Freut euch des Lebens

Johann Martin Usteri (1793)

Musiknoten zum Lied Freut euch des Lebens

Liedtext

Freut euch des Lebens,
weil noch das Lämpchen glüht;
pflücket die Rose,
eh' sie verblüht!
Man schafft so gern sich Sorg' und Müh',
sucht Dornen auf und findet sie
und läßt das Veilchen unbemerkt,
das uns am Wege blüht!

Wenn scheu die Schöpfung sich verhüllt
und laut der Donner ob uns brüllt,
so lacht am Abend nach dem Sturm
die Sonne, ach, so schön!

Wer Neid und Mißgunst sorgsam flieht
und G'nügsamkeit im Gärtchen zieht,
dem schießt sie schnell zum Bäumchen auf,
das goldne Früchte trägt.

Wer Redlichkeit und Treue übt
und gern dem ärmern Bruder gibt,
bei dem baut sich Zufriedenheit
so gern ihr Hüttchen an.

Und wenn der Pfad sich furchtbar engt
und Mißgeschick uns plagt und drängt,
so reicht die Freundschaft schwesterlich
dem Redlichen die Hand.

Sie trocknet ihm die Tränen ab
und streut ihm Blumen bis ans Grab;
sie wandelt Nacht in Dämmerung
und Dämmerung in Licht.

Sie ist des Lebens schönstes Band:
schlagt, Brüder, traulich Hand in Hand!
So wallt man froh, so wallt man leicht
ins bessre Vaterland!

Entstehung

Es war die Zeit Goethes und Schillers, Mozarts, Haydns und Beethovens, als der Schweizer Dichter Johann Martin Usteri (1763 - 1827) 1793 den Text zu Freut euch des Lebens verfasste. Unberührt von der Französischen Revolution und dem Krieg zwischen Preußen und Frankreich konnte der die Idylle preisende Text wohl nur in der Schweiz entstehen.

Vertont wurden die Verse 1975 vom ›Schweizer Sängervater‹ (Theo und Sunhilt Mang, Der Liederquell, 2015, S. 515), dem Musikpädagogen Hans-Georg Nägeli (1773 - 1836). Die eingängige Melodie wird auch noch heute Gedichten zum Geburtstag unterlegt.

Mit dem Text von Usteri und der Melodie von Nägeli wurde Freut euch des Lebens zum ersten Mal 1796 im Göttinger Schweizer Musenalmanach veröffentlicht. Nach einer weiteren Veröffentlichung 1798 in der Neuen schweizerischen Blumenlese taucht es 1799 im berühmten Mildheimischen Liederbuch (7. Auflage 1837) auf. Aufgrund des ausführlichen Titels »Mildheimisches Liederbuch von 518 lustigen und ernsthaften Gesängen über alle Dinge in der Welt und alle Umstände des menschlichen Lebens, die man besingen kann. Gesammelt für Freunde erlaubter Fröhlichkeit und ächter Tugend, die den Kopf nicht hänget von Rudolph Zacharias Becker« kann man sich gut vorstellen, warum das lebensfrohe Lied Aufnahme in dieses Liederbuch gefunden hat. Es ist das »volkstümliche Gegenstück zu Schillers - zur gleichen Zeit entstandenen - Ode an die Freude« (Rölleke, S. 175).

Interpretation

Der »Schlager der Goethezeit im Spannungsfeld zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit«, so die Volksliedforscherin Waltraud Lindner-Beroud, wendet sich an uns, an die Sänger-, Hörer- und LeserInnen des Liedes bzw. des Gedichtes. Es fordert uns auf, sich trotz aller Mühsal am Leben zu erfreuen. So wie man sich an einer Rose erfreuen kann, bevor sie welkt, so soll man das Leben genießen, bis man schließlich stirbt, solange das »Lämpchen glüht«, das Lebenslicht leuchtet.

Statt sich überflüssige Sorgen zu machen, soll man lieber die kleinen Dinge beachten, z.B. ein Veilchen, das hier als Symbol für verborgenen Schätze steht.

