Im grünen Wald, dort wo die Drossel singt

Volkslied

Max Oscheit

Musiknoten zum Lied Im grünen Wald, dort wo die Drossel singt

Liedtext

Im grünen Wald, dort wo die Drossel singt,
Drossel singt,
und im Gebüsch das muntre Rehlein springt,
Rehlein springt,
wo Tann und Fichten stehn am Waldessaum,
verlebt ich meiner Jugend schönsten Traum.

Das Rehlein trank wohl aus dem klaren Bach,
klaren Bach,
während der Kuckuck aus dem Walde lacht,
Walde lacht.
Der Jäger ziehlt schon hinter einem Baum,
das war des Rehleins letzter Lebenstraum.

Getroffen war's und sterbend lag es da,
lag es da,
das man vorher noch lustig hüpfen sah,
hüpfen sah.
Da trat der Jäger aus dem Waldessaum
und sprach: Das Leben ist ja nur ein Traum.

Die Jugendjahr', sie sind schon längst entfloh'n,
längst entfloh'n,
die ich verlebt als junger Jägerssohn,
Jägerssohn.
Er nahm die Büchse, schlug sie an ein' Baum
und sprach: Das Leben ist ja nur ein Traum.

Die Melodie zu Im grünen Wald, dort wo die Drossel singt stammt nachweislich von dem Komponisten zahlreicher Märsche und Tänze Max Oscheit (1880 - 1923). Ob allerdings die Lyrikerin Friederike Kempner (1828 - 1904) tatsächlich die Verfasserin des Textes ist, wie Theo und Sunhilt Mang in ihrer Sammlung Der Liederquell meinen (2015, S. 205), ist bei den Liedforschern umstritten. In vielen Liederbüchern wird weiterhin ›die Schlesische Nachtigall‹ als Dichterin des Liedes angegeben.

Die erste mir zugängliche Veröffentlichung ist 1915 erschienen: Deutsche Lieder – Lieder für Klavier und Gesang.

Liedbetrachtung

Das wegen seiner vermeintlichen Herkunft auch ›Schwarzwaldlied‹ betitelte Lied Im grünen Wald, dort wo die Drossel singt beginnt ganz idyllisch mit einem Rückblick auf die Jugend eines ›Weidmannssohnes‹. Für ihn war vor achtzehn Jahren die Natur noch in Ordnung. Beschrieben wird ein grüner Wald mit Tannen und Fichten und exemplarisch mit seinen Tieren: der Kuckuck singt, das Reh hüpft; und der Bach, aus dem das Reh trinkt, ist noch nicht verschmutzt, sondern führt klares Wasser. Rückblickend meint das Sänger-Ich, die wäldliche Idylle sei sein »schönster Traum« gewesen.

Doch, und das gehört auch zu den Jugenderinnerungen des Förstersohns, die Idylle ist trügerisch. Denn noch während das »Rehlein munter hüpft«, naht sich schon das Unheil. Als Jäger hat er hinter einem Baum dem Reh aufgelauert und erschießt es. Und während das Reh im Sterben liegt, spricht er: »Das Leben ist ja nur ein Traum«. Ob er diese Sentenz wie zum Trost zu dem Reh spricht oder sich selbstbesinnend an seinen eigenen Tod denkt, muss offen bleiben.

Lange ist es her, dass der Förstersohn das erlebt hat. Doch er erinnert sich auch noch an ein weiteres Ereignis: Wie es scheint, hat er ein ungutes Gefühl gehabt, als er das Reh tötete. Vielleicht hat er es bereut, einem munteren Tier sein Leben zu nehmen. Das Geschehene kann er nicht rückgängig machen. Es bleibt ihm nur als Ersatzhandlung, seine Büchse an einem Baum zu zerschlagen; damit nimmt er sich die Möglichkeit, je wieder ein Tier zu erschießen. Zugleich gibt er, auch wenn das nicht unmittelbar dem Lied zu entnehmen ist, seinen Beruf als Förster auf. Jung genug ist er, um eine andere Arbeit zu finden. Und erneut spricht er aus, was er fühlt: »Das Leben ja nur ein Traum«.

