Hab mein Wage vollgelade

Volkslied (Anfang 20. Jh.)

Volksweise (Anfang 20. Jh.)

Musiknoten zum Lied Hab mein Wage vollgelade

Liedtext

Hab mein Wage vollgelade,
voll mit alten Weibsen.
Alös wir in die Stadt 'nein kamen,
hubn sie an zu keifen.
Drum lad ich all mein Lebetage
kein alte Weibsen auf mein Wage.
Hü, Schimmel, hü. hü, Schimmel, hü!

Hab mei Wage vollgelade,
voll mit Männern, alten.
Als wir in die Stadt 'nein kamen,
murrten sie und schalten.
Drum lad ich all mei Lebetage
nie alte Männer auf mei Wage.
Hü, Schimmel, hü!

Hab mei Wage vollgelade,
voll mit jungen Mädchen.
Als wir zu dem Tor 'nein kamen,
sangen sie durchs Städtchen.
Drum lad ich all mei Lebetage
nur junge Mädchen auf mei Wage.
Zieh, Schimmel, zieh!

Herkunft und Vorgeschichte

Hab mein Wage vollgelade ist die deutsche Übersetzung des flämischen Volkslieds Ik heb een wagen vol geladen, das in Gent 1843 aufgezeichnet wurde. Von wem der Text stammt, ist unbekannt. Die Melodie lässt sich jedoch auf eine alte flämische Weise aus dem 17. Jahrhundert zurückführen.

Hoffmann von Fallersleben übernahm das Original in die zweite Auflage seiner Sammlung Niederländische Volkslieder (1856), in der er die Ansicht einer ins Mittelalter zurückreichenden Liedergemeinschaft der Niederlande mit Deutschland vertrat (vgl. Tobias Widmaier in Liederlexikon, 2012).

Der Veröffentlichung 1897 im Nederlands Volksliederenboek folgte die Übersetzung ins Deutsche von Christiane Rassow. Diese Fassung erschien in Deutschland zuerst 1898 in Berlin in Niederländische Volkslieder – 30 Lieder für Gesang und Klavier, herausgegeben von Coenraad van Boes.

Liedbetrachtung

Im Scherzlied mit der fröhlichen Melodie besingt ein Fuhrmann seine »menschliche Fracht« (Tobias Widmaier, Liederlexikon, 2012), die er aus verschiedenen Gründen als, wie es im Original heißt, »slechte waer« (schlechte Ware) ansieht. Anfangs sind die Menschen ruhig; wahrscheinlich sind sie froh, in die Stadt mitgenommen zu werden, wo laut niederländischem Text gerade Markttag ist. Doch kaum sind sie in der Stadt, wird es, unabhängig von der ›Fracht‹, auf dem Wagen laut.

In der ersten Strophe handelt es sich bei seinen Fahrgästen um »alte Weibsen« (umgangssprachlich abwertend, landschaftlich scherzhaft für Frauen), die, aus welchen Gründen auch immer, anfangen zu keifen.

Genervt von dem Gekeife, nimmt sich der Kutscher vor, nie mehr im Leben alte Frauen mitzunehmen. Darum nimmt er das nächste Mal alte Männer mit. Doch auch dieses Mal passiert ihm Ähnliches. Kaum sind sie in der Stadt, beginnen die Männer zu murren und zu schelten. Streiten sie sich darüber, wer das Fahrgeld bezahlt oder wer eine Runde ausgibt - auch hier erfahren wir den Grund für das Verhalten nicht. Aus Erfahrung klug geworden, will der Fuhrmann in Zukunft weder alte Frauen noch alte Männer mehr auf seinen Wagen lassen.

Folglich macht er einen neuen Versuch, diesmal mit jungen Mädchen. Auch sie verhalten sich anfangs ganz still, um aber dann, als sie zum Stadttor kommen, gleich anfangen, im Städtchen zu singen. Vielleicht freuen sie sich, gut angekommen zu sein oder auf den Besuch des Marktes, der ihnen, da sie vom Land kommen, einige Abwechslung bietet. Erleichtert und zufrieden beschließt der Fuhrmann, nur noch junge Mädchen transportieren zu wollen. Aus seiner Sicht hat sich diese »Fracht«, so das niederländische Lied, als »goede waer« (gute Ware) erwiesen.

