In einem kühlen Grunde

Joseph von Eichendorff (1800)

Musiknoten zum Lied In einem kühlen Grunde

Liedtext

In einem kühlen Grunde,
da geht ein Mühlenrad;
mein Liebchen ist verschwunden,
das dort gewohnet hat.
Mein Liebchen ist verschwunden,
das dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu' versprochen,
gab mir ein' Ring dabei,
sie hat die Treu gebrochen:
Das Ringlein sprang entzwei.

Ich möcht' als Spielmann reisen
weit in die Welt hinaus
und singen meine Weisen
und gehn von Haus zu Haus.

Ich möcht' als Reiter fliegen
wohl in die blut'ge Schlacht,
um stille Feuer liegen
im Feld bei stiller Nacht.

Hör' ich das Mühl'rad gehen,
ich weiß nicht, was ich will -
ich möcht' am liebsten sterben,
dann wär's auf einmal still.

Herkunft und Entstehung

In einem kühlen Grunde dichtete Joseph von Eichendorff (1788 - 1857) um 1809/10. Anlass für das Verfassen des Gedichts war eine unglückliche Liebe Eichendorffs. Nach der Veröffentlichung seiner Tagebücher 1908 wurde offenbar, dass Eichendorff als Student in Heidelberg 1807/08 eine Liebesbeziehung zu einem Mädchen in Rohrbach (bei Heidelberg) hatte, deren Namen er im Tagebuch mit »K.« abkürzte. Als das Tagebuch in Rohrbach bekannt wurde, meinten die Rohrbacher im Zusammenhang mit dem Text »In einem kühlen Grunde, da geht ein Mühlenrad«, es könne sich nur um eine schöne Müllerstochter aus ihrem Ort handeln.

Zu Eichendorffs Zeit vor 200 Jahren besaß Rohrbach in einem zur Rheinebene abfallenden Seitental zwar fünf Wassermühlen, aber keinen »kühlen Grund«. Als Rohrbach im Jahre 1927 zu Heidelberg eingemeindet wurde, nutzte man die Chance zur Umbenennung dieses Weges in den touristenanziehenden ›Kühlen Grund‹.

Es dauerte noch etliche Jahre bis das »K.« in Eichendorffs Tagebuch entschlüsselt wurde. Endgültige Klarheit schuf erst der Pfarrer Karl Otto Frey in einem Forschungsbericht (1938). Es war Katharina (Käthchen) Förster, die Tochter des Küfermeisters Johann Georg Förster, also keine Müllerstochter. Jedoch gab es eine Verbindung zu einer Wassermühle, da Käthchens Onkel Johann Jakob Förster Eigentümer der ›Förstermühle‹ war.

Eichendorffs Tagebuch bricht im April 1808 plötzlich ab. Es wird vermutet, dass er in seinem Gedicht ›Das zerbrochenen Ringlein‹, so der ursprüngliche Titel, seinen Schmerz über ein treuloses Mädchen von der Seele geschrieben hat.

Zum ersten Mal veröffentlicht wurde das Gedicht 1813 in dem von Justinus Kerner und Ludwig Uhland herausgegebenen Almanach Deutscher Dichterwald mit der schlichten Überschrift ›Lied‹ und unterzeichnet mit ›Florens‹, dem Namen, den Eichendorff im Heidelberger Kreis (einer Gruppierung innerhalb der deutschen Romantik) erhalten hatte.

Der damaligen Theologiestudent und spätere Pfarrer Friedrich Glück (1793 - 1840) komponierte 1814 die Melodie zu dem Gedicht für sein Gesangsquartett.

Liedbetrachtung

Anregungen zu dem Gedicht hat Eichendorff aus älteren Volksliedern gewonnen, z.B. aus den aus dem 18. Jahrhundert stammenden Liedern Da droben auf jenem Berge (nicht zu verwechseln mit Goethes gleichnamigem Gedicht) , Strophe fünf »da treibet das Wasser ein Rad« und sechs »das Mühlrad ist zerbrochen« und Da drunten in jenem Tale, Strophe eins »da treibet das Wasser ein Rad« und Strophe zwei »das Mühlrad ist zersprungen«.

Für Liedforscher deutet sich schon in den ersten Zeilen ein trauriges Ereignis an, da im 18. Jahrhundert die Mühle als Schauplatz einer unglücklichen Liebe galt und das zerbrochene Ringlein als Treuebruch (vgl. (Heinz Rölleke, Das große Buch der Volkslieder, 1993, S. 204; Thomas Mang, Der Liederquell, 2015, S. 311).

Die Folgezeilen bestätigen dies: das vom lyrischen Ich als Liebchen bezeichnete Mädchen ist verschwunden. Obwohl sie ihrem Liebsten einst versprochen hat, treu zu sein, hat sie ihm den von ihm erhaltenen (Verlobungs-?) Ring zurückgegeben. Die Metapher, »das Ringlein sprang entzwei« drückt die Endgültigkeit der Trennung aus.

