Nun will der Lenz uns grüßen

Karl Ströse

Der Ursprungstext zu diesem alten Reigenlied stammt aus dem 13. Jahrhundert von Neithardt von Reuental, der von Karl Ströse überarbeitet wurde. Die Melodie ist eine Volksweise in Anlehnung an das alte Geusenlied Wilhelm von Nassauen aus dem 17. Jahrhundert.

Musiknoten zum Lied Nun will der Lenz uns grüßen

Liedtext

Nun will der Lenz uns grüßen,
von Mittag weht es lau;
aus allen Wiesen sprießen,
die Blumen rot und blau.
Draus wob die braune Heide
sich ein Gewand gar fein
und lädt im Festagskleide
zum Maientanze ein.

Waldvöglein Lieder singen,
wie ihr sie nur begehrt.
Drum auf zum frohen Springen,
die Reis' ist Goldes wert!
Hei, unter grünen Linden,
da leuchten weiße Kleid!
Heija, nun hat uns Kinden
ein End all Wintersleid.

Vorgeschichte und Entstehung

Geht man von den Veröffentlichungen in mir zugänglichen Liederbüchern in Online-Archiven und Privatbibliotheken aus, so steht Nun will der Lenz uns grüßen nach Der Winter ist vergangen und Der Mai ist gekommen an dritter Stelle der Beliebtheitsskala der Frühlingslieder.

Seit dem 13. Jahrhundert werden Frühlingslieder gesungen und nach einigen Liedern auch getanzt. Mit dem Titel Diu zît ist hie hat der Dichter, Minnesänger und Ritter Neidhardt von Reuenthal (auch: Neidhart von Reuental) nur den Ursprungstext verfasst (vgl. Das große Buch der Volkslieder, Köln 1993, S. 276; Theo Mang, Der Liederquell, 2015, S. 100). Neidhardt hat rund 140 Lieder geschrieben, und zu manchen auch die Melodie komponiert. Das weniger bekannte Reigenlied Maienzeit bannet Leid, 1885 von August Fischer bearbeitet, stammt von ihm, nicht jedoch das Neidhardt in vielen Liederbüchern zugeschriebene Nun will der Lenz uns grüßen. Sein Geburts- und Todesjahr sind nicht bekannt; die Quellenangaben schwanken zwischen 1180 und 1190 bzw. 1240 und 1245.

Volksliedforscher wie Ernst Klusen (Deutsche Lieder, 2 Bände, Frankfurt, 2. Auflage 1981, S. 822), Heinz Rölleke (ebda., S. 276) und Frauke Schmitz-Gropengiesser (Historisch-kritisches Liederlexikon) sind sich darüber einig, dass Karl Ströse einen Text Neidhardts nachempfunden hat. So wurde aus dem Liebeslied Diu zît ist hie das uns heute bekannte Frühlingslied. Ströse veröffentlichte sein Gedicht in einer Lyriksammlung, die er im Jahr 1878 unter dem Titel Deutsche Minne aus alter Zeit, Ausgewählte Lieder des Mittelalters - frei übertragen herausgab.

Der Verfasser der Melodie ist unbekannt. Die Liedforscher führen die Melodie auf eine alte Volksweise zurück, die sich an das alte Geusenlied - Geusen nannten sich die niederländischen Freiheitskämpfer während des Achtzigjährigen Krieges 1568 bis 1648 - Wilhelmus von Nassauen (Niederländische Nationalhymne) aus dem 17. Jahrhundert anlehnt. Die heute weit verbreitete Melodie erschien "anonym erstmals in einer 1886 in Zürich herausgegebenen Sammlung von Volksgesängen für den Männerchor" (so Florian Russi in deutschland-lese.de).

Interpretation

Bei der freien Übertragung des Minneliedes mit dem Titel Diu zît ist hie hat sich Karl Ströse von dem mittelalterlichen Sprachstil Neidhardts von Reuenthal anregen lassen. Die Bezeichnung des Frühlings in der erste Zeile des Liedanfangs mit dem altertümelnden Begriff ›Lenz‹ deuten ebenso darauf hin wie in der zweiten Zeile, "Von Mittag weht es lau", wobei hier der von Süden wehende warme Wind gemeint ist. Auch in der zweiten Strophe bemüht sich Ströse, der Sprache Neidhardts nahe zu kommen: Das "frohe Springen" bedeutet tanzen (vgl. auch erste Strophe: "Maientanze") und die Formen "Kleid" stehen für Kleider und "Kinden" für Kinder (vgl. Rölleke, ebda., S. 276).

Frauke Schmitz-Gropengiesser meint, "dass Ströses fiktive Minnelyrik im Zuge ihrer Popularisierung als Lied stets als Dichtung Neidhardts von Reuenthal ausgegeben wurde, war sicher entscheidend dafür, dass dieses Lied breit rezipiert wurde: Denn seine weite Verbreitung im 20. Jahrhundert ging einher mit dem Nimbus des alten, vermeintlich über Jahrhunderte tradierten Volksliedes" (vgl. Historisch-kritisches Liederlexikon, Februar 2009). Auch die "volkstümliche Mittelalterrezeption" (Rölleke, ebda., S. 276), die vor allem von dem Übersetzer mittelalterlicher Werke Karl Simrock (1802 -1876) ausging und in der Jugendbewegung ihren Höhepunkt fand trugen zur Popularisierung des Frühlingsliedes Nun will der Lenz uns grüßen bei.

