Mariechen saß weinend im Garten

Joseph Christian Freiherr von Zedwitz (1832)

Musiknoten zum Lied Mariechen saß weinend im Garten

Liedtext

Mariechen saß weinend im Garten,
im Grase lag schlummernd ihr Kind.
Mit ihren goldblonden Locken
spielt säuselnd der Abendwind.
Sie war so müd und traurig,
so einsam, geisterbleich.
Die dunklen Wolken zogen
und Wellen schlug der Teich.

Der Geier steigt über die Berge,
die Möve zieht stolz einher.
So weht ein Wind von ferne,
schon fallen die Tropfen schwer.
Schwer von Mariens Wangen
eine heiße Träne rinnt:
sie hält in ihren Armen
ein kleines, schlummerndes Kind.

"Hier liegst du so ruhig von Sinnen,
Du armer, verlassener Wurm!
Du träumst von künftigen Sorgen,
die Bäume bewegt der Sturm.
Dein Vater hat dich verlassen,
dich und die Mutter dein;
drum sind wir arme Waisen
auf dieser Welt allein.

Dein Vater lebt herrlich, in Freuden;
Gott lass' es ihm wohl ergehn!
Er gedenkt nicht an uns beide.
will mich und dich nicht sehn.
Drum wollen wir uns beide
hier stürzen in die See;
dann bleiben wir verborgen
vor Kummer, Ach und Weh!"

Da öffnet das Kind die Augen,
blickt freundlich sie an und lacht;
Die Mutter, vor Freuden sie weinet,
drückt's an ihr Herz mit Macht.
"Nein, nein, wir wollen leben,
wir beide, du und ich!
Dem Vater sei's vergeben:
wie glücklich machst du mich!"

Der Text von Mariechen saß weinend im Garten stammt von dem österreichischen Offizier und Landadeligen Joseph Christian Freiherr von Zedlitz und Nimmersatt (1790 - 1862), der auch Lustspiele und andere Gedichte geschrieben hat. Zuerst veröffentlicht wurde der Text 1832, ursprünglich unter dem Titel "Mariechen saß am Rocken" in von Zedlitz‘ "Gedichte".

Der Volksliedforscher Franz Magnus Böhme (1827 - 1898) gibt in seiner Liedersammlung "Volksthümliche Lieder der Deutschen aus dem 18. und 19. Jahrhundert" (S. 366) an: "Melodie und Text mehrfach aus dem Rheinlande". Nicht bekannt ist, wie der Text aus Österreich ins Rheinland gelangt ist. Gemäß dem Volksliedsammler Theo Mang war die "Walzermelodie Ende der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts in allen Bevölkerungsschichten bekannt" (Der Liederquell, 2015, S. 325).

Gesänge wie Mariechen saß weinend im Garten, Sabinchen war ein Frauenzimmer oder In Hamburg, da bin ich gewesen wurden häufig von Dienstmägden und Küchenmamsells (Köchinnen) gesungen und daher ›Küchenlieder‹ genannt. Erstaunlich ist, dass der Text von einem Adeligen geschrieben wurde. Wahrscheinlich war der Freiherr von Zedlitz ein mitfühlender Dichter, der derartige Schicksalsschläge aus seinem Hofgesinde kannte. Jedoch bietet der Text der verlassenen Mutter nur aufmunternde Worte und keine soziale Perspektive. Wie Xaver Frühbeis in einer Sendung des Bayerischen Rundfunks Klassik ausführt, hat es von Zedlitz auch in anderen Gedichten bei der Beschreibung von Missständen belassen. "Der Dichter Grillparzer nämlich hat dem Freiherrn, der dazu wohl auch noch etwas beleibt gewesen ist, ein kleines Spottgedicht geschrieben: ›Gott erhalte unsern Zedlitz, Gott erhalt' ihn fett und feist, allen Menschen Gutes gönnend, doch - wie billig - sich zumeist‹“ (BR Klassik, 28.12.10, 12.05 - 13.00 Uhr, Mittagsmusik).

Interpretation

Der Text von Mariechen saß weinend im Garten beginnt geheimnisvoll. In der ersten Strophe erfahren wir lediglich, dass eine Mutter namens Mariechen ihr schlafendes Kind betrachtet, während der Abendwind mit dessen "goldblonden Locken spielt". Warum die Mutter "müd, traurig und einsam" ist und warum Mariechen heftig weint (2. Strophe), können wir aufgrund der "dunklen Wolken" nur vermuten.

Erst der dritten Strophe können wir entnehmen, dass das Kind vom Vater verlassen worden ist. Offen bleibt, ob es ein uneheliches Kind ist oder sich der Ehemann auch von seiner Frau getrennt hat. Für den Volksliedforscher Heinz Rölleke scheint es klar zu sein, dass es sich um "eine uneheliche Mutter" handelt (vgl. Das große Buch der Volkslieder, 1993, S. 338).

