O alte Burschenherrlichkeit

Volkslied (1825)

Musiknoten zum Lied O alte Burschenherrlichkeit

Liedtext

O alte Burschenherrlichkeit,
wohin bist du entschwunden?
Nie kehrst du wieder, goldne Zeit,
so froh und ungebunden!
Vergebens spähe ich umher,
ich finde deine Spur nicht mehr,
o jerum, jerum, jerum, o quae mutatio rerum.

Den Burschenhut bedeckt der Staub,
es sank der Flaus in Trümmer,
der Schläger ward des Rostes Raub,
erblichen ist sein Schimmer,
verklungen der Kommersgesang,
verhallt Rapier- und Sporenklang,
o jerum, o quae mutatio rerum.

Wo sind sie, die vom breiten Stein
nicht wankten und nicht wichen,
die ohne Moos bei Scherz und Wein
den Herr'n der Erde glichen?
Sie zogen mit gesenktem Blick
in das Philisterland zurück,
o jerum, o quae mutatio rerum.

Da schreibt mit finsterm Amtsgesicht
der eine Relationen,
der andre seufzt beim Unterricht,
und der macht Rezensionen,
der schilt die sünd'ge Seele aus
und der flickt ihr verfall'nes Haus,
o jerum, o quae mutatio rerum.

Allein das rechte Burschenherz
kann nimmermehr erkalten;
im Ernste wird, wie hier im Scherz,
der rechte Sinn stets walten;
die alte Schale nur ist fern,
geblieben ist uns doch der Kern,
und den laßt fest uns halten.

Drum, Freunde, reichet euch die Hand,
damit es sich erneure,
der alten Freundschaft heil'ges Band,
das alte Band der Treue.
Klingt an und hebt die Gläser hoch,
die alten Burschen leben noch,
noch lebt die alte Treue.

Vorgeschichte

Nachweislich ist der Liedtext O, alte Burschenherrlichkeit unter dem Titel »Rückblicke eines alten Burschen« erstmals in der Berliner Zeitschrift Der Freimüthige vom 9. August 1825 anonym erschienen. Auf einer älteren Weise basierend, ist das Lied 1833 in das Berliner Liederbuch für deutsche Künstler mit einer Melodie aufgenommen worden, die sich laut Theo und Sunhilt Mang (Der Liederquell, 2015, S. 555) stärker an der Melodie des von unbekannten Verfassern vor 1763 entstandenen studentisches Liedes »Was fang‘ ich armer Teufel an« anlehnt.

1858 fand O, alte Burschenherrlichkeit dann unter dem Titel »Rückblick« Eingang in die Erstausgabe des Allgemeinen Deutschen Commersbuches der Brüder Hermann und Moritz Schauenburg, gelegentlich nach dem Verlagsort auch Lahrer Commersbuch genannt.

Die Autorenschaft war lange umstritten - und noch heute wird häufig der Sanitätsrat Eugen Höfling (1808 - 1880) aus Fulda genannt. Aufgrund intensiver Forschung widerlegte der Berliner Hochschullehrer, Wilhelm Erman (1850 - 1932), der 1825 den Erstdruck des Liedes entdeckt hatte, im Wintersemester 1870/71 die Verfasserschaft Höflings. Tatsache war, dass Höfling erst ein Jahr nach der Erstveröffentlichung zu studieren begonnen hatte, und zwar in Marburg. Ermann hält es für unwahrscheinlich, dass ein knapp siebzehnjähriger Gymnasialschüler, ein Unterprimaner, »eine so reife Leitung mit großer Publikumswirkung zu einem Thema verfassen konnte, das die Betrachtungsweise eines Alten Herrn (Bezeichnung eines ehemaligen Verbindungsstudenten) erforderte, und sie dann anonym fern seiner Heimat in Berlin veröffentlichte« (so der Germanist und Kulturwissenschaftler Norbert Nail, O quae mutatio rerum! - Fakten und Vermutungen zur Verfasserschaft des Liedes ›O alte Burschenherrlichkeit‹). Aus diesem Grund lehnen auch die Liederforscher Max Friedlaender und Franz Magnus Böhme ab, Höfling als Autor anzuerkennen, zumal die von Höfling angegebene Erstpublikation Didaskalia keinen Beweis für eine Veröffentlichung erbrachte und Höfling vor seinem Abiturientenexamen nach eigenem Bekunden »alles studentische Leben und Treiben noch gänzlich unbekannt geblieben« war (Franz Magnus Böhme: Volksthümliche Lieder der Deutschen im 18. und 19. Jahrhundert. Leipzig 1895, S. 426; zitiert nach Robert Nail, a.a.O.).

