Rolling Home

(Von Hamborg fohr so'n ohlen Kassen)

Volkslied

Musiknoten zum Lied Rolling Home

Liedtext

Von Hamborg fohr so'n ohlen Kassen,
mit Namen heet he Magelhan,
dor weer bi Dog keen Tied tom Brassen,
dat leet se all bit Obends stöhn.
Rolling home, rolling home,
rolling home across the sea,
rolling home to di, old Hamborg,
roling home, mien Deern, to di.

Bi Dag dor kunn dat weihn un blasen,
dor wör noch lang keen Hand anleggt,
doch sieg de Klock man erst veer Glasen,
denn wör de ganze Plünnkrom t'recht.
Rolling home...

Dat weet so recht den Ohln sein Freeten,
dat gung em ober Danz un Ball,
harr Janmaat graad de Piep ansteken,
den rööp de Ohl: Pull Grootmarsfall.
Rolling home...

Dat kumm de Kerl verdeubelt ropen,
dat weer em just so no den Strich,
man schraal de Wind denn noch sechs Streeken,
wat weer de Kerl denn gnatterich.
Rolling home...

Un unsen heil'gen, stillen Freedag,
wat doch uns höchste Festdag is,
un unsen heil'gen Büß- und Beeddag,
dor seggt de Ohl: Dat gifft dat nich.
Rolling home...

Jedoch so recht bi Licht bekeeken,
dor weer uns Ohl noch lang nich siecht,
harr Smutje mol een Swien aufsteken,
trangscheer he sülben dat torecht.
Rolling home...

De Lüüd de kreeg'n so recht dat Lopen,
se freiten sik, ik weet nich wie,
se kregen von dat Swien de Poten,
un gele Arfensupp' dorbi.
Rolling home...

O Magelhan, du ohlen Kassen,
dit Leed sali di en Denkmal sein.
Bi Snee und Reg'n wascht Janmaat Masten,
un achtern suupt se unsen Kööm.
Rolling home...

Der Begriff Shanty oder über Shanties

Rolling Home wird allgemein als Shanty angesehen. Das Wort Shanty ist abgeleitet von englischen ›chant‹, das ›singen‹ bedeutet. Shanties entstanden in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Windjammer genannten Groß- Segelschiffe die Weltmeere beherrschten und die Dampfschiffe noch eine nur untergeordnete Rolle spielten. Die Arbeit auf einem Windjammer war hart; die meiste Arbeit musste mit den Händen getan werden. Dazu gehörten: Segel heißen oder hissen (setzen, hochziehen) reffen (Segelfläche verkleinern) oder einholen, Anker lichten oder hieven (hochholen), Taue durchholen, Aufziehen der Rahen (der Querbäume,) an Vortopp oder Großtopp (erster und mittlerer Mast bei Dreimast-Segelschiffen), sowie die Arbeit an Winden und Pumpen.

Wie die Worksongs und Spirituals auf den Plantagen halfen die Shanties, das Leben der schwer arbeitenden Matrosen (Sailors) etwas zu erleichtern und das oft Eintönige der Tätigkeiten zu vergessen. Außerdem kam es bei vielen Tätigkeiten darauf an, den Arbeitsablauf zu rhythmisieren, damit z. B. alle im gleichen Schritt gingen oder gleichzeitig an den Schoten (den Segelleinen) zogen. Da hauptsächlich englische und amerikanische Segelschiffe die Ozeane befuhren, war das Englische, unabhängig von der Herkunft der Crew, die Umgangssprache, und so wurden fast alle Shanties in Englisch verfasst.

Die englische Fassung von Rolling Home ist ein sogenannter Capstan Shanty. Capstan ist die Gangspill, die Ankerwinde, eine senkrecht stehende Trommel mit mehreren herausnehmbaren waagrechten Stäben, den Spaken. Wenn der Anker gelichtet (hochgezogen) werden sollte, erklang der Ruf »Man the capstan!« (s. englischer Originalsong: »Call all hands to man the capstan!«). Dann eilten die Matrosen herbei, steckten die Spaken in die Gangspill und begannen, die Spaken vor sich herschiebend, um die Trommel herumzugehen und während die Ankerkette sich um die Trommel wickelte, den Anker hochzuziehen.

