Maria durch ein' Dornwald ging

Volkslied

Musiknoten zum Lied Maria durch ein' Dornwald ging

Liedtext

Maria durch ein' Dornwald ging.
Kyrieleison!
Maria durch ein' Dornwald ging,
der hatte in sieben Jahr'n kein Laub getragen!
Jesus und Maria.

Was trug Maria unterm Herzen?
Kyrieleison!
Ein kleines Kindlein ohne Schmerzen,
das trug Maria unter ihrem Herzen.
Jesus und Maria.

Da haben die Dornen Rosen getrag'n;
Kyrieleison!
Als das Kindlein durch den Wald getragen,
da haben die Dornen Rosen getragen!
Jesus und Maria.

Wie soll dem Kind sein Name sein?
Kyrieleison!
Der Name, der soll Christus sein,
das war von Anfang der Name sein!
Jesus und Maria.

Wer soll dem Kind sein Täufer sein?
Kyrieleison!
Das soll der Sankt Johannes sein,
der soll dem Kind sein Täufer sein!
Jesus und Maria.

Was kriegt das Kind zum Patengeld?
Kyrieleison!
Den Himmel und die ganze Welt,
das kriegt das Kind zum Patengeld!
Jesus und Maria.

Wer hat erlöst die Welt allein?
Kyrieleison.
Das hat getan das Christkindlein,
das hat erlöst die Welt allein!
Jesus und Maria.

Karaoke

Das Adventslied Maria durch ein Dornwald ging ist eigentlich ein Wallfahrtslied, das im 19. Jahrhundert zunächst mündlich im thüringischen Eichsfeld und im Bistum Paderborn verbreitet war.

Obwohl es Erwähnungen des Liedes oder eines mit ähnlichem Titel bis zurück ins 16. Jahrhundert gibt, gilt als ältester Beleg die von August von Haxthausen und Dietrich Bocholtz-Asseburg herausgegebenen Geistliche Volkslieder mit ihren ursprünglichen Weisen gesammelt aus mündlicher Tradition und seltenen alten Gesangbüchern.Paderborn 1850, S. 164f.

Diese Drucklegung machte Maria durch ein Dornwald ging in bürgerlichen Kreisen bekannt. Doch richtig verbreitet wurde es erst durch die Jugend- und Singbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts.

Um 1910 erschien das Lied mit den heute bekannten drei Strophen im Jugenheimer Liederblatt, zwei Jahre später im Zupfgeigenhansl (Hrsg. von Hans Breuer, 9. Aufl. Leipzig 1912, S. 90) und 1914 im Liederbuch Der Spielmann. Im Gotteslob ist das Lied unter Nummer 224 abgedruckt.

Mit der Verbreitung in der Jugendbewegung erfuhr Maria durch ein Dornwald ging allerdings auch einen Wandel, weg vom geistlichen Wallfahrtslied und hin zum volkstümlichen Volkslied. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts avancierte das Lied zu einem der populärsten deutschsprachigen Weihnachtslieder, das von vielen namhaften Künstlern interpretiert wurde. Mittlerweile ist das Lied auf mehr als 320 Tonträger enthalten. Neben Chören wie die Wiener Sängerknaben, der Thomaner Chor Leipzig und der Mainzer Domchor, sangen das Lied auch Schlagergrößen wie Helene Fischer, Vicky Leandros, Mary Roos und Katja Ebstein. Wie beliebt das Lied heute ist, zeigt auch ein Blick auf Youtube. Dort werden zur Eingabe "Maria durch ein Dornwald ging" rund 23.600 Treffer aufgelistet.

Während die Herausgeber der Geistliche Volkslieder sieben Strophen präsentieren, werden heute meist nur noch die ersten drei gesungen.

