Nehmt Abschied, Brüder

Claus Ludwig Laue (1946)

schottische Weise

Musiknoten zum Lied Nehmt Abschied, Brüder

Liedtext

Nehmt Abschied, Brüder,
ungewiß ist alle Wiederkehr,
die Zukunft in Finsternis
und macht das Herz uns schwer.
Der Himmel wölbt sich überm Land.
Ade, auf Wiederseh'n!
Wir ruhen all in Gottes Hand.
Lebt wohl, auf Wiederseh'n!

Es ist in jedem Anbeginn
das Ende nicht mehr weit,
wir kommen her und gehen hin,
und mit uns geht die Zeit.
Der Himmel wölbt sich überm Land.
Ade, auf Wiederseh'n!
Wir ruhen all in Gottes Hand.
Lebt wohl, auf Wiederseh'n!

Nehmt Abschied, Brüder, schließt den Kreis!
Das leben ist ein Spiel;
und wer es recht zu spielen weiß,
gelangt ans große Ziel.
Der Himmel wölbt sich überm Land.
Ade, auf Wiederseh'n!
Wir ruhen all in Gottes Hand.
Lebt wohl, auf Wiederseh'n!

Der Dichter und Schriftsteller Claus Ludwig Laue (1917 - 1971) hat den Text von Nehmt Abschied Brüder 1946 nach einem schottischen Lied verfasst. Ob der Sankt Georg Pfadfinder Laue des Lied Should auld acqaintance be forgot auf einem Jamboree, einem internationalen Treffen von Pfadfindern oder in einem britischen Kriegsgefangenenlager - gesungen von Wachsoldaten - gehört hat, ist nicht geklärt.

Das schottische Abschiedslied Should auld acqaintance be forgot geht auf eine aus dem Jahr 1711 stammende Ballade von James Watson zurück, die 1793 von schottischen Dichter Robert Burns (1759 - 1796) zu Auld Lang Syne (englisch: Old Long Time) verarbeitet wurde. Gemäß dem Erzähl- und Volksliedforscher Heinz Rölleke (Das große Buch der Volkslieder, 1983, S. 364) griff Burns eine Melodie auf, die seit 1687 bekannt war.

Während das Abschiedslied über Schottland hinaus bald in ganz Groß-Britannien bekannt wurde, dauerte es über 100 Jahre bevor es auch in den USA und in vielen Teilen der Welt populär wurde. In die USA, wo es 1907 in den ersten US Hitparaden vertreten war, hatten es die britischen Auswanderer gebracht. In vielen anderen Ländern wurde es durch die internationalen Pfadfinderbünde verbreitet, nachdem 1907 die von Baden Powell in Großbritannien gegründeten Boy Scouts das Lied aufgegriffen hatten.

Inzwischen wird Should auld acqaintance be forgot - wörtliche Übersetzung: Sollte alte Freundschaft (schon) vergessen sein - zur Jahreswende in vielen Metropolen von New York bis San Francisco, von Tokio bis Sidney, von London bis Capetown gesungen. Unabhängig von Schicht oder Einkommen, von Hautfarbe oder Geschlecht treffen sich Menschen auf zentralen Plätzen, sie sprechen einen Toast aus, fassen sich an den Händen in Gedenken an verstorbene Freunde und Verwandte und nehmen Abschied vom alten Jahr.

Laut Wikipedia wurde Auld lang Syne in über 25 Sprachen übersetzt. In österreichischen Pfadfinderkreisen beginnt das Lied mit "Nun Brüder, dieses Lebewohl" oder in Frankreich auch über Pfadfinderkreise hinaus mit "Faut-il nous quitter sans espoir, sans espoir de rejour" (Muss ohne Hoffnung geschieden sein, ohne Hoffnung auf ein Wiedersehen).

Interpretation

Wenn die Pfadfinder dies Lied singen, wissen sie nicht, ob sie beim nächsten Treffen alle "Brüder" wiedersehen werden (mit Brüdern sind alle Pfadfinder auch die Pfadfinderinnen gemeint, vgl. die Zeile "Alle Menschen werden Brüder" aus Freude schöner Götterfunken). Nach jedem Vers wird die Gewissheit ausgesprochen: "Wir ruhen all in Gottes Hand". Ähnlich hat der Dichter, Musiker und Volksliedforscher Wilhelm von Zuccalmaglio (1803 - 1869) etwa 100 Jahre früher diese Zuversicht in seinem Lied Kein schöner Land in dieser Zeit ausgedrückt: "Nun Brüder eine gute Nacht, der Herr im hohen Himmel wacht". Ebenfalls im Refrain dieses Abschiedslieds wünschen sich die Singenden gegenseitig ein Lebewohl und hoffen auf ein Wiedersehen.