Weil im Originaltextmit »for old England we will steer« und »rolling home to dear old England« das Heimatland benannt wird, ist Rolling Home ein ›Homeward bound‹ Song, ein Shanty, der fast ausschließlich beim letzten Ankerlichten vor der Heimfahrt gesungen wurde (vgl. Jürgen Dahl, Shanties, 1959, S. 9).

Allgemeines zum Lied Rolling Home

Die deutsche Fassung des Refrains:

Segler heim, Segler heim,
Segler heim wohl übers Meer,
Segler heim zur deutschen Heimat,
Segler heim, Feinslieb zu dir!

konnte sich nicht durchsetzen. Daher wird auch in der plattdeutschen Version der englische Refrain gesungen:

Rolling home, rolling home,
Rolling home across the sea,

allerdings mit der Änderung:

rolling home to di, old Hamborg,
rolling home, mien Deern, to di.

Der Schriftsteller und Verleger Jürgen Dahl (1919 - 2001) kommt in seinem Fachbuch Shanties (1959) zu der Ansicht, dass die deutsche Version von Rolling Home »ein Mittelding zwischen einem erzählerischen Seemannslied und einem Shanty« ist (vgl. Shanties, S. 9).

Die plattdeutsche Fassung ist, abgesehen von den wenigen auf die Arbeit weisenden Stellen, eher eine Ballade, die vom Leben an Bord des »alten Kastens« namens Magelhan erzählt. Ein Segelschiff mit diesem Namen hat es tatsächlich gegeben. Die Bark ›Magellan‹ lief 1869 bei einer Werft in der Nähe von Bremen vom Stapel. Auf mehreren Reisen segelte sie entlang den Küsten bis nach Hongkong (vgl. Jochen Wiegandt, Singen Sie hamburgisch?, 2013, S. 178).

Beim englischen Original ist nicht bekannt, von wem der Text und die Melodie stammen. Die letzte Zeile der ersten Strophe »for old England we will steer!« und die dritte Zeile des englischen Refrains deuten darauf hin, dass der Text auf englischen Segelschiffen entstanden ist. Unbekannt ist, wer die erste Strophe ins Deutsche übersetzt hat:

Alle Mann zum Ankerlichten!
Unsere Leinen sind alle klar.
Wir werden unseren Anker hieven,
nach Old England segeln wir heim.

Die bisher älteste bekannte Veröffentlichung der plattdeutschen Fassung erfolgte 1935/36 in Der Knurrhahn - Seemannslieder und Shanties. Dort findet sich zu Do fohr von Hamburg mol so’n ohlen Kassen folgende Anmerkung: »verfasst von Robert Hildebrandt aus Tremessen, Provinz Posen, 1880, überliefert von W. Eccardt, Lotse, Holtenau«.

Die deutsche Version

Während das englische Original sich auf die Arbeit an Deck jedes Segelschiffes bezieht, erzählt die deutsche Fassung von der Stimmung an Bord eines bestimmten Großjammers namens ›Magelhan‹, benannt nach dem portugiesischen Seefahrer und Entdecker.

Warum tagsüber keine Zeit war, weder die Taue (Brassen) für die Rahen zu bedienen, noch die Segel gesetzt wurden, (vgl. erste und zweite Strophe) wird nicht ganz klar. Erst nach dem es »vier Glasen« geschlagen hatte, wurden die zum Auslaufen erforderlichen Arbeiten gemacht. Da die meisten Seeleute keine Uhr besaßen, wurde auf den Schiffen jede halbe Stunde eine Glocke geschlagen; je nachdem in welche Wache ein Matrose eingeteilt war, wusste er, wieviel Uhr es ist. Das war so richtig nach dem Geschmack des Kapitäns, und während sich ein ›Janmaat‹, häufig eine Bezeichnung für einfache Matrosen, sogenannte Mannschaftsdienstgrade, gerade eine Pfeife anstecken will, da befiehlt »de Ohl«: »Pull Grootmarsfall!« - also die Leine des unteren Großsegels am mittleren Mast (Großtopp) anzuziehen.

