Guten Abend, gut' Nacht

Volkslied

1. Strophe 1808: Volkslied; 2. Strophe: 1849 - Georg Scherer zugeschrieben

Musiknoten zum Lied Guten Abend, gut' Nacht

Liedtext

Guten Abend, gut' Nacht,
mit Rosen bedacht,
mit Näglein besteckt,
schlupf unter die Deck.
Morgen früh, wenn Gott will,
wirst du wieder geweckt,
morgen früh, wenn Gott will,
wirst du wieder geweckt.

Guten Abend, gut' Nacht,
von Englein bewacht,
die zeigen im Traum
dir Christkindleins Baum.
Schlaf nun selig und süß,
schau im Traum's Paradies.

Karaoke

Herkunft und Entstehung

Guten Abend, gut' Nacht gehört zu den bekanntesten Schlafliedern; als Wiegenlied wird es gern kleinen Kindern zum Einschlafen vorgesungen.

Den ersten Vers führen Volksliedforscher auf eine niederdeutsche Fassung des 15. Jahrhunderts zurück; in hochdeutscher Form ist er als Gutenachtwunsch seit dem 18. Jahrhundert belegt (so Ernst Klusen, Deutsche Volkslieder, 2. Auflage 1981, S. 822; Heinz Rölleke, Das große Buch der Volkslieder, 2015, S. 139).

Der niederdeutsche Text wurde von Clemens Brentano (1778 - 1842) in die uns noch heute bekannte hochdeutsche Fassung übertragen, ein Grund, weshalb er in manchen Liederbüchern und online-Veröffentlichungen fälschlicherweise als Autor genannt wird. Veröffentlicht wurde der erste Vers mit dem Titel Gute Nacht, mein Kind 1808 im dritten Band der von den romantischen Schriftstellern Achim von Arnim (1781 - 1881) und Clemens Brentano herausgegebenen Volksliedersammlung Des Knaben Wunderhorn.

In vielen Liederbüchen wird als Verfasser der zweiten Strophe Georg Scherer (1828 - 1909) angegeben. Diese Angabe geht auf den Philologieprofessor und Volksliedsammler Scherer selbst zurück, der in seiner Kinderliedersamlung Alte und neue Kinderlieder (1849) im Inhaltsverzeichnis zu Gute Nacht, mein Kind "Wdhr. Scherer" aufführt (vgl. Xaver Frühbeis BR-Klassik, 3.1.2013). Hinsichtlich "Scherer" halten die Liedersammler Theo Mang/Sunhilt Mang (Der Liederquell, 2015, S. 142) diese Angabe für wahrscheinlich. Volksliedforscher wie Klusen (S. 822) und Rölleke (S. 139) sind der Auffassung, dass diese Anmerkung allein eine Autorenschaft Scherers nicht belegt. Sie meinen, der wahre Verfasser des zweiten Verses: "Guten Abend, gut' Nacht, von Englein bewacht …" sei nicht bekannt.

Die Melodie im Dreivierteltakt, die im Jahr 1868 von Johannes Brahms komponiert wurde, machte aufgrund "ihrer innigen Schlichtheit" das Lied bald zu einem Volkslied. Grundlage für die von Brahms komponierte Gegenstimme zur Klavierbegleitung war eine Volksweise des oberösterreichischen Ländlers Du moanst wohl die Liab last sich zwinge. (vgl. Mang, S. 142). Unter dem Titel Brahms Lullaby wurde das Lied in späteren Jahren weltberühmt.

Wie aus dem Liebeslied ein Kinderlied wurde

Bereits im 15. Jahrhundert war der erste Vers als Gutenachtwunsch, den ein Mann seiner Liebsten sagte, bekannt. Einige Vorläufer wurden aus spätmittelalterlichen Liebesbriefen überliefert; hier ein Beispiel (vgl. Mang, S. 142):

Ich wünsche dir eine gute nacht
von rosen ein dach
von liligen (Lilien) ein bett
von feyal (Veilchen) ein deck (eine Decke)
von muschgat (Muskatnussbaum) ein duer (eine Tür)
von negellein (Nelken) ein rigel darfür (ein Riegel dafür).

In einer anderen Version lautet die erste Zeile: "Got geb euch eine gute nacht".

