Heiligabendlied (Heiligohmdlied / Heiligobndlied)

(Heut' is der heil'ge Ohmd ihr Mäd)

Johanne Amalie von Elterlein ( um 1799)

Die Schreibweise des Titels variiert. Neben Heiligabendlied sind auch Heiligohmdlied und Heiligobndlied gebräuchlich. Ebenso unterschiedlich sind die Textfassungen, die sich teilweise nur in der Schreibweise de erzgebirgischen Mundart unterscheiden, mitunter jedoch auch komplette Neudichtungen sind.

Musiknoten zum Lied Heiligabendlied (Heiligohmdlied / Heiligobndlied)

Liedtext

Heut' is der heil'ge Ohmd ihr Mäd
kummt rei, mer gießen Blei.
Fritz, laf när glei zr Hannelies
se muß beizeiten rei.

Mer hahm d'n Lächter a'gebrannt;
satt nauf, ihr Mäd, die Pracht.
Do drühm bei euch, is a recht fei,
ihr hot 'ne Sau geschlacht.

Ich hob mer a e Lichtel kaaft,
ver zwee un zwanzig Pfäng'.
Gi Hanne hul ä Tüppel rei,
mei Lächter is ze eng.

Kahr, zindt ä Weihrauchkärzel a,
doß a wie Weihnacht riecht;
unn stell's ner of des Scherbel dort,
dos unnern Ufen liegt.

Lott' dorten of der Hühnersteig
do liegt men' Lob sei Blei.
Mahd raffel fei nett sehr dort rüm,
sist werd der Krienerts scheu.

Denn's Mannsvulk hat sei Frehd an wos,
sei's a an wos ner will.
Mei Voter hot's an Vugelstell'n,
der Kahr, der hot's an Spiel.

Ich gieß fei erst, wann krieg' ich da?
Saht her en Hommerschmied!
De Karlin lacht, die denkt gewiß,
ich man ihr'n Richter Fried.

Mer ham a sächzähn Butterstoll'n,
su lang wie 'n Ufenbank.
Ihr Mäd, do werd' gefräss'n wär'n,
mer wär'n noch alle krank.

Mer ham a Neunerlä gekucht,
a Worscht unn Sauerkraut.
Mei Mutter hot sich o geploocht,
die alte, gute Haut.

Fritz brock de Semmelmillich ei,
nasch oder net derfu.
Ihr Ghunge warft kee Raspel nei
in's heilig Ohm'nd Struh.

War gieht den über'n Schwammentupp?!
Nu Lotte ruh'ste nett!
Wart, wenn när weerd der Voter kumm',
do mußt dee gleich ze Bett.

Nä hurcht ner a mohl in Ufentupp,
dos Rumpeln und dos Geig'n.
Na wenn es när nett winseln tut,
denn sist bedett's noch Leich'n.

Den heiling' Ohmd um Mitternacht,
do läft statt Wasser Wei.
Wenn ich mich ner nett färchten tät,
ich hult 'n Tupp voll rei.

Denn drühm an Nachbar'sch Wassertrug,
do stieht ä grußer Mäh.
Und war nett rächte Totzen hat,
dän läßt er gor nett na.

Lob hul derweil ben Hanne Lieb
'n Voter ä Kännel Bier.
'nochert, wenn de kümmst,
do singe mer: "Ich freue mich in Dir".

Ihr Kinner, gieht in's Bett nu nauff,
der Seeger zeigt schu ens.
Ob mer ä Weihnacht wieder erle'm?
Wie Gott will, su gescheh's.

Das Heiligabendlied ist das wohl bekannteste Weihnachtslied des ebenso weihnachtsbegeisterten wie sangesfreudigen Erzgebirges. Es gibt kaum ein Liederbuch des Erzgebirges, in dem das Heilig-Ohmd-Lied oder Heilign-Obnd-Lied, wie es dort heißt, nicht zu finden wäre. Den Text verfasste die 1784 in Annaberg geborene Johanne Amalie von Elterlein vermutlich um 1799, als sie in der Nähe des Annaberger Marktes (später am heutigen Benkertberg/Wilischtraße 7) wohnte. Einige Quellen nennen als Entstehungszeit auch die Jahre um 1830. Die Verse passen jedoch deutlich besser in das Lebensbild einer Jugendlichen.