In den Strophen vier und fünf wird von dem reichlich griesgrämig erscheinenden Kapitän erzählt, der schlechte Laune bekommt (»gnatterich« wird), wenn der Wind auf Windstärke 6 (= Starkwind, 39 -49 KM/H) zunimmt und der außerdem wegen der vielen Arbeit das Feiern des Karfreitags und des Buß- und Bettags untersagt hat. Außerdem lässt er, ausgerechnet wenn es schneit oder regnet ›Janmaat‹ die nicht ungefährliche Arbeit machen, die Masten zu säubern, während andere - mit »se« dürften Kapitän und Offiziere gemeint sein - auf dem hinteren Oberdeck »Kööm« (Kümmelschnaps) trinken (vgl. Strophe acht).

Aber so schlecht meinte es »de Ohl« mit seiner Mannschaft doch nicht. Wenn der Koch ein Schwein abgestochen hat, tranchiert er das Schwein eigenhändig. Und die Seeleute beeilen sich und sind froh darüber, dass sie (wenigstens) die Schweinepfoten und dazu Erbsensuppe bekommen (vgl. sechste und siebente Strophe). Welche Stücke die Offiziere und der Kapitän erhalten, darüber sagt der Text nichts aus.

So alt wie das Segelschiff auch sein mochte, in der letzten Strophe wird »Magelhan« direkt angeredet und liebevoll geduzt mit der Ansage, dass dieses Lied ein Andenken an die Zeiten auf dem ohlen Kassen« (Kasten) sein soll.

Die englische Version

Die englische Originalversion von Rolling Home lautet:

Call all hands to man the capstan,
See the cable run down clear;
Heave away, and with a will, boys,
for old England we will steer.

And we’ll sing in joyful chorus
In the watches of the night,
And we’ll sight the shores of England
When the grey dawn brings the light.

Rolling home, rolling home,
Rolling home across the sea,
Rolling home to dear old England,
Rolling home, dear land, to thee.

Up aloft amid the rigging,
Blows the loud exalting gale;
Like a bird’s wide out-stretched pinions,
Spreads on high each swelling sail.

And the wild waves cleft behind us,
Seem to murmur as they flow:
There are loving hearts that wait you
In the land to which you go.

Rolling home, rolling home...

Many thousand miles behind us,
Many thousand miles before,
Ancient oceans have to waft us
To the well-remembered shore.

Cheer up Jack, bright smiles await you
From the fairest of the fair,
And her loving eyes will greet you
With kind welcomes everywhere.

Rolling home, rolling home...

Now farewell, Australia’s daughters,
We shall leave your fruitful shore,
We shall soon cross deep blue waters,
To see our homes and friends once more.

We shall sing backsongs and shanties,
Say good-bye to all friends here,
We shall soon trip our anchor,
And for old England we will steer.

Rolling home, rolling home...

Im englischen Text geht es bereits in der ersten Strophe zur Sache: Gut motiviert, da es nach einer langen Reise - Australien, wie wir der englischen siebten Strophe entnehmen können - nach Hause, nach »old England« geht, wird der Anker gehievt. Und während nicht nur in den Nachtwachen der Refrain »Rolling home« gesungen wird, freuen sich die Matrosen (Sailors) schon darauf, die Küsten Englands in der Morgendämmerung zu sehen (vgl. zweite Strophe).

Der Refrain, der in der englischen Version nach jedem zweiten Vers gesungen wird, bedeutet frei übersetzt: Über die schlingernde See geht es gen Heimat, nach Hause nach dem alten England. An der fünfmaligen Wiederholung des »Rolling home« ist zu merken, wie sehr die Seeleute sich wünschen, endlich wieder nach Hause zu kommen. Das ist verständlich, da ein Segelschiff zu der Zeit mehr als drei Monate von Australien (s. siebte Strophe) nach England benötigte.

Geradezu romantisch wird es im dritten und vierten Vers. Beschrieben wird, wie der Sturm in die Segel bläst, die sich aufblähen wie die ausgestreckten Schwingen eines Vogels. Wenn die starken Wellen sich am Schiff brechen, kommt es den Seeleuten so vor, als wenn sie flüsterten, dass »loving hearts« sie an Land erwarten.