Auch die zweite Strophe steckt voller Lebensweisheit. Egal wie schlecht es uns manchmal gehen mag (Krankheit, Tod eines nahestehenden Menschen, o.ä.), so können wir gewiss sein - und unsere Erfahrungen können das bestätigen -, wird es uns bald wieder besser gehen. Wie auch der Volksmund sagt: »Auf Regen folgt Sonne«. Erneut fordert der Refrain uns auf, sich am Leben zu erfreuen.

Der Anfang der dritten Strophe ist aus meiner Sicht doppeldeutig: Sollen wir Menschen voller Neid und Missgunst aus dem Weg gehen, oder sollen wir uns bemühen, nicht neidisch oder missgünstig zu sein? Wenn wir uns mit dem zufrieden geben, was wir haben oder was wir sind, können wir mit gutem Gefühl anderen etwas gönnen. Dann, wie es im Lied metaphorisch »heißt, wächst das Bäumchen, das goldne Früchte trägt«.

Ob Usteri das 1775 von Ludwig Christoph Heinrich Hölty (1748 - 1776) verfasste Gedicht Üb immer treu und Redlichkeit gekannt hat, ist offen. Wahrscheinlich war die erste Zeile der vierten Strophe als erzieherisches Sprichwort bereits vorher in deutschen Landen gebräuchlich. Nach Auffassung des Dichters Usteri wird der Mensch belohnt, der, das was er hat, gern mit anderen teilt, hier: »gern dem ärmern Bruder abgibt«. Bruder hier gemeint wie in Schillers Ode ›An die Freude‹: »Alle Menschen werden Brüder«, (vgl. auch das Motto der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit). Jeder von uns kennt das, wenn man etwas abgibt, hat mein ein gutes Gefühl – hier: Zufriedenheit.

Und falls uns mal wieder schlechte Zeiten erwischen, so können wir uns, wenn wir uns redlich verhalten haben, auf unsere Freunde verlassen. Die Freunde reichen uns, hier zur Abwechslung mal, die »schwesterliche« Hand, obwohl es sonst die brüderliche Hand ist, z.B. in dem 1791 von Mozart in der ›Zauberflöte‹ vertonten Freimaurerlied Brüder reicht die Hand zum Bunde.

Wahre Freunde leisten uns Beistand und helfen uns, aus dunklen Stunden wieder heraus zu kommen. Ähnlich wie es in dem etwa seit Mitte des 19. Jahrhunderts in ganz Deutschland verbreiteten Gedicht Wahre Freundschaft soll nicht wanken heißt: »Ich will Sorge für dich tragen bis zur späten Mitternacht«. Ist man sich der Freundschaft eines Menschen gewiss, so fällt es einem leicht zu sterben in der Hoffnung, ›ins bessre Vaterland‹, in den Himmel, zu kommen.

Rezeption

Für die außerordentliche Popularität des Liedes spricht, dass der Titel in allen deutschsprachigen Ländern bereits im 19. Jahrhundert sprichwörtlich geworden ist. Im auflagestarken ›Zitaten-Büchmann‹ (Georg Büchmann, 1822 - 1989) ›Geflügelte Worte‹ aus dem Jahr 1864 ist Freut euch des Lebens gleich zweimal vertreten.

Betrachtet man die Vielzahl der Liederbücher mit Usteris Text, so fällt auf, dass das Lied im 19. Jahrhundert vorwiegend in Schulen und in studentischen Kreisen gesungen wurde. Beispielhaft seien hier wegen der hohen Auflagen die ›Schulgesänge für Mädchen‹ (4. Auflage 1884), ›Schauenburgs allgemeines Deutsches Commersbuch‹ (1888) und Franz Magnus Böhmes berühmtes Werk ›Volkstümliche Lieder der Deutschen‹ (1895) angeführt.

Ab der Jahrhundertwende wurde Freut euch des Lebens zu Kaisers Geburtstag gesungen. Die Melodie von Nägeli wird noch heute Geburtstagsgedichten unterlegt.

