Geh aus mein Herz und suche Freud

Paul Gerhardt (1653)

Musiknoten zum Lied Geh aus mein Herz und suche Freud

Liedtext

Geh aus mein Herz und suche Freud
in dieser lieben Sommerszeit
an deines Gottes Gaben.
Schau an der schönen Gärten Zier
und siehe wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben,
sich ausgeschmücket haben.

Die Bäume stehen voller Laub,
das Erdreich decket seinen Staub
mit einem grünen Kleide.
Narzissus und die Tulipan,
die ziehen sich viel schöner an
als Salomonis Seide.

Die Lerche schwingt sich in die Luft,
das Täublein fliegt aus seiner Kluft
und macht sich in die Wälder.
Die hochbegabte Nachtigall
ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg, Hügel, Tal und Felder.

Ich selber kann und mag nicht ruhn;
des großen Gottes großes Tun
erweckt mir alle Sinnen;
ich singe mit, wenn alles singt,
und lasse was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen.

Karaoke

Herkunft und Entstehungsgeschichte

Als der 1607 geborene Paul Gerhard 1653 das Gedicht Geh aus mein Herz und suche Freud schrieb, war der Dreißigjährige Krieg gerade sieben Jahre her. Noch in jugendlichen Jahren hatte er die Auswirkungen des Krieges kennengelernt: Hungersnot, Pest und Pocken. Er war 12 Jahre, als er seinen Vater und 14, als er seine Mutter verlor.

Nach dem erfolgreichen Abschluss an einer sächsischen sogenannten Fürstenschule studierte er in Wittenberg Theologie und Philosophie. In Berlin vollendete er seine Studien und wurde Pfarrer in Mittenwalde. Dort dichtete er etliche Liedtexte, von denen einige bereits Eingang in die ersten Auflagen des Gesangbuchs Praxis Pietatis Melica (Übung der Gottseligkeit in christlichen und trostreichen Gesängen) fanden, seit 1647 herausgegeben vom Kantor der Berliner Nikolaikirche Johann Crüger.

Die fünfte Auflage, die 1653 in Druck erschien, enthielt über 80 Lieder von Paul Gerhardt, darunter auch erstmalig Geh aus mein Herz und suche Freud mit fünfzehn Strophen. Wenn in einigen Liederbüchern als Entstehungsjahr 1667 angegeben wird, ist das auf das Erscheinungsjahr des von Paul Gerhard herausgegebenen Liederbuchs Geistliche Andachten - Bestehend in hundert und zwantzig Liedern (Heft 9) zurückzuführen.

Heutzutage enthält, mit Ausnahme der Kirchengesangbücher, die Mehrheit der mir in online und in Privatbibliotheken zugänglichen Liederbücher die oben aufgeführten vier Strophen. Sie setzen sich zusammen aus den ersten drei und der achten Strophe des 15-strophigen Originals.

Die bis etwa Anfang des 19. Jahrhunderts übliche Melodie wurde von dem Komponisten vieler Volks- und Kirchenlieder (u.a. Die güldne Sonne, Du meine Seele singe, Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren - s. Liederarchiv) Johann Georg Ebeling (1637 - 1676) verfasst. Bei seiner Komposition hatte sich Ebeling an der Kirchenweise Den Herrn meine Seele erhebt orientiert.

Der Komponist August Harder (1775 - 1813) veränderte 1813 seine eigene Melodie zu Ludwig Höltys Gedicht Die Luft ist blau, das Tal ist grün und unterlegte ihr den Text von Paul Gerhardts geistlichem Sommerlied (vgl. Theo und Sunhilt Mang, Der Liederquell, 2015, S. 1.070). Diese Melodie ist noch heute gebräuchlich.

Interpretation

Als 1653 der 46-jährige Paul Gerhard das Loblied schrieb, hatte er zusätzlich zu den persönlichen Schicksalsschlägen in seiner Jugend Not, Elend und Leid durch den Dreißigjährigen Krieg erlebt. Dennoch ist sein Glaube an Gott unerschütterlich, wie auch vielen seiner Lob- und Preislieder zu entnehmen ist, wie z. B. Lobet den Herren, alle die ihn ehren oder Sollt ich meinem Gott nicht singen, sollt ich ihm nicht dankbar sein. Das erinnert an den biblischen Hiob, der alles verloren hat und dennoch bekennt: Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt. (Buch Hiob, 1, Vers 21).