Erstaunlich ist, dass Mariechen dem Vater wünscht, dass Gott es ihm wohl ergehen lassen möge. Sie hat doch allen Grund, auf den Vater böse zu sein: er hat sie verlassen, denkt nicht an Mutter und Kind und will beide nicht sehen. Daher trägt sie sich mit dem Gedanken an Selbstmord, zusammen mit ihrem Kind. Dann, so glaubt sie, müssten sie nicht länger leiden.

Hat die Mutter erst vor tiefer Traurigkeit über ihr Schicksal "heiße Tränen" vergossen, so weint sie jetzt vor Freude, als ihr Kind aufwacht, sie freundlich anblickt und anlacht. Vergessen sind die Selbstmordgedanken, das Leben soll weiter gehen. Mit ihrer Entscheidung weiterzuleben, kann sie dem Vater vergeben und sie ist gewiss, dass sie mit ihrem Kind zusammen glücklich wird.

Statt der oben gezeigten fünften Strophe wurde gegen Ende des Ersten Weltkriegs auch folgende Strophe gesungen:

So saß Mariechen am Strande
In manch langer, dunkler Nacht
Bis dass aus fernem Lande
Ein Schiffer die Botschaft bracht:
Das Kind auf deinem Schoße
hat keinen Vater mehr
Es ruht ein braver Matrose
Im weiten tiefen Meer.

Der Vater hat Mutter und Kind nicht verlassen, sondern musste Soldat werden. Der "brave Matrose" ist auf See zu Tode gekommen und kann deshalb nicht nach Hause kommen. Das oberbayerische Volksmusikarchiv ist der Auffassung, dass dieser Text offenbar "als politische Propaganda" dem Lied hinzugefügt worden ist (vgl.: Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern).

Rezeption

Das Lied wurde bereits fünf Jahre, nachdem von Zedwitz den Text gedichtet hatte, mit der noch heute bekannten Walzermelodie in ›Die Volkslieder der Deutschen‹ (Band V, 1836) des Liedersammlers Friedrich von Erlach aufgenommen.

Durch Moritaten- und Bänkelsänger, die ihren Gesang häufig auf einer Drehorgel begleiteten und mit Hilfe von Bildern unterstützten, wurde das Lied, dessen Melodie sich auf das Studentenlied ›Warum sollt im Leben ich nach Bier nicht streben‹ bezieht (vgl.: Heinz Rölleke, Das große Buch der Volkslieder, 1993, S.338), auf Jahrmärkten und Plätzen verbreitet. Häufig verkauften die Sänger Flugblätter oder Texthefte, und bald wurde das Lied in allen Schichten der Bevölkerung populär. Besonders beliebt war es in Kreisen, die das Schicksal der alleinstehenden Frau mit ihrem Kleinkind nachvollziehen konnten. Und da das Mariechen von Dienstmägden und vor allem Köchinnen bei der Arbeit gesungen wurde, kam für diese Art von Lieder der Begriff Küchenlieder auf.

Mit der wachsenden Popularität nahmen auch andere Liederbücher Mariechen saß weinend im Garten in ihr Repertoire auf. So fand es Eingang in das ›Deutsche Soldatenliederbuch‹ (1892) und sogar in die Schweizer Volksliedersammlung ›Schwyzerschlag‹ (1923), die mit 10 Strophen zeigt, wie stark das Lied im Volk lebte, dass sogar zusätzliche Strophen gedichtet wurden. Dass es in ganz Deutschland verbreitet war, ist auch aus den zahlreichen regionalen Liederbüchern zu ersehen, wie z.B. ›Volkslieder aus der badischen Pfalz‹ (1902) oder ›Die Odenwalder Spinnstube‹ (1910).

In der Zeit des Nationalsozialismus gab es allerdings nur wenige Gebrauchsliederbücher, die das Küchenlied aufgenommen hatten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Beliebtheit des Liedes ungebrochen. Außer der Mundorgel (1953) trugen auch viele auflagenstarke Taschenbücher der Verlage, dtv, Heyne, Schneider, Weltbild und die gleichnamige Veröffentlichung der Deutschen Buchgemeinschaft zur anhaltenden Popularität des Liedes bei.

Im Katalog des Deutschen Musikarchivs sind 75 Tonträger, fast ein Drittel davon Schallplatten, mit dem Titel Mariechen saß weinend im Garten zu finden. Von zahlreichen Musikgruppen abgesehen, sind von den Solisten, die das Lied interpretiert haben, der Schlagersänger Tony Marshall und die Volkssängerinnen Maria und Margot Hellwig zu erwähnen.

Georg Nagel, 10.02.2018