Gib, blanker Bruder, gib uns Wein

Das Lied von den immer wahren Prophezeihungen gibt es in unterschiedlichen Textversionen. Hier die Fassung eines unbekannten Dichters zur Melodie von Friedrich Ludwig Seidel. Textvariante »Die Wahrsagerin« von J. L. Gericke

Musiknoten zum Lied - Gib, blanker Bruder, gib uns Wein

Gib, blanker Bruder, gib uns Wein,
und laß' die Hand besehn,
so wollen wir dir prophezein,
was sicher wird geschehn,
was sicher wird geschehn.

Merk' auf, es ist ein hohes Wort
und liegt viel Wahrheit drin:
Sind vierundzwanzig Stunden fort,
so ist ein Tag dahin.

Sobald es Nacht geworden ist,
sind alle Katzen grau,
und wenn der Mann sein' Gattin küßt,
so küßt er seine Frau.

Ein jedes Paar, das taufen ließ,
kennt sich neun Monden schon;
und wen man nach dem Vater hieß,
der war des Vaters Sohn.

So oft man viele Trauben liest,
gerät die Lese gut;
und wer der Frau Pantoffel küßt,
der hat nicht mehr den Hut.

Der dich um eine Wohltat bat,
der war ein armer Tropf:
Und wer den ganzen Ochsen hat,
hat auch den Ochsenkopf.

Wer vor der Nadelspitze flieht,
bleibt nicht vor Degen stehn,
und wer dem Affen ähnlich sieht,
ist nie besonders schön.

Wer Heu genug im Stalle hat,
dem wird die Kuh nicht mager,
und wer 'ne schöne Schwester hat,
der kriegt bald einen Schwager.

Wenn du zum Spiegel dich bemühst,
zeigt sich der erste Tor:
der zweite, der nicht sichtbar ist,
steht mehrenteils davor.

Die Wahrsagerin

von J. L. Gericke (1795)

Gieb, blanke Schwester, gieb mir Wein,
und lass die Hand mich seh'n,
wollen wir dir prophezeih'n,
|: was sicher wird gescheh'n :|

Merk auf, es ist ein hohes Wort
und liegt viel Wahrheit drin:
Sind vierundzwanzig Stunden fort,
|: so ist ein Tag dahin :|

Sobald es Nacht geworden ist ist,
sind alle Katzen grau;
und wenn der Mann sein' Gattin küsst,
|: so küsst er seine Frau :|

Ein jedes Paar, das taufen ließ,
kennt sieh neun Monden schon;
und wenn man nach dem Vater hieß,
|: der war des Vaters Sohn. :|

Der dich um eine Wohltat bat,
der war ein armer Tropf;
und wer den ganzen Ochsen hat,
|: hat auch den Ochsenkopf. :|

Wenn in der Nuss das Kernchen fehlt,
ist sie vermutlich hohl;
der, den das kalte Fieber quält,
|: befindet sich nicht wohl. :|

Wo aus dem Hähnchen nichts mehr braust,
ist oft ein leeres Fass,
und wo ein Dieb was weggemaust.
|: vermisst man meistens was. :|

Von Schüsseln, wo die Speise fehlt,
wird leichtlich keiner satt,
und wer das Land zum Wohnsitz wählt,
|: der wohnt nicht in der Stadt :|

Wer vor der Nadelspitze flieht,
bleibt nicht vor Degen stehn;
und wer dem Affen ähnlich sieht,
|: ist nie besonders schön. :|

Wer Heu genug im Stalle hat,
dem wird die Kuh nicht mager;
und wer 'ne schöne Schwester hat,
|: der kriegt bald einen Schwag'r. :|

Wenn du zum Spiegel dich bemühst,
zeigt sich der erste Thor,
der zweite, der nicht sichtbar ist,
|: steht mehrenteils davor. :|

Baust du von Brettern dir ein Haus,
so hast du keins von Stein,
und ist des Sängers Liedchen aus,
|: wird's wohl zu Ende sein. :|

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