So treiben wir den Winter aus

Volkslied (1584)

Früher wurde der Sonntag Lätare, der 4. Sonntag in der Fastenzeit, als Frühlingsbeginn mit Todaustragen und Sommereinholen gefeiert. Dazu wurde auch das Lied "So treiben wir den Winter aus" gesungen. Der Text stammt aus dem 16. Jahrhundert und die Weise diente schon 1545 Luther als Melodie für seine Parodie "Nun treiben wir den Papst hinaus".

Musiknoten zum Lied So treiben wir den Winter aus

Liedtext

So treiben wir den Winter aus,
durch unsre Stadt zum Tor hinaus
und jagen ihn zuschanden,
hinweg aus unsern Landen.

Wir stürzen ihn von Berg zu Tal,
damit er sich zu Tode fall.
Wir jagen ihn über die Heiden,
dass er den Tod muss leiden.

Wir jagen den Winter vor die Tür,
den Sommer bringen wir herfür,
den Sommer und den Maien,
die Blümlein mancherleien.

Entstehung und geistliche Varianten

So treiben wir den Winter aus wird nach einer alten Volksweise aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts gesungen. Wer den etwa 1584 entstandenen Text verfasste, ist nicht überliefert (vgl. Ernst Klusen, Deutsche Lieder, Zweiter Band, 2. Auflage 1981, S. 822).

Seit Ende des 16. Jahrhunderts wird am dritten Sonntag vor Ostern, also in der Mitte der christlichen Fastenzeit, das Austreiben des Winters zugleich mit dem Einholen des Sommers gefeiert. An diesem Sonntag, im evangelischen und katholischen Kirchenjahr Laetare genannt, volkstümlich auch als ›Mittfasten‹ bezeichnet, freuen sich die Menschen (laetare = freue dich): der Winter geht zu Ende, der Frühling naht und auch das Osterfest mit der Auferstehung Jesu ist in Sicht.

Die eingängige Melodie wurde häufig zu geistlichen Umdichtungen benutzt (vgl. Ernst Klusen: Deutsche Lieder, 2. Auflage 1981, S. 822). Die erste Fassung war ein Osterlied (Heinz Rölleke, Das große Buch der Volkslieder, 1993, S. 62), dessen Text nicht überliefert ist. Aus dem Zeitalter der Reformation sind vor allem zwei Fassungen bekannt. Eine erste Strophe lautet nach Achim von Arnim und Clemens Brentano (Des Knaben Wunderhorn, Alte deutsche Lieder, 1806, I. Band, S. 161):

So treiben wir den Winter aus,
Durch unsre Stadt zum Thor hinaus,
Mit fein‘ Betrug und Listen,
Den rechten Antichristen.

In dieser Strophe mit "reformatorischer Polemik" (vgl. Theo Mang, Der Liederquell, 2015, S. 102) ist mit dem ›Antichristen‹ der Papst gemeint.

Noch drastischer ist der Text, den der Pfarrer Johannes Mathesius (1504 - 1565) aufgrund eines Wittenberger Flugblatts aufgezeichnet hat. Gemäß dem Volksliedforscher Heinz Rölleke hat Luther den ihm zugeschriebenen Text (bestenfalls) überarbeitet (Rölleke, S. 62). Hier zwei von insgesamt sieben Strophen aus der von Ludwig Erk und Franz Böhme herausgegebenen Liedersammlung ›Deutscher Liederhort‹ (1893, Band II, S. 89):

1. Nun treiben wir den Papst heraus,
aus Christus Kirch und Gotteshaus.
Darin er mördlich hat regiert
und unzählich viel Seel’n verführt.

4. Der römisch Götz ist ausgethan,
Den rechten Papst wir nehmen an:
Das ist Gotts Sohn, der Fels und Christ,
Auf dem sein Kirch erbauet ist.

Diese geistlichen Versionen werden seit einigen Jahrhunderten nicht mehr gesungen und bis Ende des 19. Jahrhunderts taucht die drastische Fassung nur in wissenschaftlichen Liedersammlungen auf. Doch die "vorreformatorische Melodie hat sich mit Hilfe der geistlichen Umdichtungen […] erhalten" (Klusen, S. 822).

Bräuche zum Winter- und Todaustreiben

Heutzutage werden an Mittfasten außer den üblichen Frühlingsliedern vor allem die drei Strophen von So treiben wir den Winter aus gesungen.

Mit einer aus Pappe oder Stroh gebastelten Puppe zogen früher in vielen Teilen Deutschlands die Leute durch ihren Ort, um schließlich auf einem Platz oder vor dem Dorf die den Winter symbolisierende Puppe je nach Region entweder zu verbrennen oder zu ertränken. Gesungen wurde aber auch das 1845 nach einer alten Volksweise von Hoffmann von Fallersleben gedichtete Frühlingslied Trarira! Bald ist der Frühling da!, dessen erste Strophe lautet:

Bald werden grün die Felder
Die Wiesen und die Wälder
Trarira! Bald ist der Frühling da!

In manchen Regionen Deutschlands wurde der Tod ausgetrieben. Bei den prozessionsartigen Umzügen wurde folgende Strophe gesungen:

So treiben wir den Tod hinaus,
Den alten Weibern in das Haus,
Den Reichen in den Kasten
Heute ist Mitterfasten.

Dieses Lied wurde erst etwa ab Mitte des 16. Jahrhunderts bekannt, obwohl das Todaustreiben bereits seit 1439 bezeugt ist (vgl. Rölleke, S. 61).

Eine durch die Gassen getragene Puppe, geschmückt mit einem grünen Blätterkränz und aus Flachs gefertigtem Haar, wurde, um den Tod zu symbolisieren, in ein weißes Leintuch gehüllt und in einem Bach oder Fluss ertränkt. Danach wurde folgende Strophe gesungen:

Den Tod haben wir ausgetrieben,
Den Sommer bring’n wir wieder,
Das Leben ist zu Haus geblieben
Drum singen wir fröhliche Lieder.

(aus: Franz Magnus Böhme, Altdeutsches Liederbuch 1877, S. 608)

In einigen Regionen Südwestdeutschlands, vor allem in der Pfalz, ist es heute noch üblich, dass die Kinder an Lätare mit "hölzernen Stäben, an welchen eine mit Bändern geschmückte Brezel hängt" von Haus zu Haus gehen (vgl. Klusen, S. 824), und So treiben wir den Winter aus oder auch Trarira! Bald ist der Frühling da! singen.

In vielen Gegenden Deutschlands, z.B. in Brandenburg, Sachsen, Thüringen und Franken (vor allem in Nürnberg) und auch auf den Nordfriesischen Inseln (sog. Biikebrennen, s. Deutsche Lieder hat man den Brauch des Winteraustreibens und des Sommereinholens wohl nicht nur der Tradition wegen wiederbelebt, sondern auch als Touristenattraktion. Und wer des Textes mächtig ist, singt eifrig mit: Nun treiben wir den Winter aus.

Georg Nagel, 11.03.2018