Vor dem ersten Weltkrieg entschied die Preußischen Regierung aufgrund der vielen Tugenden das Lied in den Schulunterricht ab der vierten Klasse aufzunehmen (Preußisches Zentralblatt von 1912).

Von den 50 von 1900 bis 1932 erschienenen Liedersammlungen ragen gleich fünf von den Wandervögeln hervor; im berühmtesten Liederbuch ›Der Zupfgeigenhansl‹ (1909 bis 1927 150 Tsd. Auflage, 826.00 Stück) war es jedoch nicht vertreten, dagegen in Schul- und Soldatenliederbüchern und in der 19. Auflage im ›Deutsch-Nationalen Liederbuch‹ (1912). Beliebt war das »Lebensweisheiten-Lied« auch in Kreisen der katholischen Jugend, bei den Pfadfindern und in anderen Jugendbünden.

In der Zeit des NS-Regimes ist Freut euch des Lebens in mehreren NS-Liederbüchern vertreten, von denen ›Auf, frisch ans Werk‹ 1939 die 7. Auflage erreichte. Bemerkenswert ist ›Der Kilometerstein. Eine lustige Sammlung‹ (9. Auflage 1939) mit 14 Strophen, davon einige als sogenannte Klapphorn-Verse (s. Abschnitt Parodien und Umdichtungen). Deren Texte waren eine Verballhornung der als spießig aufgefassten Originalverse.

Rezeption ab 1945

Noch 1945 wurde das Lied mit den »preußischen Tugenden« (s.o.) in der Sowjetischen Besatzungszone in das ›Volksliederbuch zur demokratischen Erneuerung‹ (der Titel orientierte sich am Volksbund zur demokratischen Erneuerung) aufgenommen; von 1947 bis 1955 folgten in Westdeutschland etliche Schulbücher, darunter 1955 ›Spielt auf und singt - Für Schule, Haus und Gruppen‹.

Rein statistisch gesehen erschien 1960 bis 1999 pro Jahr ein Liederbuch mit Freut euch des Lebens. Davon seien hier nur die auflagestarken Taschenbücher der Verlage Heyne, Schneider und Moewig erwähnt: ›Volks- und Küchenlieder‹ (Heyne 1977), ›Spaß- und Quatschlieder‹ (Schneider, 1981) und ›Die schönsten Trink- und Stimmungslieder‹ (Moewig, 1992).

Auch in Österreich ist das Lied bekannt; vertreten ist es u.a. in ›Lieder unserer Gemeinschaft‹ (1967) sowie 1999 in ›Liederösterreich - Das Volksliederbuch zur Jahrtausendwende‹.

Der Führungsstab des Bundesministeriums für Verteidigung fand das Lied voller Lebensweisheiten auch für Soldaten so interessant, dass es gleich in zwei Liederbücher aufgenommen wurde, 1976 in ›Hell klingen unsere Lieder‹ mit 10 und 1991 ›Kameraden singt - der Bundeswehr‹ mit vier Strophen. Von Soldaten habe ich gehört, dass Freut euch des Lebens weniger als Tugendlied, sondern vielfach als Lied, nach dessen Melodie man wunderbar schunkeln kann, angesehen wurde. Auch in den vom Weltbildverlag in hohen Auflagen heraus gegebenen Bänden 1 und 3 der Liederbücher ›Deutscher Liederschatz‹ (1988) und ›Deutsche Hausbibliothek – Lieder‹ (1987) ist Freut euch des Lebens zu finden. Und selbstverständlich haben es die Volksliedforscher Ernst Klusen und Theo und Sunhilt Mang in ihre Sammelwerke aufgenommen (Klusen, Deutsche Lieder, Band I und II, 1985, Mang, ›Der Liederquell‹, 2015).

Das Deutsche Musikarchiv Leipzig (DMA) weist in seinem Katalog 129 Tonträger, hauptsächlich Langspielplatten aus, dazu kommen 60 Musiknoten, überwiegend Chorpartituren. Außer Rudolf Schock und Maria Schell, haben auch Schlagerstars wie Udo Jürgens, Freddy Quinn, Karel Gott und Maria und Margot Helwig das Lied interpretiert. Von Chören, wie Tölzer Knabenchor und Hamburger Alsterspatzen sowie von einigen Blaskapellen liegen ebenfalls LP’s vor.