Tom Borg, 18. Dezember 2016

Biblische Bezüge

Als ich einige meiner evangelischen oder nichtchristlichen Freunde und Bekannten fragte, ob sie Maria durch ein‘ Dornwald ging kennen würden, verneinten viele die Frage. Als ich ihnen den ersten Vers vorlas bzw. vorsang, war ihnen aber sofort klar, dass es sich um ein Kirchenlied handelt: "Kyrieleison" und "Jesus und Maria" waren für sie eindeutig christliche Konnotationen. Und dann war es selbstverständlich, dass mit Maria die im biblischen Sinn als "Jungfrau Maria“ Bezeichnete gemeint ist.

Ein Dornwald kommt in der Bibel nicht vor, wohl aber gibt es zahlreiche Stellen, in denen Dornen erwähnt werden, so z. B. Dornbusch, Dornstrauch, Disteln und Dornen im Alten Testament und bei Markus, Lukas und Johannes die Dornenkrone im Neuen Testament.

Dass die schwangere Maria durch einen Dornwald ging, der sieben Jahre weder Laub noch Rosen hervorgebracht getragen hatte und auf einmal Rosen blühten, geht auf eine Legende aus dem 16. Jahrhundert zurück. Sieben ist eine in der Bibel häufig vorkommende Zahl: in sieben Tagen hat Gott die Welt geschaffen, es gab die sieben Plagen und in der Offenbarung des Johannes ist von einem Buch mit sieben Siegeln die Rede.

Die Rose gilt als das Symbol der Liebe. Das in der Legende erzählte Wunder, wie sich Dornen in Rosen verwandeln, steht sinnbildlich für sündiges Verhalten, das sich durch die Geburt des Gottessohnes in liebevolles Verhalten wandelt.

Der Name Christus taucht in der Bibel zum ersten Mal im Evangelium des Matthäus auf: "Jakob zeugte Joseph, den Mann Marias, von welcher ist geboren Jesus, der da heißt Christus" (Matth. 1,16). Christos ist die griechische Übersetzung des hebräischen Begriffs Maschiach, "der Gesalbte". Im Alten Testament wurde man zum König gesalbt (vgl. 1. Könige 10). Dass man Jesus bereits bei der Geburt Christus nannte, zeigt die alttestamentarische Erwartung an einen kommenden Erlöser, der für das israelische Volk ein neuer König und zugleich Hohepriester und Prophet bedeuten wird.

Es ist zwar richtig, dass Jesus von Johannes getauft wurde, aber nicht als Kind. Zu den biblischen Zeiten war die Erwachsenentaufe üblich, und auch Jesus ließ sich von Johannes, der inzwischen den Beinamen "der Täufer" erhalten hatte, im Jordan taufen (Matth.3,13).

Von Paten geschweige denn Patengeld, wie heutzutage bei Taufen üblich, ist in der Bibel nicht die Rede. Jedoch gab es von den Drei Weisen aus dem Morgenland kostbare Geschenke in Form von Gold, Weihrauch und Myrrhe (vgl. Matth. 2, 11). Von Gott aber erhält Jesus "den Himmel und die ganze Welt", auf dass er "nicht …die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn selig werde" (Joh. 3, 17). Die Aussage im letzten Vers, das Jesus, hier als "Christkindlein" bezeichnet, der Erlöser ist, wird u.a. durch den Evangelisten Lukas bestätigt: "der Herr …hat besucht und erlöst sein Volk" (Luk. 1,68).

Dieses in der katholischen Kirche bekannte Lied wird besonders gern in der Adventszeit gesungen. Betrachtet man die äußere Form, so fällt auf, dass in geradezu katechetischer Weise alle Verse mit einer rhetorischen Frage beginnen, die dann - nach dem kurzen Kyrieleison (Herr, erbarme dich) - eindeutig und in aller Klarheit beantwortet wird.

Am Schluss jeder Strophe werden "Jesus und Maria" quasi wie in einem Atemzug genannt; darin zeigt sich die Bedeutung, die die katholische Kirche Maria zuweist. Maria wird angebetet als "Heilige Maria, Mutter Gottes". Aus dieser Sicht werden ihr sogenannte Marienlieder, wie auch Maria durch ein’n Dornwald ging, gewidmet.

Georg Nagel, 4.11.2017