In des Waldes finstern Gründen

Das Lied vom Räuberhauptmann »Rinaldo Rinaldini«

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Musiknoten zum Lied - In des Waldes finstern Gründen

In des Waldes finstern Gründen,
und in den Höhlen tief versteckt,
und in den Höhlen tief versteckt,
schläft der Räuber allerkühnster,
schläft der Räuber allerkühnster,
bis ihn seine Rosa weckt,
bis ihn seine Rosa weckt.

"Rinaldini!" ruft sie schmeichelnd,
"Rinaldini, wache auf!
Deine Leute sind schon munter,
längst schon ging die Sonne auf."

Und er öffnet seine Augen,
lächelt ihr den Morgengruß.
Sie sinkt sanft in seine Arme
und erwidert seinen Kuß.

Draußen bellen laut die Hunde,
alles strömet hin und her;
jeder rüstet sich zum Streite,
ladet doppelt sein Gewehr.

Und der Hauptmann, schon gerüstet,
tritt nun mitten unter sie:
"Guten Morgen, Kameraden!
Sagt, was gibt's denn schon so früh?"

"Unsre Feinde sind gerüstet,
ziehen gegen uns heran."
"Nun wohlan! Sie sollen sehen,
daß der Waldsohn fechten kann!

Laß uns fallen oder siegen!"
Alle rufen: "Wohl, es sei!"
Und es tönen Berg und Wälder
ringsumher vom Feldgeschrei.

Seht sie fechten, seht sie streiten,
jetzt verdoppelt sich ihr Mut;
aber ach! Sie müssen weichen,
nur vergebens strömt ihr Blut.

Rinaldini, eingeschlossen,
haut sich, mutig kämpfend, durch
und erreicht im finstren Walde
eine alte Felsenburg.

Zwischen hohen düstren Mauern
lächelt ihm der Liebe Glück;
es erheitert seine Seele
seiner Rosa Zauberblick.

Rinaldini, lieber Räuber!
raubst der Rosa Herz und Ruh;
ach, wie schrecklich in dem Kampfe
wie verliebt im Schloß bist du!

Lispelnd sprach das holde Mädchen:
"Höre an, Rinaldo mein,
werde tugendhaft, mein Lieber,
lass das Räuberhandwerk sein!"

"Ja, das will ich, liebste Rosa!
Will ein braver Bürger sein, -
und ein ehrlich Handwerk treiben,
stets gedenken dabei dein."

Das von Goethes Schwager Christian August Vulpius (1762—1827) für seinen Räuberroman »Rinaldo Rinaldini« gedichtete Räuberlied wurde im 19. Jahrhundert von Bänkelsängern auf Jahrmärkten zu einer alten Melodie vorgetragen und war damals sehr beliebt. Den Behörden war es jedoch ein Dorn im Auge, weil das Ende des Textes als unmoralisch galt und das Räuberleben verherrlichte. Das Lied wurde verboten und durfte erst wieder öffentlich gesungen werden, nachdem ein Unbekannter - zwanzig Jahre nach dem Tod von Christian August Vulpius - zwei »moralische« Strophen hinzudichtete - hier die Strophen 12 und 13.

Gesungen wird In des Waldes finstern Gründen auf eine Melodie aus dem 18. Jahrhundert, die auch Preisend mit viel schönen Reden unterlegt ist.

Der Figur des Räuberhauptmanns Rinaldo Rinaldini ist das gleiche Schicksal beschieden wie Robin Hood: vom einfachen Volk geliebt, von den Mächtigen gefürchtet und gejagt. Während Robin Hood sein Unwesen im mittelenglischen Sherwood Forest trieb, ist Rinaldinis Leben im Königreich Neapel des 18. Jahrhunderts angesiedelt.

Als literarische Vorlage für Christian August Vulpius 1799 veröffentlichten Roman »Rinaldo Rinaldini, der Räuberhauptmann« wird oft Friedrich Schillers Drama »Die Räuber« angeführt. Doch die Figur Rinaldinis selbst könnte an reale Personen angelehnt sein. Für Vulpius wurde der Roman ein Erfolg, zu dem weitere Fortsetzungen folgten. Darunter auch ein Gedicht mit zunächst elf Strophen, das die Geschichte der Romanfigur zusammenfasst und später um zwei weitere Strophen ergänzt wurde. Im Laufe der Zeit wurde dem Gedicht die vorliegende Melodie unterlegt, was aus der Romanfigur Rinaldo Rinaldini ein beliebtes Volkslied machte, das bis heute gerne gesungen wird. Mit dazu beigetragen hat vermutlich auch die moralische Besinnung des Räuberhauptmanns, der sich seiner Liebsten zuliebe von seinem Räuberleben abwendet und für sie »ein ehrlich Handwerk treiben« möchte.

Tom Borg, 25. April 2024

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