Zu den Tonträgern im DMA gehören auch die 20 LP‘s ›Fantasie u.a. Freut euch des Lebens‹ und acht Aufnahmen aus dem Film ›Freut euch des Lebens‹.

Wie populär das Lied ist, zeigt auch das Motto der Ausstellung zum 75-jährigen Jubiläum des Deutschen Volksliederarchiv, Freiburg 1989; ebenso wie die über 120 Videos mit Freut euch des Lebens bei Youtube noch heute von der Beliebtheit des Liedes zeugen.

Parodien, Umdichtungen, Titel

Der Melodie von Freut euch des Lebens wurden im Laufe der Zeit zahlreiche andere Verse unterlegt. Von den vielen zum großen Teil heute nicht mehr bekannten Umdichtungen werden hier nur einige erwähnt:

Etwa Mitte des 19. Jahrhunderts dichtete Wilhelm Lutz (1829 – 1903), der eigentlich Komponist war, seine ›Spaßverse‹. 1878 erschienen von unbekannten Verfassern in der in München herausgegebenen Satire-Zeitschrift ›Fliegende Blätter“ die sogenannten ›Klapphornverse‹ unter dem Titel ›Idylle‹. Das Klappenhorn war einfaches Militärinstrument, das statt der Ventile Klappen hatte. Diese Klapphornverse bestehen aus Vierzeilern wie »Zwei Knaben gingen durch das Korn, / Der andere blies das Klappenhorn, /Er konnt' es zwar nicht ordentlich blasen, / Doch blies er's wenigstens einigermaßen« Vers) und »Zwei Mädchen suchten einen Floh / die eine sucht ihn am Popo / die andre an der Pumpe / aber Scheiße, er war im Strumpe« (3. Vers). Die weiteren Verse habe ich wegen ihrer Derbheit und sexuellen Anspielungen hier weggelassen.

Um die Jahrhundertwende (1900/2000) parodierte Wilhelm Busch (1832 - 1908) das Originallied mit »Freut euch des Lebens, / solang noch das Flämmchen glüht« mit Versen wie »Im Ameishaufen wimmelt es / der Aff frisst nie Verschimmeltes« (2. Vers) oder »Und überhaupt find ich es schön / wenn Sänger manchmal singen gehen« (11. und letzter Vers).

Auch Karl Valentin (1882 - 1948) fügte den Klapphornversen einige hinzu, z.B. »Zwei Knaben suchten auf nem Baum, Nach einer süßen reifen Pflaum, / Doch suchten sie sehr lange, / Es war ne Fahnenstange« oder »Zwei Knaben machten sich den Jokus / Und tranken Most im Keller. / Da mußten beide auf den Lokus, / Jedoch der Most war schneller«.

Jahre später dichtete der Satiriker Dieter Höss (geb. 1935) das ›Lied von der unversteuerten Lebensfreude‹, dessen erste Zeile lautet: »Freut euch des Lebens, / eh euch der Staat mit der Steuer rasiert« (s. Höss, Schwarz Braun Rot – Neue teutsche Volks- und Wunderlieder für jedermann,1967). Und im Jahr 2008 sang Udo Jürgens ein Lied aus der Feder von Wolfgang Hofer, das wie folgt beginnt: »Freut euch des Lebens / Noch zieht die Welt ihre Bahn, / D’rum freut euch des Lebens / Solang‘ man das noch kann!« und endet mit: »Was morgen passiert, das geht uns nichts an / Willkommen beim Tanz auf dem Vulkan«.

Nachzutragen bleibt noch, dass Freut euch des Lebens titelgebend für eine deutsche Filmkomödie (1934) und ein Musical (Entstehungsjahr unbekannt) ist, und es auch einen gleichnamigen Roman von Lothar Schmidt und ein ›Volksliederbuch‹ (1975) von Tomi Ungerer gibt.