Umschrieben wird die Länge der Reise: viele tausend Meilen jeweils hin und her. Tatsächlich sind es z.B. von Perth bis Birmingham rund 10.700 Seemeilen. Auf der Heimfahrt tragen »ancient oceans«, der Pazifik und der Atlantik, das Schiff von Australien an die gut bekannte Küste Englands.

Mit einem »Kopf hoch!« wendet sich der Sänger des Shanties scheinbar an einen Matrosen namens Jack, wahrscheinlich aber dient die Ermunterung allen an Bord. Es gilt noch einmal alle Kräfte zu sammeln. Die Seeleute sind zuversichtlich, dass sie zu Hause ihre Liebste erwartet, mit einem strahlenden Lächeln begrüßt und mit liebevollen Augen willkommen heißt.

Die Seeleute erinnern sich an die Ankerzeit in Australien und besonders an »Australia’s daughters«, sprich: die australischen Mädels, und die fruchtbaren Küsten. Aber, so denken sie weiter, bald werden sie die Ozeane (d.h. den Pazifik und Atlantik), poetisch ausgedrückt: die tiefen blauen Gewässer, durchqueren, um ihre Heimat und ihre Freunde wieder einmal zu sehen. In Australien wünschen sie ihren dortigen Freunden »Auf Wiedersehn,«“. Sie werden den Anker hieven und an Bord Heimatlieder und Shanties singen, wenn das Schiff gen England fährt (vgl. siebte und achte Strophe).

Rezeption

Der Shanty Rolling home ist seit seiner Entstehung bis heute populär geblieben. In englischsprachigen Ländern werden häufig verschiedene Varianten gesungen, so z.B. von der US-amerikanischen Musikgruppe Peter, Paul und Mary oder der britischen Rockgruppe Status Quo.

In Deutschland wird die plattdeutsche Fassung vorwiegend in den deutschen Küstenländern, aber auch in Berlin, z.B. im Regattaclub Ahoi, gesungen und die englische Version in vielen Schulen im Englischunterricht in ganz Deutschland. Seemannschöre und andere Männerchöre haben zusätzlich zum Hamborger Veermaster auch Rolling home, häufig in der englischen Originalfassung, in ihrem Repertoire.

Der Katalog des Deutschen Musikarchivs in Leipzig führt 15 Notenpartituren und 50 Tonträger mit dem Lied auf, überwiegend von Männerchören gesungen.

Von den Einzelkünstlern sollen hier nur der Hamburger Musiker und Komponist Achim Reichel mit seiner Bluesrock-Variante, Hannes Wader, Freddy Quinn und Hein Timm und vor allem Heino erwähnt werden, von dem seit 1972 bis 2016 neun Alben mit dem Shanty herauskamen.

Gemäß den mir in Liedarchiven und Privatbibliotheken zugänglichen Liederbüchern ist das Seemannslied in mehr als 50 Veröffentlichungen, überwiegend bei maritimen Verlagen, erschienen. Bereits erwähnt wurde Der Knurrhahn (bis 1952 in mehreren Auflagen). So verständlich es ist, dass das Lied in das Liederbuch des Deutschen Marinebunds Unsere Lieder und Jahre später in zwei Liedersammlungen der Bundeswehr und in eins der Nationalen Volksarmee, zu denen ja auch die Marine gehörten, aufgenommen wurde, so erstaunt doch, Rolling home in Liederbüchern der Naturfreunde-Jugend und des Gebirgs- und Wandervereins zu finden.

Wie populär das Shanty ist, zeigt sich auch daran, dass der Titel des Liedes Namensgeber eines Fahrgastschiffes auf dem Vierwaldstätter See und eines Amphibienbusses im Hamburger Hafen ist.

Nachzutragen ist noch, dass Rolling home bis zur 1975 begonnenen Grundinstandsetzung des Segelschulschiffs Gorch Fock von Kadetten und Matrosen an Bord in plattdeutsch, aber auch auf Englisch, gesungen wurde.

Georg Nagel, 22. März 2020