Geh aus mein Herz und suche Freud knüpft an das bereits 1648 veröffentlichte Wach auf mein Herz und singe an. Wie im ersten Vers dieses Liedes von 1648 Gott "als Schöpfer aller Dinge" gelobt wird, preisen die Strophen von 1653 die "Gaben Gottes", wie sie sich in der Natur, in Pflanzen und Tieren zeigen (vgl. die biblische Schöpfungsgeschichte: Genesis, 1, Verse 11 und 12 sowie 20 und 24).

In der ersten Strophe wendet sich das lyrische Ich an jeden Einzelnen von uns mit der Aufforderung, die Herzen zu öffnen, hinaus zu gehen (vgl. "…naus in den Garten" in der ersten Strophe von Trariro, der Sommer der ist da) und uns an der "lieben Sommerszeit" und an blühenden Pflanzen in den Gärten zu erfreuen.

Gerhardts Bewunderung der Schönheiten der Natur als Schöpfung Gottes setzt sich in der zweiten und dritten Strophe fort. Alles grünt und blüht; es werden Narzissen und Tulpen - exemplarisch für alle Blumen - gepriesen und schöner als die Seide des biblischen Königs Salomon bezeichnet. Hier ist dem Pfarrer die dichterische Fantasie durchgegangen, denn an keiner Stelle der Bibel wird "Salomonis Seide" erwähnt. Auch die Vögel, beispielhaft Lerche, Taube und Nachtigall, zeugen von der gottgegebenen Schöpfung.

In der vierten Strophe, die im Original der 15 Strophen die achte ist (s. Das vollständige Gedicht), bringt sich das Lyrische Ich selbst ein und lässt jeden, der das Lied singt, die Schöpfung Gottes preisen. Mit Aug und Ohr, Tast- und Geruchssinn, das Schmecken nicht zu vergessen, sollen wir die Schönheiten der Natur erfahren und uns daran erfreuen. Wir sehen "Gottes großes Tun" als Geschenk an und danken ihm, indem wir aus voller Brust und tiefer Überzeugung seine Werke besingen.

Rezeption

Während Geh aus mein Herz und suche Freud häufig mit allen 15 Strophen bald in alle evangelischen Gesangbücher übernommen wurde, ist es, obwohl der Inhalt des Liedtextes nicht speziell evangelisch ist, in katholisch-kirchlichen Gesangbüchern nicht zu finden. Auch fehlt es in allen bedeutenden säkularen Liedersammlungen des 18. und 19. Jahrhunderts. Eine Ausnahme bildet Des Knaben Wunderhorn (Alte deutsche Lieder gesammelt von L. A. von Arnim und Clemens Brentano). Unter dem Titel "Sommerlied" veröffentlichten sie 1808 den Text des Barockdichters in Band 3 mit neun Strophen.

Als Wanderlied entdeckt, wurde es in der Jugendbewegung außerordentlich populär. Fast alle Liederbücher der Wandervögel (Ausnahme der Zupfgeigenhansl), so z.B. 1913 das Wandervogel-Lautenbuch und das weit verbreitete Wandervogel-Liederbuch mit sechs Strophen (Auflage 85. - 98. Tausend, 1920) nahmen Geh aus mein Herz und suche Freud – mehrheitlich mit vier Strophen in ihr Repertoire auf. Bis in die Gegenwart folgten zahlreiche Schulbücher.

Als Sommerlied fand es auch Aufnahme in etliche nationalsozialistische Liederbücher wie 1934 in Die Fahne hoch des (Reichs-)Arbeitsdienstes und in das Liederbuch des Bundes Deutscher Mädel.

Während nach dem Zweiten Weltkrieg katholische Kreise und Verlage sich mit der Veröffentlichung des Liedes bis heute zurückhielten, schien man in der Zeit des NS-Regimes aufgrund des Reichskonkordats von 1933 zwischen dem Vatikan und dem Deutschen Reich froh zu sein, Geh aus mein Herz und suche Freud 1935 in Lieder der Jugend der katholischen Pfadfinderschaft St. Georg und 1938 im Christopherus Verlag Kirchenlied - Eine Auslese geistlicher Lieder erscheinen lassen zu dürfen.

