Jetzt fängt das schöne Frühjahr an

Volkslied (19. Jh.)

Volksweise (19. Jh.)

Musiknoten zum Lied Jetzt fängt das schöne Frühjahr an

Liedtext

Jetzt fängt das schöne Frühjahr an,
und alles fängt zu blühen an
auf grüner Heid und überall.

Es blühen Blümlein auf dem Feld,
sie blühen weiß, blau, rot und gelb;
so wie es meinem Schatz gefällt..

Jetzt leg ich mich in'n grünen Klee,
da singt das Vöglein auf der Höh,
weil ich zu mein'm Feinsliebchen geh.

Jetzt geh' ich über Berg und Tal,
da hört man schon die Nachtigall
auf grüner Heid und überall.

Jetzt geh ich in den grünen Wald,
da such ich meinen Aufenthalt,
weil mir mein Schatz nicht mehr gefallt.

Das Lied Jetzt fängt das schöne Frühjahr an ist laut der Mehrheit der mir zugänglichen Liederbücher rheinischen Ursprungs; es stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Verfasser des Textes ist unbekannt; die Melodie ist eine alte Volksweise, die schon im 17. Jahrhundert bekannt gewesen sein soll (vgl. Theo Mang, ›Der Liederquell‹, 2015, S. 94).

Ursprünglich hatte das Lied 12 Strophen mit dem Titel ›Die Ungetreue‹; so ist es auch in der 1855 veröffentlichten Liedersammlung ›Fränkische Volkslieder‹, Band II, Weltliche Lieder des Volksliedforschers Friedrich Wilhelm von Ditfurth (1801 - 1880) vertreten. Ein Jahr später fand das Lied, mal mit acht, mal mit zehn Strophen unter dem Titel ›Das ungetreue Schätzchen‹, Aufnahme in Ludwig Erks (1807 – 1883) ›Deutscher Liederhort‹.

Betrachtet man die oben ausgewiesenen Verse, so gibt der Text keinen Hinweis, warum es sich bei dem "Feinsliebchen" um ein "ungetreues Schätzchen" handeln soll. Bestenfalls deutet der fünfte Vers an, dass etwas Ernstes vorgefallen sein muss, da dem Sänger sein "Schatz nicht mehr gefällt".

Ansonsten beschreibt das Lied, die Freude darüber, dass es (endlich) Frühling wird und alles grünt und blüht. Mit diesen "Frühlingsgefühlen" zieht es den Sänger zu seinem "Feinsliebchen". Die Wanderung über Berg und Tal nimmt er gern auf sich, zumal ihn "die Vöglein" mit ihrem Gesang begleiten und auch die Nachtigall zu hören ist.

Die Stimmung des Sängers ist nachvollziehbar: es ist Frühling, erwartungsvoll schreitet er aus und er freut sich auf seine Freundin. Doch dann schlägt seine Stimmung um, warum geht aus dem fünften Vers nicht hervor. Der Sänger zieht sich in den Wald zurück, weil ihm sein Schatz nicht mehr gefällt. Mit dem "Schatz" ist nach einer Interpretation des Musikwissenschaftlers Norbert Linke "das alte Jahr bzw. der vergangene Winter gemeint, von dem es Abschied zu nehmen gilt" (vgl. Liederbuch ›Kein schöner Land‹, 1983, S. 130). Abgesehen davon, dass kein weiterer der mir bekannten Volksliedforscher oder -sammler diese Meinung vertritt, spricht sowohl die erste Strophe als auch die Herkunft des Liedes dagegen.

Die fünfte Strophe muss viele Herausgeber von Liederbüchern irritiert haben, und so haben sie diese in ihren Ausgaben einfach weggelassen, in vielen Fällen auch gleich die dritte Strophe. Daher sind in der Mehrheit der mir online und in Privatbibliotheken zugänglichen Liederbücher, vor allem in Schulbüchern, drei Strophen (s. oben 1, 2 und 4), aber auch vier Strophen (1 bis 4) aufgeführt.