Dennoch nennen viele Liederbücher bis heute noch immer Höfling als Verfasser des Studentenlieds. Wahrscheinlich haben sich die Herausgeber jüngerer Veröffentlichungen an ihren Vorgängern orientiert.

Interpretation

Im Lied wird das Leben eines Verbindungsstudenten rückblickend aus der Sicht eines »Alten Herrn« beschrieben, der an seine Jugendjahre erinnert. Studentische Verbindungen, wie es sie heute noch gibt, sind etwa um 1800 als Bund von Studenten und Absolventen einer Hochschule entstanden. Studierende und akademische Berufstätige, sogenannte »Alte Herren«, pflegen auf ihren Treffen ihr Brauchtum und die überlieferte »Tradition der romantischen Auffassung, dass nur der Student – in der Zeit zwischen familiärer Bindung und Berufszwang – ein selbstbestimmtes Leben führen könne« (Heinz Rölleke, a.a.O.).

Wehmütig trauert der Protagonist der »alten Burschenherrlichkeit«, der Studentenzeit nach, als er meinte, »froh und ungebunden« so zu leben, wie er es wollte. Auch heute gibt es dieses Gefühl oder mindestens den Wunsch, sein Leben selbst zu bestimmen, wie es z.B. Volker Lechtenbrink in seinem Lied Leben so wie ich es mag ausdrückt. Vieles aus der Zeit, die der »alte Herr« verklärend die »goldene« nennt, gibt es aus seiner Sicht nicht mehr. Seine Klage »o jerum, jerum, jerum«, leitet sich vom lateinischen ›Jesu domine‹ ab, deutsch Herrje, jemine. Die nächsten Strophen beklagen, dass die Dinge (gemeint sind. die guten alten Zeiten) sich ändern: »O quae mutatio rerum«.

Während ein Burschenhut heute zur Tracht in vielen Teilen Bayerns gehört, diente er früher als Kopfbedeckung fahrender Scholaren (Schüler) und etwa seit dem 18. Jahrhundert der »Burschen«. Burschen, abgeleitet vom lateinischen Wort »bursa« (wörtlich Beutel, im übertragenen Sinn eine finanzielle Interessengemeinschaft), waren Studenten, die in Wohngemeinschaften lebten (vgl. Florian Russi in www.deutschlandlese.de) und auf Wanderungen oder bei einem Wechsel der Universität in einer ansässigen »Burse« wohnen konnten. Nachdem im Jahr 1815 in Jena die sog. Urburschenschaft gegründet wurde, werden in den Nachfolgeorganisationen, den studentischen Verbindungen, deren studierende (Voll-) Mitglieder bis heute als »Burschen« bezeichnet.

In der dieser Strophe wird das Verschwinden studentischer Traditionen beklagt, dass kein »Flaus« (eine mit Kordeln verzierte Jacke, die speziell von Verbindungsstudenten bei traditionellen studentischen Abendveranstaltungen, den Kneipen, und bei Feierlichkeiten getragen wurde und wird) mehr getragen wird, dass die studentischen Lieder nicht mehr gesungen und auch werden keine Mensuren mehr geschlagen werden (Mensuren sind studentische streng reglementierte Gefechte mit scharfen Degen, die in sog. schlagenden Verbindungen ausgetragen werden).

