Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten

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Musiknoten zum Lied - Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten

Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten,
einer reichen Gräfin an dem Rhein;
Schlangenbisse, die den Falschen quälten,
ließen ihn nicht ruhig schlafen ein.

Zwölfe schlugs, da drang durch die Gardine
plötzlich eine weiße kalte Hand.
Wen erblickt' er? Seine Wilhelmine,
die im Sterbekleide vor ihm stand.

Bebe nicht! sprach sie mit leiser Stimme,
ehmals mein Geliebter, bebe nicht!
Ich erscheine nicht vor dir im Grimme,
deiner neuen Liebe fluch ich nicht.

Zwar der Kummer hat mein junges Leben,
trauter Heinrich, schmerzlich abgekürzt;
doch der Himmel hat mir Kraft gegeben,
dass ich nicht zur Hölle bin gestürzt.

Warum traut ich deinen falschen Schwüren,
baute fest auf Redlichkeit und Treu?
Warum ließ ich mich durch Worte rühren,
die du gabst aus lauter Heuchelei?

Weine nicht, denn eine Welt, wie diese,
ist den Tränen, die du weinst, nicht wert;
lebe froh und glücklich mit Elise,
welche du zur Gattin hast begehrt.

Lebe froh und glücklich hier auf Erden,
bis du einst vor Gottes Thron wirst stehn,
wo du strenger wirst gerichtet werden,
für die Liebe, die du konnt'st verschmähn!

Den Text Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten veröffentlichte der deutsche Epigrammdichter Johann Friedrich August Kazner (1732-1798) im Jahr 1779. Eigentlich hat das Lied zwölf Strophen, doch hat der Volksgesang die Geschichte vom habgierigen Heinrich auf die heute üblichen sieben Strophen zurechtgesungen. Franz Magnus Böhme führt in seinem 1895 veröffentlichten Werk Volkstümliche Lieder der Deutschen unter Nummer 138 mündliche Überlieferungen aus Thüringen (1830), Hessen-Nassau (1880) sowie aus Hessen-Darmstadt und dem Bergischen (Niederrhein) an. Heute ist das Lied im gesamten deutschsprachigen Raum bekannt, wenn auch mit leicht unterschiedlich überlieferten Textvarianten. Gesungen wird Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten nach einer alten Volksweise.

Das Volkslied erzählt von einem jungen Mann, der seine geliebte Wilhelmine verließ, um eine reiche Gräfin heiraten zu können. Ob Heinrich die Verlassene in den Tod aus Liebeskummer und Verzweiflung getrieben oder gar selbst nachgeholfen hat, geht aus dem Text nicht hervor. Doch ihn plagen Gewissensbisse. Des nachts, wenn er neben seiner reichen Gräfin liegt, träumt er von der Toten, die ihm im Traum im Sterbekleid begegnet. Heinrich, der weiß, was er getan hat, fürchtet sich. Doch seine ehemalige Geliebte beruhigt ihn mit sanfter Stimme und sagt ihm »Bebe nicht!« Sie erscheint ihrem untreuen Geliebten nicht aus Rache und verflucht auch nicht die reiche Frau an seiner Seite, sondern fragt sich »Warum traut ich deinen falschen Schwüren, baute fest auf Redlichkeit und Treu?« Sie hatte Heinrich geliebt, ihm vertraut und an ein gemeinsames Leben mit ihm geglaubt.

Doch nun, da sie tot ist, hat sie erkannt, dass ihr ein Leben an der Seite des Geliebten nicht vergönnt ist. Doch sie ist nicht von Hass erfüllt, sondern wünscht ihm »lebe froh und glücklich mit Elise«, denn sie wie, dass Heinrich einst vor Gottes Thron stehen wird und sich vor ihm, der strenger richtet, verantworten muss. Und so liegt die Betonung von »Lebe froh und glücklich hier auf Erden« auf dem letzten Wort. Auf Erden mag er glücklich sein mit seiner reichen Frau, doch dereinst wird er von Gott gerichtet werden. Und so wünscht Elise aus Liebe ihrem untreuen Heinrich alles Glück auf Erden, denn wenn er dereinst vor Gottes Thron stehen wird, wird er sich verantworten müssen »für die Liebe, die du konnt'st verschmähn!« Aus diesen Worten spricht die reine Liebe, die Wilhelmine für ihren Heinrich empfand. Doch dieser wusste die Liebe nicht zu schätzen und entschied sich für die reiche Gräfin. Nun wälzt er sich des nachts von Gewissensbissen und Albträumen geplagt im Bett und kann nicht schlafen weil er seine Wilhelmine, im Sterbekleide vor sich sieht.

Tom Borg, 30. Mai 2024

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