Das Gedicht Ströses auf den Frühling drückt die Freude über das Scheiden des Winters aus (vgl. z.B. auch Winter ade, Der Winter ist vergangen oder Trarira! Bald ist der Frühling da), wie auch über die damit verbundenen warmen Tage und das Blühen der Blumen. Während die Blumen hier rot und blau sind, blühen sie in dem Frühlingslied Jetzt fängt das schöne Frühjahr an weiß, blau rot und gelb (vgl. dort 2. Strophe). Die letzte Zeile "ein End (hat) all Wintersleid" erinnert an Neidhardts Lied Maienzeit bannet Leid. Bei Neidhardt hat das Liebesleid ein Ende, hier jedoch beginnt der Frühling, den man mit einem Tanz im "weißen Kleid" freudig begrüßt.

In der Regel werden 2 Strophen mit je 8 Zeilen gesungen. Karl Ströse dichtete jedoch 5 Strophen mit jeweils 4 Zeilen, die August Fischer in seiner Vertonung von 1885 komplett berücksichtigte. Die vier Zeilen, die als 4. Strophe in die Mitte der hier präsentierten zweiten achtzeiligen Strophe eingefügt werden, lauten:

Wohlauf, wohlauf zur Maienfahrt!
Du blonde Irmengard,
die Mägde sind zur Hand,
schlüpf in das Tanzgewand!

Rezeption

Nach der Erstveröffentlichung in Ströses Gedichtsammlung 1878 finden wir das Lied zum ersten Mal 1884 in einem Heft mit dem Titel Deutsche Minne aus alter Zeit mit drei Liedern für Singstimme und Klavierbegleitung (Quelle: Theo Mang, ebda., S. 100) des Komponisten August Fischer (1865 -1949). Die uns heute geläufige Melodie stammt jedoch nicht von Fischer, sondern von einem unbekannten Verfasser, erstmals veröffentlicht 1886 in Zürich in der Sammlung von Volksgesängen für den Männerchor.

Da das Lied aber weder im von Ludwig Erk und Franz Magnus Böhme herausgegebenen dreibändigen Werk Liederhort (1893 - 1894) zu finden ist, noch in anderen Liedersammlungen Ende des 19. Jahrhunderts auftaucht, ist anzunehmen, dass es lange Zeit nicht sehr bekannt war.

Im 20. Jahrhundert fand es erstmals 1908 Aufnahme in die Sammlung Jugend-Gesang des Musikdozenten Max Battke (1863 - 1916) am Berliner Stern’schen Konservatorium und dann 1915 in das Wandervogel-Singebuch. Danach wurde es in der und durch der Jugendbewegung populär und auch in viele Schulliederbücher aufgenommen.

Von den Nationalsozialisten als harmloses Frühlingslied erachtet, nahmen es viele Nazi-Organisationen in ihre Liederbücher auf: Von der Hitlerjugend (mehrere HJ-Jahresbände) und dem Bund Deutscher Mädel (Wir Mädel singen) bis zu den Arbeitsmaiden und der Deutschen Arbeitsfront (mit ihrer Reiseorganisation Kraft durch Freude und dem Liederbuch Wir wandern und singen). Von den vielen NS-Schulliederbüchern ist besonders Singkamerad zu erwähnen, das 1938 bereits in der 8. Auflage erschien.

Betrachtet man die Anzahl der nach 1945 herausgegebenen Liederbücher, so ist die Popularität des Liedes bis heute ungebrochen. Das Lied ist nicht nur in umfangreichen Liedersammlungen wie Deutsche Lieder (2 Bände, Ernst Klusen, 1981), Deutscher Liederschatz (3 Bände, Th. Sauvageot, 1988) und Der Liederquell (Theo Mang, 2015) vertreten, sondern auch in zahlreichen anderen Liederbüchern, wie z.B. in den auflagestarken Taschenbüchern Deutsche Volkslieder (Reclam Verlag, 1962), Der deutsche Liederschatz (Heyne Verlag, 1975) und Die schönsten Lieder über Frühling, Sommer, Herbst und Winter (Moewig Verlag, 1992).

Gesungen wird es in allen Kreisen der Bevölkerung, vor allem von Jugendlichen: von der Turner-, Sport und Bergsteigerjugend über die Wald,- Reform- und Naturfreundejugend bis hin zu den Pfadfindern und der evangelischen Jugend.

In den Liederbüchern ist Nun will der Lenz uns grüßen jedoch nur eines unter vielen Liedern. Aufschluss darüber, wie gern es gesungen wird, zeigt dagegen die hohe Anzahl der Chorpartituren (66) im Katalog des Deutschen Musikarchivs und der Chorbücher.

Die außerordentliche Beliebtheit des Liedes ist auch den über 100 Videos bei Youtube zu entnehmen, auf denen mehr als die Hälfte Männer- und Frauenchöre zu sehen und zu hören sind und die verbleibenden Videos kleine Gesangsgruppen und männliche und weibliche Solisten zeigen.

Nachzutragen bleibt noch, dass Nun will der Lenz uns grüßen auch in Österreich und in der Schweiz bekannt ist. Sogar in Australien ist ein Liederbuch mit dem Lied herausgekommen: 50 German Folk Songs (Sidney, 1966).

Georg Nagel, 28.04.2018