Die Klage über die verschwundenen Zeiten setzt sich in der dritten Strophe fort. Einst galt es, Beharrlichkeit zu beweisen, indem ein Student in der Mitte einer Straße (»auf dem breiten Stein«, links und rechts von der Pflasterung war der Weg nicht befestigt und häufig durch Fuhrwerke aufgewühlt und besonders bei oder nach Regenwetter schlammig) einem geradewegs entgegenkommenden Burschen einer anderen Verbindung nicht auswich oder als besonders mutig, einem Offizier nicht auszuweichen. Fühlte man sich dabei wie die »Herr‘n der Welt« vor (vgl. das berlinerische: »Mir kann keener!«), so wird ein derartiges Verhalten seit etwa Mitte des 18. Jahrhunderts nicht mehr geübt.

Das Philisterland, d.h. die Zeit nach der Universität als »alter Herr«, wird durch die Berufstätigkeit und - nicht erwähnt - durch die Familie bestimmt. Zwar übt man akademische Berufe aus, wie Jurist, Lehrer, Redakteur bzw. Journalist, Pfarrer oder Arzt (»das verfall’ne Haus« ist sinnbildlich der kranke Körper - vgl. Vers davor »sünd’ge Seele« -, den es zu heilen gilt).

Hoffnungsvoll enden die beiden letzten Strophen. Auch wenn man nicht mehr Bursche ist (»die alte Schale ist nur fern«), so wird bleibt das Herz doch jung, und man behält stets den »rechten Sinn« für die alten Rituale und Traditionen. In nostalgischer Stimmung wird die Bundesbrüderschaft beschworen (vgl. Mozarts Brüder reicht die Hand zum Bunde), man macht sich selbst Mut und stößt »auf die alte Treue« an.

Obwohl es das Lied eines »alten Herrn« ist, zählt es noch heute zum Standardrepertoire aktiver Verbindungsstudenten. Nach wie vor wird die gute alte Zeit vermisst und das Leben in der Gegenwart als wenig »froh und ungezwungen« empfunden. Was bleibt, sind verklärte Erinnerungen.

Rezeption bis 1944

Erst um das Jahr 1840 gelang O, alte Burschenherrlichkeit der Durchbruch zum viel gesungenen Studentenlied. Die noch heute übliche Melodie findet sich bereits in Gustav Brauns Liederbuch für Studenten (1843/1845). Bis 1900 erschienen, soweit mir mit Hilfe von online-Archiven und Privatbibliotheken bekannt, 10 Liederbücher mit dem Lied, davon fünf für Studenten.

Neben dem weit verbreiteten, Allgemeinen Deutschen Kommersbuch, herausgegeben von Moritz Schauenburg, M. Friedrich Silcher und Friedrich Erk (1858, 4. Auflage 1859) und dem Allgemeinen Reichskommersbuch (1875), Herausgeber F. W. Müller, erschienen auch Gebrauchsliederbücher wie F.M. Böhmes Volkstümliche Lieder der Deutschen (1895) und vom Deutschen Club in Wien Das Liederbuch der Deutschen in Österreich (1884, 5. Auflage 1904).

Auch in der Zeit von 1900 bis 1932 waren mehr als die Hälfte der mir bekannten Veröffentlichungen (rund 30) mit der O, alte Burschenherrlichkeit studentische Liederbücher. 1907 z. B. erschien das Liederbuch für Studenten in der 7. Auflage, 1914 das Allgemeine Deutsche Kommersbuch in der bemerkenswerten 101.-110. Tsd. Auflage. Dagegen dürften das Liederbuch des Turnvereins Fichte (eines Arbeiter-Sportvereins), Das Deutsche Wanderliederbuch und Sing Sang- ein Liederbuch für die reifere Jugend (1931) weitaus geringere Auflagen erfahren haben. Mit Ausnahme des Steglitzer Wandervogels Liederbuch (o.J.) ist das Lied in keinem Liederbuch der Jugendbewegung enthalten.

