Das Schloss in Österreich

(Es liegt ein Schloss in Österreich, das ist gar wohl erbauet)

Volkslied (1549)

Das Schloss in Österreich ist vielfach mündlich aus verschiedenen Gegenden überliefert. Die hier präsentierte Version folgt dem von Ludwig Erk herausgebenen Deutscher Liederhort aus dem Jahr 1856, Nr. 6, Seite 12 ff.

Musiknoten zum Lied Das Schloss in Österreich

Liedtext

Es liegt ein Schloss in Oesterreich,
das ist ganz wohl erbauet
von Silber und von rothem Gold,
mit Marmorstein gemauert.

Darinnen liegt ein junger Knab
auf seinen Hals gefangen
wol vierzig Klafter tief unter der Erd
bei Ottern und bei Schlangen.

Sein Vater kam von Rosenberg
wol vor den Thurm gegangen:
"Ach Sohne, liebster Sohne mein,
wie hart liegst du gefangen!"

"Ach Vater, liebster Vater mein!
so hart lieg ich gefangen,
wol vierzig Klafter tief unter der Erd
bei Ottern und bei Schlangen."

Sein Vater zu den Herren gieng,
sprach: "Gebt mir los den Gfangnen!
dreihundert Gulden die will ich euch gebn
wol für des Knaben sein Leben."

"Dreihundert Gulden die helfen euch nicht,
der Knabe der muß sterben:
er trägt von Gold eine Kett am Hals,
die bringt ihn um sein Leben."

"Trägt er von Gold eine Kett am Hals,
die hat er nicht gestohlen,
hats ihm ein zart Jungfräulein verehrt,
dabei sie ihn erzogen."

Man bracht den Knaben wol aus dem Thurm,
gab ihm die Sacramente:
"Hilf, reicher Christ vom Himmel hoch!
es geht mir an mein Ende."

Man bracht ihn zum Gericht hinaus,
die Leiter mußt er steigen:
"Ach Meister, lieber Meister mein,
laß mir eine kleine Weile!"

"Eine kleine Weile laß ich dir nicht,
du möchtst mir sonst entrinnen;
langt mir ein seiden Tüchlein her,
daß ich ihm seine Augen verbinde!"

"Ach, meine Augen verbinde mir nicht,
ich muß die Welt anschauen;
ich seh sie heut und nimmermehr
mit mein schwarzbraunen Augen."

Sein Vater beim Gerichte stund,
sein Herz wollt ihm zerbrechen:
"Ach Sohne, liebster Sohne mein,
dein Tod will ich schon rächen!"

"Ach Vater, liebster Vater mein,
mein Tod sollt ihr nicht rächen!
bringt meiner Seelen ein schwere Pein;
um Unschuld will ich sterben.

Es ist nicht um das Leben mein,
noch um mein stolzen Leibe;
es ist um meine Frau Mutter daheim,
die weinet also sehre."

Es stund kaum an den dritten Tag,
ein Engel kam vom Himmel,
sprach: "Nehmt den Knabn vom Gerichte ab,
sonst wird die Stadt versinken!"

Es stund kaum an ein halbes Jahr,
der Tod der ward gerochen:
es wurden an dreihundert Mann
ums Knaben willen erstochen. –

Wer ist, der uns das Lied erdacht,
gesungen auch zugleiche?
Das haben gethan drei Jungfräulein
zu Wien in Oesterreiche.

Das Lied von dem Knaben, der zu Unrecht des Diebstahls einer goldenen Kette verdächtigt und hingerichtet wird, stammt aus dem 16. Jahrhundert. Hoffmann von Fallersleben hörte es in Schlesien und schrieb es für seine Sammlung Schlesische Volkslieder auf. Auch Ludwig Erk präsentierte das Lied in seinem Deutscher Liederhort von 1856.