Ihr sollt nicht länger leben

(Was wolln wir aber singen)

Volkslied (Anfang 16. Jh.)

Dem Lied liegt historische Dreiecksgeschichte zugrunde: Landgraf Ludwig der Springer von Thüringen verliebte sich in Adelheid, der Gemahlin des Pfalzgrafen Friedrich von Sachsen der auf Schloß Weißenburg lebte. Im Jahr 1065 ermordete er den Nebenbuhler, heiratete die Witwe und zeugte mit ihrfünf Kinder. Der zwischen 1550 und 1600 vielfach auf Flugbättern gedruckte Text änderte jedoch den Ausgang der Geschichte im Einklang mit der herkömmlichen Moral, die ein Happy End nicht akzeptiert hätte.

Volksweise (16. Jh.)

Musiknoten zum Lied Ihr sollt nicht länger leben

Liedtext

Was wolln wir aber singen,
was wollen wir heben an?
Ein Lied von der Frau von Weißenburg,
wie sie ihren Herrn verriet.

Sie tat ein Brieflein schreiben
so fern in fremde Land
zu ihrem Buhlen Friedrich,
auf dass er kam zuhand.

Do ihm die Botschaft käme,
den Brief er überlas,
do wurden ihm seine Wangen
von heißen Zähren naß.

Er sprach zu seinem Knecht:
"Nun sattel uns die Pferd!
Zu der Weißenburg wollen wir reiten,
dahin hab ich gut Recht."

Do sie zu der Weißenburg kamen
Unter das hohe Haus,
Do stund die edle Fraue,
Sach zu ei'm Fenster aus.

"Ich grüß euch, edle Fraue!
Wünsch euch ein guten Tag:
Wo ist eur edler Herre,
dem ich zu dienen pflag?"

"Ihr sollet mich nicht fragen,
doch will ich's euch wohl sagen:
Er ist gestern so späte
mit seinen Hunden aus jagen."

Er sprach zu seinem Knecht:
"Sattel uns bald die Pferd!
Zu der Grünbach will ich reiten,
ist mir wohl Reitens wert."

9. Do sie zu der Grünbach kamen
unter ein Linden grün,
do hielt der edle Herre
mit seinen Hunden kühn.

"Gott grüß euch, edler Herre,
geb euch ein guten Tag,
ihr sollt nit länger leben
denn diesen halben Tag!"

"Soll ich nit länger leben
denn diesen halben Tag.
so klag ichs Gott von Himmel,
der alle Ding vermag."

Er sprach zu seinem Knechte:
"Spann auf dein Armbrust schnell.
Und scheuß den edlen Herren
durch seinen Hals und Kehl!"

"Warum soll ich ihn schießen?
Hat er mir nichts getan;
das muss er heut genießen,
der gut fromm Edelmann."

Ihr Buhl gedacht im Herzen:
"Weh mir hier und auch dort!
Es bringt mir Leid und Schmerzen,
würd ich stiften das Mord."

Do tat ihn überwinden
der Frauen Lieb so groß,
dass er mit seinen Händen
unschuldig Blut vergoss.

Er zog aus seiner Scheiden
ein Messer von Gold so rot
und stach den edlen Herren
unter der Linden zu Tod.

Er sprach zu einem Knechte:
"Nun sattel uns die Pferd!
Zu der Weißenburg wollen wir reiten,
dahin haben wir gut Recht."

"Wollt ihr zu der Weißenburg reiten
und habt dahin gut Recht,
so bitt euch, edler Herre,
dingt euch ein andres Knecht."

Do er zu der Weißenburg kame,
unter das hohe Haus,
do stund die falsche Fraue,
sach zu einem Laden aus.

"Ich grüß euch, falsche Fraue,
wünsch euch ein guten Tag!
euer Will der ist ergangen,
euer edler Herr ist tot!«

"Ist nun mein Will ergangen,
mein edler Herr ist tot:
Bitt ich euch Buhlen Friedrich,
zeigt mir das Botenbrot."

Er zog aus seiner Schneiden
ein Messer von Blut so rot:
"Nun schauet, falsche Fraue,
dies ist das Botenbrot!"

Was zog sie von der Hände?
Von Gold ein Fingerlein:
"Dies tragest, Buhle Friedrich,
wohl durch den Willen mein!"

Er nahm dasselbige Fingerlein
in sein schneeweiße Hand;
er warf es an die Mauren,
dass es in Graben sprang.

"Was soll mir, Frau, eur Fingerlein?
ich mag sein doch nit trag;
Wann ich es an tat schauen,
so hau mein Herz groß Klag."

Sie wand ihr schneeweiß Hände,
rauft aus ihr gelbkraus Haar:
do lag ihr edler Herre
zu der Grünbach auf der Bahr.