Varianten und Rezeption

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurde Jetzt fängt das schöne Frühjahr an in verschiedenen Fassungen in ganz Deutschland gesungen (vgl. Theo Mang, ›Der Liederquell‹, 2015, S. 94). Dazu haben vor allem die oben erwähnten Liedersammlungen und die weit verbreitete Neuausgabe des ›Deutscher Liederhort‹ 1893 beigetragen, der von dem Hochschulprofessor und Volksliedforscher Franz Magnus Böhme überarbeitet und bis 1894 auf drei Bände ergänzt wurde.

Waren es 1855 in Ditfurths ›Fränkischen Volksliedern‹ noch 12 Strophen, so reduzierte Erk das Lied 1856 in seinem Liederhort auf 10 und eine Variante auf 8 Strophen.

Unabhängig von der Anzahl der Strophen wird in allen Liedvarianten klar, warum das Lied einmal ›Die Ungetreue‹ oder ›Das ungetreue Schätzchen‹ heißt. Hier sollen nur die drei zusätzlichen Strophen des 8-strophigen Liedes aus Erks ›Liederhort‹ vorgestellt werden; die Texte der übrigen fünf Strophen sind identisch oder weichen nur unwesentlich von der oben aufgeführten Version ab.

3. Und wenn sich Alles lustig macht
|: Geh ich zum Schätzlein bei der Nacht. :|

5. Als ich vor ihr Schlaffenster hin,
Da hör‘ ich schon ein And’ren drin;
Da sagt ich, daß ich nicht mehr käm'.

7. Hab ich dich nicht recht treu geliebt,
Und dir hab‘ dein Herz niemals betrübt,
Aber du führst eine falsche Lieb'!

Der Frühling naht, alles scheint in Ordnung zu sei, doch die Vorfreude des Sängers auf sein Schätzlein wird schlagartig getrübt, als er bereits einen Nebenbuhler in der Schlafkammer hört. Dass er daraufhin nicht mehr zu seiner Freundin kommen will, ist ebenso nachzuvollziehen wie seine Enttäuschung und die anschließenden Vorwürfe.

›Deutsches Lautenlied‹. eines der ersten mir bekannten Liederbücher mit fünf Strophen. erschien im Jahr 1916. Zum ersten Mal mit vier Strophen folgte 1925 das vom Musikpädagogen Fritz Jöde heraus gegebene Liederbuch ›Musikantenlieder‹. Seitdem ist es häufig auf sogar drei Strophen gekürzt worden. Aus der "ursprünglichen Schilderung eines missglückten Fenstergangs (Fensterln) wurde das Lied durch Kürzungen der erzählenden Strophen", so der Liedforscher Ernst Klusen, "zu einem heute …weit verbreiteten Naturlied" (›Deutsche Lieder‹, 51. - 100. Tsd. Auflage 1981, S. 822).

In der NS-Zeit ist Jetzt fängt das schöne Frühjahr an in viele Liederbücher der Nazi-Organisationen mit drei oder vier Strophen aufgenommen worden. Auch in Liederbücher der DDR wurde das Lied nur mit drei Strophen aufgenommen, z.B. in >Reicht euch die Hände - Liederbuch des Friedens< und mit vier Strophen in das ›Liederbuch der Freien Deutschen Jugend Leben – kämpfen – singen‹ (1985, 17. Auflage). Das österreichische Liederbuch ›Komm sing mit‹ enthält die Strophen 1, 2 und 4 (s. o.). Nach dem Krieg überwiegen in Deutschland die Liederbücher ohne die fünfte Strophe, die einen Zusammenhang mit den ersten vier Strophen nicht erkennen lässt.

Der Katalog des Deutschen Musikarchivs wies Anfang Februar 2018 30 Tonträger und 115 Notenausgaben aus. Zu den Interpreten des Liedes gehören vorwiegend Jugend- und Kinderchöre, darunter die Regensburger Domspatzen und der Tölzer Knabenchor; als Solist ist der Tenor Peter Schreier zu nennen. Wie beliebt das Lied auch heute noch ist, zeigen auch die nahezu 50 Videos bei You Tube.

Georg Nagel, 25.02.2018