Die Nationalsozialisten haben das Lied wahrscheinlich als unpassend zur Nazi-Ideologie angesehen. Es ist in keinem einschlägigen Liederbuch der NS-Organisationen zu finden, abgesehen von Hellau – Liederbuch für Front und Heimat des Gaues Tirol-Vorarlberg. Jedoch taucht es 1934 im weit verbreiteten Kilometerstein - Klotzlieder (7. Auflage 1939), 1942 in Wanderlust - 130 bekannte Volkslieder für Akkordeon und 1939 Wanderlust … für Mundharmonika und in wenigen anderen Nicht-NS-Liederbüchern auf.

Rezeption nach 1945

Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieg dauerte es acht Jahre, bis der Verlag Schauenburg (s. o. Moritz Schauenburg) ein erstes studentischen Liederbuch herausbrachte: Deutsche Burschenlieder. Daraus zu folgern, dass das studentische Verbindungswesen, in denen die O, alte Burschenherrlichkeit neben Gaudeamus igitur (Lasst uns also fröhlich sein) wie eine Hymne gesungen wurde, zum Erliegen gekommen wäre, ist ein Fehlschluss. In den studentischen Korporationen waren ausreichend Kommersbücher vorhanden, um eine Kneipe oder ein Fest mit Gesang zu begehen.

Auch später, vor allem in und nach der Zeit der Studentenbewegung, sind bei den veröffentlichen Liederbüchern kaum noch Kommersliederbücher zu finden. Doch ist O, alte Burschenherrlichkeit auch in weiten nicht akademischen Kreisen bekannt geworden, z.B. seit 1975 durch das Taschenbuch des Heyne Verlags Der deutsche Liederschatz, den Deutschen Liedschatz (Band 2, Weltbild Verlag, 1988) und das Taschenliederbuch Talibu - Eine Auswahl der schönsten deutschen Volks- und Wanderlieder (1998).

Für mich erstaunlich ist das Erscheinen des Liedes in der DDR, und zwar 1987 im FDJ- (Freie Deutsche Jugend) Liederbuch, das anlässlich des 170. Jahrestages des Wartburgfestes herausgegeben wurde und 1989 in Gaudeamus Igitur – Historische Studentenlieder.

Bemerkenswert ist, dass das ursprüngliche Studentenlied, wie vereinzelt schon seit 1900 als volkstümliches Lied (vgl. Hofmann von Fallersleben/Prahl, Unsere volkstümlichen Lieder oder 1916 Das deutsche Volkslied) bezeichnet, inzwischen allgemein als Volkslied angesehen wird. Das kommt auch in zahlreichen Buchtiteln zum Ausdruck: Mein Heimatland - Die schönsten Volkslieder (1955), Deutsche Volkslieder (1989) oder Das Volksliederbuch (1995), um nur einige Beispiele zu nennen. Auch der bedeutende Liedforscher Heinz Rölleke nennt sein mit Hilfe der Bertelsmann Buchgemeinschaft (BBG) weit verbreitetes Werk mit über 300 Liedern Das große Buch der Volkslieder (BBG o.J., Erstausgabe 1993), und Theo Mang führt in seine Sammlung Der Liederquell (1969, 2015) den Untertitel »Über 750 Volkslieder aus Vergangenheit und Gegenwart«.

Nachzutragen ist noch, dass die O, alte Burschenherrlichkeit in der 165.000. Auflage des Allgemeinen Deutsche Kommersbuchs, das anlässlich des 150. Jubiläums 2008 in erweiterter Ausgabe mit 716 statt 481 Liedern herauskam, nach wie vor enthalten ist.

Georg Nagel, 21 April 2019