So wie der Ring entzwei sprang, so ist auch das Herz des Liebsten gebrochen. Er mag nicht länger am Ort seiner Liebe verweilen, sondern möchte am liebsten weit in die Welt hinaus reisen. Seine Vorstellung, als Spielmann singend von Haus zu Haus ziehen, dürfte als eine Überkompensation seiner Niedergeschlagenheit anzusehen sein.

Nachvollziehbar ist sein Wunsch in den Krieg zu ziehen, sich kämpfend zu beweisen, um dann abends endlich zur Ruhe zu kommen und am Lagerfeuer zu liegen.

Zwischen Spielmann und Kämpfer hin und her gerissen, gesteht er sich ein, weder ein noch aus zu wissen. Daher kommt er auf den Gedanken, am liebsten sterben zu wollen. Aber noch dreht sich das Mühlrad, und so besteht die Hoffnung, dass seine Todessehnsucht nur vorübergehend war.

In einer Variante der letzten Strophe (aus Volkslieder von der Mosel und Saar nach L. Röhrich und R.W. Brednich, Deutsche Volkslieder. Texte und Melodien, 1967, Band II, S. 434) heißt es:

Hör‘ ich ein Mühlrad gehen,
ich weiß nicht, was es will:
Am liebsten möcht‘ ich sterben!
Dann stand‘s auf einmal still.

Hier wird deutlich, dass einst ein stehendes Mühlrad symbolisch für Herzstillstand und Tod stand (vgl. oben Rölleke und Mang).

Angeregt durch Eichendorffs In einem kühlen Grunde hat Justinus Kerner (1786 - 1862) sein Gedicht Dort unten in der Mühle 1830 verfasst und die Melodie von Friedrich Glück (s. o.) übernommen. In der sechsten und letzten Strophe seines Liedes greift Kerner das Bild des still gestandenen Mühlrads auf, wobei die vier Bretter den Sarg darstellen:

Vier Bretter sah ich fallen,
mir ward’s um Herze schwer;
Ein Wörtlein wollt‘ ich lallen,
da ging das Rad nicht mehr.

Rezeption

Nachdem Friedrich Silcher 1825 dem Lied zu einen Männerchorsatz 1825 veröffentlicht hatte, wurde das das Lied vor allem in Gesangvereinen populär. Ferner trugen im 19. Jahrhundert vor allem die Sammelwerke von Kretschmer und Zuccalmaglio Deutsche Volkslieder mit ihren Originalweisen (1840), Hoffmanns von Fallerslebens Deutsches Volksgesangbuch (1848) und Schauenburgs Allgemeines Commersbuch 1888 (1914 101. Bis 110. Auflage) zur Popularität des Liedes bei.

Anfang des 20. Jahrhunderts erschienen zahlreiche Liederbücher für Studenten und Wandervögel und 1915 die weit verbreitete Liedersammlung von Ludwig Erk und Ernst Friedländer Deutscher Liederschatz.

1933 erlebte das Lied die 24. Auflage des Liederbuchs für Schule und Haus Kling Klang Gloria, und es fand Eingang in diverse NS-Liederbücher und in das Chorliederbuch für die deutsche Wehrmacht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen einige Liederbücher ohne die martialische 4. Strophe. Gleich in zwei Versionen ist es in der zweibändigen Sammlung der Volksliedforscher L. Röhrich und R.W. Brednich Deutsche Volkslieder (1967) vertreten.

Wie populär Eichendorffs In einem kühlen Grunde auch in den 1970er Jahren war, zeigt sich, dass es Eingang fand in den weit verbreiteten Sammelband Volkslieder aus fünfhundert Jahren von Ernst Klusen (1978, 2. Auflage 1981 51. bis 100. Tausend) und in die in relativ hohen Auflagen erschienenen Taschenbüchern des Heyne Verlags Der Deutsche Liederschatz (1975) und Der Deutsche Balladenschatz (1975, 3. Auflage 1976).

Wie gern das Lied gesungen wird, zeigt der Katalog des Deutschen Musikarchivs Leipzig: 62 Partituren für Männerchöre. Da es sich bei den 123 Tonträger fast ausschließlich um Schellackplatten handelt, ist davon auszugehen, dass es heutzutage weniger angehört wird.

Jedoch sprechen die Videos bei Youtube eine andere Sprache. Von den Comedian Harmonists und zahlreichen Chören, darunter der Dresdner Kreuzchor, abgesehen, haben die Tenöre Richard Tauber und Fritz Wunderlich, die Baritone Hermann Prey, Thomas Quasthoff und Max Raabe und die Sopranistin Elisabeth Schwarzkopf das Lied gesungen. Auch Freddy Quinn und Hannes Wader und sogar die Chansonette Mireille Mathieu haben es sich nicht nehmen lassen, auf ihre Art In einem kühlen Grunde zu interpretieren.

Georg Nagel, 17.08.2020