Schlaf', Kindlein, schlaf'!

Volkslied (18. Jh.)

Musiknoten zum Lied Schlaf', Kindlein, schlaf'!

Liedtext

Schlaf', Kindlein, schlaf'!
Der Vater hüt't die Schaf,
die Mutter schüttel's Bäumelein,
da fällt herab ein Träumelein.
Schlaf', Kindlein, schlaf'!

Schlaf', Kindlein, schlaf'!
Am Himmel zieh'n die Schaf':
Die Sternlein sind die Lämmerlein,
der Mond, der ist das Schäferlein.
Schlaf', Kindlein, schlaf'!

Schlaf', Kindlein, schlaf'!
So schenk' ich dir ein Schaf
mit einer goldnen Schelle fein,
das soll dein Spielgeselle sein.
Schlaf', Kindlein, schlaf'!

Schlaf', Kindlein, schlaf'!
und blök' nicht, wie ein Schaf:
Sonst kommt des Schäfers Hündelein
und beißt mein böses Kindelein.
Schlaf', Kindlein, schlaf'!

Schlaf', Kindlein, schlaf'!
Geh' fort und hüt' die Schaf',
geh' fort, du schwarzes Hündelein,
und weck' mir nicht mein Kindelein!
Schlaf', Kindlein, schlaf'!

Schlaf Kindlein, schlaf gehört neben Guten Abend, gute Nacht zu den bekanntesten Wiegenliedern im deutschsprachigen Raum.

Die Entstehung der ersten Strophe reicht gemäß dem Volksliedforscher Heinz Rölleke "wohl ins 16. Jahrhundert zurück" (vgl. Rölleke, Das große Buch der Volkslieder, 1993, S. 127). Zum ersten Mal gedruckt wurde diese Strophe 1611. Die Folgestrophen entstanden erst im 18. Jahrhundert (vgl. Ernst Klusen, Deutsche Lieder, 1980, S. 851).

Nach einer alten Volksweise schuf der Musikschriftsteller und Komponist Johann Friedrich Reichardt (1752 - 1814) im Jahr 1781 die noch heute bekannte Melodie, die er auch für das Lied Maikäfer flieg verwendete (vgl. Georg Nagel: Albtraum-Schlaflied "Maikäfer, flieg").

Während im Lied Maikäfer flieg, der Vater ist im Krieg das Grauen des Krieges beschrieben wird, mutet Schlaf Kindlein, schlaf geradezu idyllisch an. Die Welt ist in Ordnung; wie sollte es bei einem Wiegenlied auch anders sein.

Zusätzlich wird eine einfache Sprache mit Verkleinerungen der Substantive wie "Kindlein", "Bäumelein" und "Träumelein" benutzt, die das kleine Kind leicht verstehen kann. Doch nicht nur die frühkindliche Sprache soll das Kind zum Einschlafen bringen, sondern auch die sanfte, einlullende Melodie, die Reichardt 1798 im Vorwort seines Buches Wiegenlieder für gute deutsche Mütter sogar für wichtiger als den Inhalt eines Schlafliedes hält. In diesem Vorwort gibt Reichardt den Müttern Anweisungen, wie derartige Lieder "gesungen sein wollen, nämlich in mäßiger, auch wohl langsamer Bewegung und mit sanfter halber (gemeint ist: mit halblauter) Stimme".

Allerdings passt die vierte Strophe nicht ganz in diese Vorstellung. Streng wird dem Kind gesagt, dass es "nicht blöken [soll] wie ein Schaf". Zugleich wird ihm im Sinne heute verpönter ›Schwarzer Pädagogik‹ gedroht, dass sonst „des Schäfers Hündelein“ kommt und "beißt mein böses Kindelein". Immerhin heißt es "mein Kindelein" und in der fünften und letzten Strophe wird der symbolische schwarze Hund fortgescheucht.

Rezeption

Wie populär ein Lied ist, zeigt sich auch darin, dass es umgedichtet oder parodiert wird oder dass weitere Strophe entstehen. So wurde bereits 1808 eine christlich orientierte Strophe von den Liedersammlern und -forschern Clemens Brentano und Achim von Arnim in ihren dritten Band Des Knaben Wunderhorn aufgenommen:

Schlaf, Kindlein, schlaf,
Christkindlein hat ein Schaf,
Ist selbst das liebe Gotteslamm,
Das um uns all zu Tode kam,
Schlaf, Kindlein, schlaf.

Diese Strophe ist in der Mehrzahl der später erschienenen Liederbücher nicht mehr vertreten.

Auch an der Übernahme des Liedes, von Varianten oder seiner ersten Zeile (sog. Incipit) in Bücher oder Filme kann man seine Popularität erkennen. Der russische Schriftsteller Anton Tschechow z.B. lässt in seiner Kurzgeschichte Schlafen 1888 ein dreizehnjähriges Kindermädchen "Schlaf Kindlein schlaf, dein Vater ist ein Graf" singen.

Zu dieser Variante gibt es folgende Parodie:

Schlaf, Kindlein, schlaf!
Dein Vater ist kein Graf,
deine Mutter ist kein‘ Edelfrau
die Mutter ist 'ne rechte Frau
Schlaf, Kindlein, schlaf!

Ende des 19. Jahrhunderts führt der Volksliedforscher Franz Magnus Böhme 36 Varianten in seiner Liedersammlung Deutsches Kinderlied und Kinderspiel (1897) auf.

Während der folgende Vers aus dem Schwäbischen

Schlaf Kindchen schlaf
der Hund passt auf auf 'd Schaf
er läuft am Tag um 'd Schaf herum
am Abend keines fehlet d'rum
Schlaf Kindchen schlaf!

noch als Wiegenlied angesehen werden kann, drückt das Badische Wiegenlied des Demokraten und Revolutionärs Ludwig Pfau die Kritik an den preußischen Truppen aus, die die badische Revolution von 1949 blutig niedergeschlagen haben:

Schlaf mein Kind, schlaf leis,
dort draußen geht der Preuß.
Deinen Vater hat er umgebracht,
deine Mutter hat er arm gemacht
und wer nicht schläft in guter Ruh,
dem drückt der Preuß die Augen zu.
Schlaf mein Kind, schlaf leis.

1911 veröffentlichte der Volkskundler Johann Lewalter in seiner Liedersammlung Deutsches Kinderlied und Kinderspiel eine Version, die ebenfalls nichts mehr mit einem Schlaflied zu tun hat:

Tanz Kindlein tanz,
Deine Schühlein sind noch ganz,
Lass dir sie nit gereue,
Der Schuster macht dir neue.
Tanz Kindlein, tanz.

Wie beliebt das Original des Wiegenlieds (auch mit der Variante Kindchen statt Kindlein) bis heute geblieben ist, kann man auch an der Vielzahl der Tonträger und Notenausgaben (365) erkennen. Auf 255 Schallplatten und CDs finden sich Interpretationen von Kinderchören, wie z.B. der Schaumburger Märchensänger und Wiener Sängerknaben und des weltberühmten Tenors José Carreras, der Baritone Dietrich Fischer-Dieskau und Hermann Prey und der Schlagersängerin Nena.

Zu meiner Schulzeit war auf vielen Schulhöfen folgende Version verbreitet:

Schlaf Kindlein, schlaf,
deine Mutter ist ein Schaf
dein Vater ist ein Trampeltier.
Was kannst du armes Kind dafür?
Schlaf Kindlein, schlaf.

Georg Nagel, 24.11.2017