Betrachtet man das Lied aufs Neue, fällt auf, dass in allen vier Strophen von Leben als Traum gesprochen wird. Bereits im antiken Griechenland hat sich Platon (424 – 347 v.Chr.) gefragt: »Vielleicht ist das, was wir Leben nennen ein Traum, und das, was wir Traum nennen ein Leben«. Ein Gedanke, den Calderón de la Barca (1600 – 1881) in seinem 1936 erschienenen Versdrama Das Leben ein Traum aufgreift. Die Frage die Calderón beschäftigt hat, könnte sich auch der junge Jägersmann in unserem Lied gestellt haben, nämlich, ob es Schicksal war, das Reh zu töten oder die Tötung seinem freien Willen entsprach. Ob die Schriftstellerin Friederike Kempner, aus gebildetem Elternhaus stammend, auf Platon oder Calderón zurückgriff, ist nicht bekannt. Sicherlich aber hat sie Franz Grillparzers dramatisches Märchen Der Traum ein Leben gekannt, dass 1834 im Wiener Burgtheater uraufgeführt wurde und in dem es – wie in unserem Lied – um den Zusammenhang von Traum und Realität geht.

Rezeption

Während in den 1920er Jahren etliche Liederbücher mit der ›Walddrossel‹, erschienen, kann man die von 1930 bis 2014 herausgekommenen Sammlungen mit unserem Lied an den Fingern beider Hände abzählen. Einige davon sind für Handharmonika, Akkordeon und Mundharmonika gesetzt worden. Nimmt man die Anzahl der Liederbücher als Anhaltspunkt für die Popularität des Liedes, so kann es damit nicht weit her gewesen sein. Auch die im Vergleich zu anderen Volksliedern im Katalog des Deutschen Musikarchiv Leipzig aufgeführten Tonträger (28 Schellackplatten), deuten darauf hin, dass das Lied seine beste Zeit lange hinter sich hat. Der Liedforscher und Sammler Heinz Rölleke hat es gar nicht erst in Das große Buch der Volkslieder (1993) aufgenommen, während es immerhin im zweibändigen Werk Deutsche Lieder von Ernst Klusen und im 750 Lieder umfassenden Liederquell von Theo und Sunhilt Mang vertreten ist.

Eines der wenigen bekannten Liederbücher aus der Zeit des nationalsozialistischen Regimes ist die in Hessen erschienene Sammlung alter und neuer Volkslieder Wie’s klingt und singt. In Liederbüchern von NS-Organisationen und in Schulliederbüchern habe ich es in der Zeit von 1933 bis 1945 nicht gefunden.

Von den nach 1945 herausgegebenen Liedersammlungen sollen hier nur einige wenige erwähnt werden. Wird die Aufnahme des Wanderliedes 1964 in Zünftige Lieder für Leute vom Bau noch verständlich, wenn man an die noch heute bestehenden Zünfte mit ihren heute allerdings freiwilligen Wanderjahren der Handwerksgesellen denkt (vgl. Das Wandern ist des Müllers Lust ), so verwundert es, dass dieses romantische Lied 1983 im Liederbuch der Fallschirmjäger einen Platz gefunden hat.

Betrachtet man die über 100 Videos und deren Aufrufzahlen bei You Tube, so scheint das Lied Im grünen Wald, dort wo die Drossel singt zwar selten gesungen, aber doch relativ oft angehört zu werden. Gespielt wird das ›Jägerlied‹ von Musikkorps der Bundeswehr und anderen Blaskapellen, gesungen wird es u.a. von Heino (neun Videos) und Freddy Quinn (ein Video). Sogar der deutsche Kammersänger Günter Wewel hat Im grünen Wald, da wo die Drossel singt in sein Repertoire aufgenommen.

Georg Nagel, 24.06.2020