Heißt es hier "von rosen ein dach", so lautet der hochdeutsche Text "mit Rosen bedacht", wobei bedacht bedeckt bedeutet (Rölleke, S. 139). In beiden Fällen wird metaphorisch die Zuneigung ausgedrückt. Im Mittelalter galt die Rose als bewährtes Liebesmittel. In späteren Jahrhunderten und noch heute betrachtet man die Rose, vor allem rote Rosen, als Zeichen der Liebe, die als Werbung oder als Bestätigung einem geliebten Menschen überreicht werden.

Auch heute noch sind vor allem weiße Lilien Symbole der Hochachtung und Zuneigung. Weniger bekannt ist, dass rote Nelken für Erotik und rosa Nelken für innige Liebe stehen. Veilchen symbolisieren meistens Hoffnung; sie können aber auch Treue und Liebe ausdrücken. So zeigen die Blumensymbole Rose, Lilien, Nelken und Veilchen eindeutig, dass es hier um ein Liebesgedicht geht.

Bei der Übertragung der niederdeutschen Fassung "Godn Abend gode Nacht" ins Hochdeutsche und der Übernahme in die Volksliedersammlung Des Knaben Wunderhorn unterlief den Herausgebern ein Fehler, indem sie das Lied unter "Kinderlieder" in den Anhang zum dritten Band (1808) einordneten.

Seit der angebliche Verfasser der zweiten Strophe Scherer 1849 das Lied in seine Sammlung Alte und neue Kinderlieder aufnahm, gilt es endgültig und noch heute als Schlaf- bzw. als Wiegenlied (vgl. auch Brahms Lullaby). Verständlich wird diese Einordnung durch die Verwendung der kleinkindlichen Sprache, z.B. "Englein", "Christkindlein". Wieso der weihnachtliche Bezug - "Christkindleins Baum" – in die zweite Strophe kam, ist nicht bekannt.

Rezeption

Nach der Vertonung durch Johannes Brahms 1868 wurde das Lied bald in ganz Deutschland und darüber hinaus auch in Österreich und in der Schweiz populär. In Großbritannien, den USA und vielen anderen Ländern wurde es im Laufe der Zeit als Brahms Lullaby bekannt.

In Deutschland nahmen es zahlreiche Schulliederbücher auf. Eines der ersten war Deutsche Schulgesänge für Mädchen (4. Auflage 1884). Gebrauchsliederbücher wie Kindergarten, 1.Teil - Sammlung älterer und neuerer Lieder (4. Auflage, 1900) folgten.

Auch in der Zeit des Nazi-Regimes ist das Brahmsche Wiegenlied in viele Schulliederbücher ebenso aufgenommen worden wie in Liederbücher des Bundes Deutscher Mädel und der Deutschen Frauenschaft.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam als erstes Liederbuch mit Guten Abend, gut' Nacht das Volksliederbuch zur demokratischen Erneuerung Deutschlands (1. Folge 1945) in der damaligen sowjetischen Besatzungszone heraus, dem in der späteren DDR weitere Liederbücher folgten. Von den zahlreichen Gebrauchsliederbüchern in der Bundesrepublik Deutschland sollen hier nur die auflagestarken erwähnt werden, wie Deutscher Liederschatz (Weltbild 1988, Band 3) und das Taschenbuch des Moewig Verlags Die schönsten Lieder am Lagerfeuer (1992).

Betrachtet man die große Anzahl der Schulliederbücher, in denen nach dem Zweiten Weltkrieg Brahms Wiegenlied zu finden ist, so scheint die Beliebtheit, das Lied auch in der Schule zu singen, ungebrochen.

Das Deutsche Musikarchiv (DMA) weist in seinem Katalog im Vergleich zu Abend wird es wieder (220 Tonträger) nur knapp 50 Tonträger von Guten Abend, gut' Nacht aus. Zu den Interpreten des Liedes gehören u.a. bekannte Schlagersänger wie Heintje, Nana Mouskouri, Nena und Roger Whittaker und sogar der Bariton Peter Schreier. Die Mehrheit der Tonträger und der Partituren beziehen sich auf Chöre, vor allem auf Kinderchöre wie die Schaumburger Märchensänger oder der Nymphenburger Kinderchor.

Angesichts der hohen Anzahl der mir in Privatbibliotheken und Online-Archiven zugänglichen Liederbücher und der im DMA annähernd 100 vorhandenen Partituren kann man sagen, dass das zum Volkslied gewordene Wiegenlied viel häufiger gesungen als angehört wird.

Georg Nagel, 25.05.2018