass etwa die Hälfte der Liederbücher nicht die vier bekannten Strophen aufweist, sondern nur drei, wobei mal die zweite »Die Trägen, die zu Hause liegen…«, mal die vierte »Den lieben Gott lass ich nur walten…« weggefallen sind.

Rezeption

Nimmt man als Anhaltspunkte für die Popularität eines Liedes die Anzahl und die Auflagen der Liederbücher und der im Katalog des Deutschen Musikarchivs Leipzig aufgeführten Tonträger und Musiknoten, so sind für Wem Gott will rechte Gunst erweisen im 19. Jahrhundert vor allem das 1883 in der 59. Auflage erschienene Singvögelein (500 Tsd.) und 1888 Schauenburgs Allgemeinen Commersbuch (1914, 101. bis 110. Auflage) zu erwähnen.

Zu Beginn des 20. Jahrhundert wuchs die Popularität des ›jungen Wandersmanns‹, bedingt vor allem durch Wandelvögel, die Gruppierungen der Jugendbewegung und die aufkommenden Wandervereine.

Auch in der Zeit des Nationalsozialismus war die Beliebtheit des Liedes ungebrochen. Neben zahlreichen Schulliederbüchern und ausgesprochen NS-Publikationen gab es auch u.a. ein Liederbuch für die evangelische Jugend (5. Auflage 1938).

Nach dem Zweiten Weltkrieg scheint ist die Popularität des ›frohen Wandersmanns‹, gemessen an der Anzahl der Liederbücher, leicht rückläufig zu sein. Betrachtet man jedoch die in hohen Auflagen erschienenen Taschenbücher, z, B. Die schönsten deutschen Volkslieder und Der deutsche Liederschatz (beide Heyne Verlag, 1977 bzw. 1979) sowie Die Liederfundgrube (Schneider Verlag 1978), Mein Liederbuch (Knauer Verlag 1988) und vor allem Die Mundorgel, die zwar erst 1982 Wem Gott will rechte Gunst erweisen in ihr Repertoire aufnahm (2013 Textauflage 10 Millionen, Text und Noten 4 Millionen) so dürfte die Verbreitung des Liedes eher zugenommen haben.

Vergleicht man die Anzahl der Tonträger (30) im Katalog des Deutschen Musikarchivs (fast ausschließlich Schellackplatten) mit der Anzahl der Musiknoten (46), so kann man sagen, dass ŸDer frohe Wandersmann‹ in den vergangenen Jahrzehnten weniger angehört als gesungen wird.

Bei den Youtube-Videos zeigt sich zudem: Wem Gott will rechte Gunst erweisen wird überwiegend von Chören, wie z.B. von den Regensburger Domspatzen oder dem Tölzer Knabenchor gesungen. Aber auch der Tenor Rudolf Schock und der Bariton Hermann sowie Gotthilf Fischer (mit seinen Chören) und sogar Heintje, Heino und Nena haben das Lied jeweils auf ihre Art interpretiert.

Bei der großen Beliebtheit eines Liedes bleibt es nicht aus, dass Umdichtungen und Parodien entstehen. Der Satiriker Dieter Höss (1935 - 2000) verfasste 1967 das Lied von den Subventionen, dessen erste Strophe lautet:

Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
dem lässt er seine Subvention,
denn selbst in besten Bauernkrisen
lebt man davon in Jahren schon.

Früher in der Schule sangen wir, besonders bei Schulausflügen:

Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
den schickt er in die Wurstfabrik,
da kann er eine Knackwurst beißen
und kriegt auch noch ein Stückchen mit.

Georg Nagel, 20.08.2020