Die älteste bekannte Aufzeichnung des Lieds findet sich in einem Notizbuch der Christiane Concordie Ritter in Annaberg und ist mit der Datumsangabe "25. Dezember 1836" versehen. Die Verfasserin ist nicht genannt. In dieser Aufzeichnung fehlen die 5., 7. und 16. Strophe. Die 7. und 16. Strophe fehlen ebenfalls in einem wenig später erschienen handschriftlichen Scheibenberger Liederbuch. Hier wurde auch erstmals eine Singweise angegeben.

Als erste gedruckte Aufzeichnung gilt die Erwähnung im 1. Heft der 1844 erschienenen Wanderungen des Schwarzenberger Bürgermeisters Johann Traugott Lindner Auch hier fehlet die 16. Strophe und die 14, während die 7. Strophe nun enthalten ist.

Im Jahre 1862 veröffentlichte der Schulrat Moritz Spieß in Annaberg in seiner Schrift Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges. Ein Beitrag zur Kenntniß des Volkslebens im Königreich Sachsen erstmals alle 16 Strophen - allerdings ohne Singweise, dafür aber mit dem Namen der Verfasserin: Johanne Amalie von Elterlein, die damals noch in Schwarzenberg lebte.

Durch die Veröffentlichungen von Spieß und Lindner erlangte das Lied eine große Verbreitung und wurde zum beliebten Volkslied und Erzgebirgisches Gemeingut.

Später wurden in verschiedenen Orten des Erzgebirgs neue Strophen hinzugedichtet.

Heute gilt das Heiligabendlied als das längste der Welt, was aber nicht ganz stimmt, denn eine Internetaktion brachte es bei einem anderen Lied auf über 600 Strophen. Trotzdem, die 156 Verse, die inzwischen - offiziell - zusammenkamen, machen es zu einem der längsten Weihnachtslieder der Welt.

Die volkstümliche Weihnacht

Spätestens seit der Aufnahme der Randfichten ist das Heilg-Ohmd-Lied auch über die Grenzen des Erzgebirges hinaus bekannt geworden. Legendär sind die Auftritte der Randfichten mit prominenten Gästen, die gemeinsam alle 156 Strophen an einem Stück präsentierten und damit 1 Stunde Weihnachtsshow zum Mitsingen boten.

Denn das Heiligabendliedchen aus dem Erzgebirge, das klingt so ganz anders, als die anderen bekannten Adventlieder und Weihnachtslieder. Es ist fröhlich, weniger feierlich. Und den "tra-ra ti-ral-la-la" Refrain kann jeder nach dem ersten Anhören mitsingen.

Bei den Strophen wird es etwas schwieriger. Die erzgebirgische Mundart ist nicht jedermanns Sache, wenngleich die Geschichte des Lieds recht einfach gehalten ist. Erzählt wird das Brauchtum zum Weihnachtsfest der damaligen Zeit aus der Sicht eines Kindes. Da ist vom Bleigießen die Rede und von Kerzen die gekauft werden, aber für den Leuchter zu groß sind. Weihrauchkerzen, Weihnachtsengel und der im Erzgebirge typische Bergmann dürfen eben so wenig fehlen. Und dann geht es natürlich auch um das leibliche Wohl. Die Mutter, "die alte, gute Haut", hat gekocht.

Aber auch hier kommt der Spaß nicht zu kurz. Da ist die Rede von dreizehn Butterstollen - "lang wie 'n Ufenbank" - und die Sorge um das leibliche Wohlbefinden wenn die allesamt "gefrassen warn". Und auch dem Alkohol wurde selbst an Weihnachten wohl gerne zugesprochen. In Strophe 13 heißt es: "Den heiling' Ohmd um Mitternacht, do läft statt Wasser Wei."

Erst in der letzten Strophe kehrt der Ernst wieder ein. Wenn es nachts um ein Uhr in die Betten geht und die bange Frage im Raum steht:

Ob mer ä Weihnacht wieder erle'm?
Wie Gott will, su gescheh's.

Das Schicksal wird ergeben in Gottes Hand gelegt. Wie er will, so soll es geschehen. Das ist mehr als kindliche Ergebenheit, es ist gelebter Glaube inmitten der weihnachtlichen Ausgelassenheit. Und auch das gehört zum Erzgebirge: der christliche Glaube an die Weihnacht ebenso wie die einfache aber fröhliche Lebensweise. Das Heilig-Obnd-Lied ist ein Stück erzgebirgischer Geschichte.

Claudia Nicolai, 22. Juni 2016