Als geistliches Lied blieb Paul Gerhardts Text bis heute ebenso populär wie als Wander- oder Sommerlied, was nicht nur die zahlreichen Liederbücher zeigen, sondern auch die Vielzahl der Videos (mehrere 100) bei Youtube. Auch in zahlreichen instrumentalen Partituren und Bearbeitungen erweist sich die Beliebtheit der Melodie.

Georg Nagel, 11.06.2018

Das vollständige Gedicht

Die vollständigen 15 Strophen des 1653 von Paul Gerhardt veröffentlichten Gedichts Geh aus, mein Herz, und suche Freud lauten:

Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben;
Schau an der schönen Gärten Zier,
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben.

Die Bäume stehen voller Laub,
das Erdreich decket seinen Staub
mit einem grünen Kleide.
Narzissus und die Tulipan,
die ziehen sich viel schöner an,
als Salomonis Seide.

Die Lerche schwingt sich in die Luft,
das Täublein fleucht aus seiner Kluft
und macht sich in die Wälder,
Die hochbegabte Nachtigall
ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg, Hügel, Thal und Felder.

Die Glucke führt ihr Völklein aus,
der Storch baut und bewohnt sein Haus,
das Schwälblein speist ihr’ Jungen,
Der schnelle Hirsch, das leichte Reh
ist froh, und kommt aus seiner Höh
ins tiefe Gras gesprungen.

Die Bächlein rauschen in dem Sand,
und mahlen sich und ihren Rand
mit schattenreichen Myrthen,
Die Wiesen liegen hart dabei,
und klingen ganz von Lustgeschrei
der Schaf und ihrer Hirten.

Die unverdroßne Bienenschaar
zeucht hin und her, sucht hier und dar
ihr’ edle Honigspeise,
Des süßen Weinstocks starker Saft
kriegt täglich neue Stärk und Kraft
in seinem schwachen Reise.

Der Waizen wächset mit Gewalt,
darüber jauchzet jung und alt,
und rühmt die große Güte
Des, der so überflüßig labt,
und mit so manchem Gut begabt
das menschliche Gemüthe.

Ich selbsten kann und mag nicht ruhn,
des großen Gottes großes Thun
erweckt mir alle Sinnen:
Ich singe mit, wenn alles singt,
und laße, was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen.

Ach, denk ich, bist du hie so schön,
und läßt du’s uns so lieblich gehn
auf dieser armen Erden,
Was will doch wohl nach dieser Welt
dort in dem reichen Himmelszelt
und güldnem Schloße werden?

Welch hohe Lust, welch heller Schein
wird wohl in Christi Garten sein?
wie muß es da wohl klingen,
Da so viel tausend Seraphim
mit eingestimmtem Mund und Stimm
ihr Allelujah singen?

O wär ich da! O stünd ich schon,
ach, süßer Gott! vor deinem Thron,
und trüge meine Palmen!
So wollt ich nach der Engel Weis’
erhöhen deines Namens Preis
mit tausend schönen Psalmen.

Doch will ich gleichwohl, weil ich noch
hier trage dieses Leibes Joch,
auch nicht gar stille schweigen,
Mein Herze soll sich fort und fort
an diesem und an allem Ort
zu deinem Lobe neigen.

Hilf nur und segne meinen Geist
mit Segen, der vom Himmel fleußt,
daß ich dir stetig blühe!
Gib, daß der Sommer deiner Gnad
in meiner Seelen früh und spat
viel Glaubensfrücht erziehe.

Mach in mir deinem Geiste Raum,
daß ich dir werd ein guter Baum,
und laß mich Wurzel treiben
Verleihe, daß zu deinem Ruhm
ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben.

Erwähle mich zum Paradeis
und laß mich bis zur letzten Reis’
an Leib und Seele grünen:
So will ich dir und deiner Ehr
allein, und sonsten keinem mehr,
hier und dort ewig dienen.