In der zweiten Strophe beschreibt der Dichter in romantisch anmutenden Metaphern die einbrechende Dämmerung. Laue mag hier daran gedacht haben, dass wir nach des Tages Arbeit langsam zur Ruhe kommen sollten, ähnlich wie es im Volksmund heißt: "Morgen ist auch noch ein Tag".

Dass wir uns der Vergänglichkeit des Lebens gegenwärtig sein sollen, daran erinnert uns der Dichter in der dritten Strophe, die zugleich eine indirekte Mahnung ist, die uns verbleibende Zeit zu nutzen. Seinen Gedanken. In dem zuvor von ihm geschaffenen Lautenlied Wen das Herz nicht müde macht, formuliert Laue, Pfadfinder sind "immer auf der Wanderschaft in das große Leben". Diesen Gedanken greift er hier in der Zeile "Wir kommen her und gehen hin" erneut auf.

Im Gegensatz zu der Zeile der ersten Strophe "Die Zukunft liegt in Finsternis und macht das Herz uns schwer" heißt es in der vierten Strophe auf einmal "das Leben ist ein Spiel". Auch in späteren DPSG-Liederbüchern wie von Laute schlag an (zweite Auflage 1962) oder Unser dickes Liederbuch (1985) ist diese Aussage nicht geändert worden, so dass es sich nicht um einen Setzfehler handeln kann. Heißt das, dass man das Leben leicht nehmen soll, das es nur darauf ankomme, es "recht zu spielen"?

In der Mundorgel, die von ihren christlichen Herausgebern ursprünglich nur für die Mitglieder des CVJM (Christlicher Verein junger Menschen, bis in die 1970er Jahre: Männer) vorgesehen war, heißt es stattdessen: "das Leben ist kein Spiel, nur wer es recht zu leben weiß, gelangt ans große Ziel".

Obwohl im Lied nicht gesagt wird, worin das Ziel besteht, ist davon auszugehen, dass sowohl der St. Georg Pfadfinder Laue als auch die Mundorgel-Herausgeber damit im christlichen Sinn das ewige Leben gemeint haben. Allerdings waren sie sich über den Weg dahin nicht einig.

Die letzte Strophe haben viele Pfadfindergruppen leicht geändert. Statt "Nehmt Abschied, Brüder" singen sie "...Pfadis" und statt "Lebt wohl, auf Wiedersehn" wünschen sie "Gut Pfad, auf Wiedersehn".

Rezeptionsgeschichte

In Deutschland wurden die vier Verse von Laue durch das Singen in der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG) bekannt, gefördert durch die Veröffentlichungen in der damaligen DPSG-Verbandszeitschrift Die große Fahrt (1950) und in den ersten (Nachkriegs-) Liederbüchern Laute schlag an, herausgegeben von Claus Ludwig Laue (1951) und Hans Riedigers Die Fidel (Band III/IV, 1951).

Bald übernahmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz weitere Liederbücher, überwiegend von Jugendorganisationen, das Lied. Die wachsende Popularität in Deutschland ist vor allem dem Liederbuch Die Mundorgel mit seinen hohen Auflagen zu verdanken.

Im Katalog des Deutschen Musikarchivs, Leipzig, sind für mich erstaunlicherweise nur 27 Schallplatten bzw. CDs aufgeführt. Betrachtet man dagegen die Anzahl der Notenausgaben (143) kann man zu Recht sagen, dass Nehmt Abschied Brüder häufiger gesungen als angehört wird. Im Vergleich zu vielen Chören, darunter der Montanara Chor, haben nur wenige bekannte Interpreten das Lied in ihr Repertoire aufgenommen, darunter der Opernsänger Günther Wewel, die Popsängerin Nicole und die Gruppe Die toten Hosen. Auf dieselbe Melodie hat Hannes Wader 1995 eine eigene Version mit dem Titel und der ersten Zeile "Wer weiß, was uns die Zukunft bringt" auf seinem Album Zehn Lieder veröffentlicht.

Auld Lang Syne dagegen haben Weltstars wie Rod Stewart, Jimmy Hendrix, Bruce Springsteen, ACDC und vielen andere auf Tonträgern mit hohen Auflagen gesungen. Mit Should old acqaintance be forgot, dem nach Happy Birthday wohl bekanntesten Lied unseres Planeten nimmt das Publikum in Großbritannien Abschied bei der Night of the Proms.

In deutschsprachigen Ländern wird Nehmt Abschied Brüder nicht nur von den Pfadfindern auf nationalen Singetreffen, auf Singewettstreiten und Bundes(zelt)lagern, sondern auch von anderen Gruppierungen und manchmal sogar von Trauernden am Grab Verstorbener gesungen.

Georg Nagel, 02.12.2017