Wie beliebt Hab mein‘ Wage voll gelade zeitweise war, zeigt sich auch darin, dass Variationen und zusätzliche Strophen gedichtet wurden.

Die Lagerinsassen des KZ Sachsenhausen beispielsweise haben in einer weiteren Strophe von »kleinen Bübchen« gesungen, wahrscheinlich damit die männliche Spezies nicht zu kurz kommt. Diese Jungen »schwenkten, als sie über’n Marktplatz fahren, ihre Hütchen« (Lagerliederbuch 1942, Neuauflage 1983).

In einem alten Hamburger Schulbuch für das 3. - 6.Schuljahr fand ich folgende Strophe:

Hab' mein Wage ausgelade mit den jungen Mädchen.
'S ist nur eine drin geblieben: 's war das blonde Gretchen.
Nun lad' ich all mein Lebetage nur's blonde Gretchen auf mein Wage.
Zieh, Schimmel, zieh, ja zieh; Zieh, Schimmel, zieh!

In einer Variante heißt das Mädchen Kätchen.

Unabhängig von dem, was auf dem Wagen passiert, der Wagen muss weiter rollen (vgl. Hoch auf dem gelben Wagen: »…aber der Wagen der rollt«) und so heißt es nach jeder Strophe: »Hü, Schimmel, hü. hü, Schimmel, hü!« bzw. »Zieh, Schimmel, zieh, ja zieh; zieh, Schimmel, zieh!«

Rezeption

Nach 1910 wurde Hab‘ mein‘ Wage vollgelade in verschiedenen Bearbeitungen für Laute und Gitarre, Klavier und Männerchor, darunter 1910 Lieder für Wanderer, 1911 Der Lautenschläger und 1915 Lieder zur Gitarre - Wandervogel-Album, langsam in Deutschland bekannt. Außerordentlich große Popularität erreichte das Lied in Wandervogelkreisen und anderen Gruppen der Jugendbewegung durch den Zupfgeigenhansl. Das über die Jugendbewegung bekannteste Liederbuch erschien 1927 mit den drei heute noch geläufigen Strophen in der 150. Auflage.

Zum ersten Mal mit vier Strophen mit dem »Gretchen« bzw. »Kätchen«, die als einzige der Mädchen mit dem Fuhrmann weiterfahren durfte, ist das Lied 1925 in Heimat- und Fahrtenlieder der wandernden Jugend zu finden.

Jeweils mit drei Strophen in der grammatikalisch korrekten Schreibweise Hab‘ mein‘ Wagen vollgeladen haben es die Nationalsozialisten in ihre Liederbücher der N.S.-Frauenschaft und des Bundes deutscher Mädel (BDM) aufgenommen. Auch im weit verbreiteten Kilometerstein - Eine lustige Sammlung, erschienen 1939 in der 8. Auflage, ist das Lied vertreten.

Wie vor dem Zweiten Weltkrieg erschienen nach 1945 fast ausschließlich Liederbücher mit drei Strophen. Eines der wenigen Liederbücher mit der vierten, der sog. Kätchen-Strophe, ist das Schulbuch für das 3.- 6. Schuljahr Der Hamburger Musikant - Teil A, das 1952 herauskam.

Soweit ich das den online Archiven und Privatbibliotheken entnehmen konnte, sind 1947 bis 1959 mehr als die Hälfte aller Liederbücher bis 2015 mit dem Lied erschienen, darunter in den 18 Jahren etliche Schul- und Chorbücher.

Von den Veröffentlichungen nach 1960 halte ich der vier Strophen und der hohen Auflagen wegen die Taschenbücher Der deutsche Liederschatz (Heyne Verlag 1978) und Liederfundgrube (Schneider Verlag 1978) für erwähnenswert. Erstaunlich ist für mich, dass Hab mein Wage vollgelade weder in dem auflagenstärksten Liederbuch Die Mundorgel (1953 bis 2013 über 10 Millionen Exemplare) noch als Scherzlied in dem Reclam Liederheft Drei Chinesen mit dem Kontrabass - Lustige Lieder aufgenommen wurde. In den Sammelwerken der Liedforscher Ernst Klusen (Deutsche Lieder, 1975, Zweiter Band), Heinz Rölleke (Das große Buch der Volkslieder,1997) und Theo Mang (Der LiederQuell 2015) ist das Lied selbstverständlich enthalten.

Georg Nagel, 7.9.2020